Hallo Elke
Ich habe etwas ähnliches erlebt, aber nicht im Zusammenhang mit Alkohol. Meine Eltern waren sehr verschieden und warum sie sich geheiratet haben, ist mir heute noch ein Rätsel. Nach zwei Jahren wollte meine Mutter sich eigentlich von ihm trennen, stellte aber dann fest, dass sie mit mir schwanger war und beschloss, dass sie dem Ungeborenen die Familie mit Vater und Mutter erhalten muss. 3.5 Jahre nach mir kam dann noch meine Schwester auf die Welt.
An die ganz frühen Jahre kann ich mich nicht mehr erinnern, aber als ich 12 wurde, realisierte ich, dass meine Eltern sich einen ständigen Kampf lieferten. Manchmal lautstark (dann flog auch mal eine Flasche roten Alk an die Decke oder ein Teller in den Garten), oftmals aber auf der unterschwelligene Ebene, so dass dauernd ein ungutes Gefühl zu Hause war. Als die beste Freundin meiner Mutter wegzog nach Amerika, hatte sie keinen Austauschpartner mehr. Dann wurde sie (als ich 16 war) krebskrank - mein Vater brach zusammen und war ihr gar keine Hilfe, da er nur sich als betroffenes Opfer sah: "MEINE Frau ist krebskrank - helft mir!" Die Freundin weg, der Mann keine Hilfe - da blieb nur noch ich übrig, denn meine kleine Schwester wollte sie beschützen. In den nächsten zwei Jahren wurde ich also ihre engste Vertraute und erfuhr Sachen aus der Ehe meiner Eltern, die ein Kind eigentlich nicht wissen muss und will. Ich realisierte aber nicht, was da mit mir passierte.
Als ich 18 war, starb meine Mutter und mein Vater war wieder völlig kopflos und unfähig, Verantwortung zu übernehmen (er begann da auch vermehrt zu trinken). So schaute ich zu meiner kleinen Schwester, bewahrte sie vor einer Alkoholikerkarriere (mit 16 war sie so überfordert mit allem, dawss sie ziemlich viel trank!), schmiss Haushalt und die Finanzen und war einfach schon erwachsen. Aber zu meinem Vater konnte ich keinen Kontakt mehr aufbauen - ich hatte das Bild meiner Mutter übernommen und schaffte es nicht mehr, eine Tochter-Vater-Beziehung mit ihm zu haben und distanzierte mich von dem "bösen Ehemann". Es brauchte Jahre, und eine Therapie, bis ich dieses Muster durchbrechen konnte und wieder lernte, dass mein Vater eigentlich mein Vater ist und die Probleme, die sie in der Ehe hatten (er hat mir dann seine Version auch noch erzählt, nachdem meine Mum gestorben ist) mich eigentlich nichts angehen.
Was ich daraus gelernt habe? Ich bin sehr vorsichtig damit, was ich meinen Kindern erzähle, denn ich habe schon an meinem 2.5 Jährigen erlebt, wie bedingungslos sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, für die Kinder einfachnoch viel zu klein sind. Mein Mann und ich streiten uns zwar auch ab und zu, aber über alltägliche Dinge. Beziehungsarbeit und Diskussionen um den Themenbereich verlegen wir wenn immer möglich auf knderfreie Zeit - damit sollen sie nicht belastet werden.
Dass du wirst wie deine Mutter glaube ich nicht - du bist dir zu sehr bewusst, was mit dir passiert und passiert ist. Wenn du diesen offenen Blick behältst, dann wird dein Leben bestimmt anders ablaufen. Einen ersten Schritt hast du ja schon getan, indem du deiner Mutter verboten hast in deinem Haus schlecht über deinen Vater zu reden. Recht hast du - es ist nicht dein Problem, dein Vater ist dein Vater und du darfst ihn lieben. Die Probleme müssen die Beiden aber alleine lösen, da kannst und musst du nicht helfen (ich habe das viel zu lange bei meinem Vater und seiner 2. Frau gemacht! Absolut verschwendete Zeit und Energie!).
Liebe Grüsse
Jamie