Schönen guten Abend, Alexander,
da ich mich in deinen Zeilen wiedererkenne, und ich seit längerer Zeit nicht mehr geschrieben habe, möchte ich jetzt ein paar Zeilen schreiben.
Zu der Zeit, wo du dich hier angemeldet hast, habe ich meine 7 Wochen stationären Aufenthalt nach Absprache mit meinem Therapeuten beendet. Na gut, 8 Wochen wären gedacht gewesen, aber durch vorhergehende Therapiestunden meinerseits bei einem anderen Therapeuten machte ich gute "Fortschritte", und wir beide meinten, jetzt ist ein guter Zeitpunkt.
Dann nahm ich mehr als 2 Jahre an den Treffen einer SHG teil, auch jetzt sporadisch noch, und seit Jahreswechsel bin ich auch zusätzlich hier im Forum angemeldet.
Ich muss noch dazu sagen, dass ich meinen Tiefpunkt, bzw. letzten Alk-konsum Ende Okt. 2005 hatte, damals einen Promillestand von 3,71 hatte, und in der Intensivstation eines Spitals aufwachte.
In diesen paar Tagen im Spital, Gespräche mit Ärztin und meiner Frau inklusive, hat bei mir eine Sinneswandlung stattgefunden (dafür bin ich unendlich dankbar).
Ich dachte damals:
Wenn du jetzt noch einen Funken Verstand und einen Funken Stolz hast, unternimmst du jetzt was, bzw. lässt dir fachliche Hilfe für dein Alk-problem zukommen.
Seit diesem Tag, das heisst, auch in der Wartezeit auf einen stationären Therapieplatz ( 4 Monate ) habe ich keinen Tropfen mehr getrunken. Habe in der letzten Trinkerzeit aber meine im Schnitt 8 - 12 Bier täglich, schaffe aber nach diversen Auseinandersetzungen mit meiner Frau durchaus auch wieder ein paar abstinente Tage, holte das dann aber wieder auf. Die Anzahl dieser abstinenten Zeiten wurde immer weniger und die Zeit immer kürzer und dazu noch die üblichen Gedanken der Hilflosigkeit gegenüber dem Alk, es war ja so bei mir, dass ich mit einer kleinen Alkmenge das Auslangen schon lange nicht mehr fand. Es mussten um die 10 Biere a 0,5l sein, oft oder am Wochenende mehr. Das Übliche eben....
Jetzt aber wieder zum eigentlichen Thema meiner Zeilen.
Ich kann das nur bestätigen, dass Dinge, die einen früher in der trinkaktiven Zeit schnell auf die Palme brachten, von mir jetzt eher gelassen betrachtet werden. Dies meine ich (für mich), kommt einerseits durch meinen Konsum von Lektüre - heisst ich lese sehr viel -, andererseits auch durch wie du auch schon schreibst, durch Sport - laufen, radfahren, etc. - und der 3. Grund ist, so glaube ich, die immer länger werdende Abstinenz, zuviel Alkohol ist ja auch Gift für die Nerven, so mein Hausarzt, dem pflichte ich vollkommen bei.
Was jetzt heisst: Durch jahrelanges "Nichtmehrzuführens" dieses Giftes wirst du automatisch ruhiger, gelassener und wie ihr auch schreibt, man ist 100%ig bei sich.
Zusätzlich zu dieser Funktion als Nervengift kommt ja noch die Tatsache, dass, ich erzähl jetzt von mir, man damals ja permanentem Stress ausgesetzt war, man hatte Gedanken wie
- wo, wann, wie kaufe ich das nächste Bier (es soll ja keiner was merken
- hoffentlich habe ich keine Verkehrskontrolle
- wie lange wird die Beziehung zum Partner auf diese Weise noch gutgehen
- wie gehen meine Kinder damit um
- wie stets am Arbeitsplatz
diese Liste kann unendlich fortgesetzt werden, das waren meine Gedanken verbunden mit Ängsten in Zeiten, wo ich relativ nüchtern war, d.h. in der Früh/vormittags. Wie soll man da irgendwas ruhig u. gelassen angehen?
Ok, so war es einmal, ich habe mir damals geschworen, ich will dieses Leben nicht mehr, und bin jetzt bald 3 Jahre ohne Alkohol, wohlwissend, dass ich,
1. keinen Tropfen mehr trinken darf und will
2. ich vielleicht noch nicht das ultimative Hobby gefunden habe, ich aber mehrere Beschäftigungen habe, die mir lieb sind
und ich 3. und das ist für mich der allerwichtigste Punkt, ich ein zufrieden-abstinentes Leben erreicht habe, heisst, ich muss nicht täglich in den Spiegel sehen und mir sagen, heute darfst du nicht trinken
Auf das kommts bei mir an, Alexander und Paolo, ihr seit ja, wie ich sehe, ähnlich meiner Meinung.
Ich kann für mich nur sagen, wenn man vorhat, sich dieser Sucht zu entledigen, hat es Sinn, das Ganze mit professioneller und fachlicher Unterstützung zu machen, die Chancen für ein zufrieden abstinentes Leben danach sind meiner Meinung nach besser.
Entschuldigt, dass ich jetzt etwas ausgeschweift bin, wollte das mal wieder aufschreiben aus Dankbarkeit für mein jetziges Leben.
Einen schönen Abend noch
klarerkopf