Hallo Jockel,
wie schon gesagt, bei meinem Vater war es auch ähnlich, getrunken schon immer, seit er in Rente ist, natürlich regelmässig, "hat ja mehr Zeit jetzt".
Ich kann mich auf einen Ausspruch seinerseits erinnern, sicher schon 10 Jahre her (beim Übergang vom Beruf in die Rente) - "Ich habe mich in meinem Leben genug abrackern müssen, ich gönne mir meinen Alkohol". Wenn man ihm zuhört, stimmt das ja auch, Du weisst ja, aufgewachsen in den Nachkriegsjahren und beruflich hatte er auch eine Doppelbelastung bis zu seiner Pension - Arbeit in einer Firma und nebenbei eine kleinere Landwirtschaft. Diese jahrelange Doppelbelastung war auch, so meine Meinung, mit ein Grund seines Alkoholkonsums - mit Hilfe von Alkohol hat er "abgeschalten". Irgendwann dann, schleichend, hat sich eben die Abhängigkeit eingestellt, es ging nicht mehr ohne. Heute ist es so, dass er verhältnismässig viel schläft, wie soll´s sonst sein, und halt immer einen gewissen Promillepegel halten muss. Man merkt aber als Aussenstehender den langsamen Verfall, den der jahrelange Missbrauch hervorruft - Zittern, Unruhe, jähzornig sein, die Körperhaltung, die ständige "Fahne" usw.
Wie ich hier schon schrieb, war ich ja auch auf dem Weg dorthin, habe mir dann aber professionell helfen lassen - für diese Entscheidung meinerseits bin ich heute noch dankbar - aber ich habe durch die Therapie und die Selbsthilfegruppe, die ich derzeit noch besuche, sehr viel zum Thema Alkohol dazugelernt. Ich bin hier sehr feinfühlig geworden.
Ich habe beruflich viel mit Kunden zu tun und oftmals merke ich es verschiedenen Menschen an, dass sie dem Alkohol nicht abgeneigt sind.
Zurück zum Thema: Mein Vater hat noch immer den Führerschein/PKW und kauft den Wein, den er braucht, selber ein. Schnaps und harte Getränke trinkt er so gut wie nie. Er holt den Wein beim Weinhändler, dort ist er gern gesehen, natürlich.
Eine Polizeikontrolle auf der Strasse hat er dabei noch nie gehabt, dann wär`s mit der Fahrerlaubnis vorbei, denn er hat immer seinen Pegel. Wie man es bei Menschen wie meinem Vater sieht, sind sie morgens recht unruhig - dies ändert sich mit dem Konsum des ersten alkoholischen Getränkes. In bestimmten Abständen wird dann "nachgefüllt" und so zieht sich der Tag dahin. Nach diversen ärztlichen Untersuchungen - Blutkontrolle etc. - ist es mit dem Konsum wieder etwas besser, was wiederum seiner Frau, meiner Mutter, freut. Sie sagt jedesmal "jetzt ist es mit dem Trinken bei ihm wieder besser, hoffentlich bleibt`s so". Nach ca. 1 - 2 Wochen ist alles wieder beim alten. Meine Mutter ist eben Co-abhängig - sie weiss es nicht - und nimmt eben alles hin. Ich muss auch sagen, er hat meine Mutter oder uns Kinder nie geschlagen, es sind auch fast nie so richtig "die Fetzen geflogen", das ist vielleicht auch ein entscheidender Punkt, warum meine Mutter es so hinnimmt. Er ist jetzt 68 Jahre (sein Bruder-mein Onkel ist älter und trinkt wenig, ist körperlich deswegen auch noch viel gesünder) und er macht die verschiedenen leichteren Arbeiten auf seinem Bauernhof auch noch selber. Aber wie schon gesagt, immer mit dem gewissen "Spiegel". Ich habe übrigens nebenan mein Haus gebaut und sehe meine Eltern fast täglich. Ab und zu jammert meine Mutter über das Trinkverhalten des Vaters, wie sie aber bei mir gesehen hat und inzwischen weiss, wird sich da nichts ändern, solange er das nicht selber will. Ich kann mich noch an einen Ausspruch eines Mitpatienten bei meiner Kur erinnern, er war etwa gleich alt wie mein Vater, er sagte: Mit dem Alter lässt du dir ziemlich sicher nicht mehr helfen, ausser du hast vielleicht vor Jahren schon mal eine Entwöhnungskur gemacht.
Als Trinker hat man ja die schlimmsten Vorstellungen davon, ich muss im Nachhinein sagen, ich weiss nicht, warum diese blöde Rederei entstanden ist, es gibt nichts besseres, weil da ja auch auf die Gründe für das Trinken eingegangen wird. Mir z.B. hat geholfen u.a.
- ein guter Therapeut, dem ich voll vertraut habe
- und die Teilnahme an Familienaufstellungsseminaren, das heisst, ich habe von März 2006 - Jänner 2007 bei 20 Familienaufstellungen mitgemacht, das hat mir persönlich sehr geholfen, mich emotional von trinkenden Angehörigen/Freunden zu lösen.
Am Ende, Jockel, erwähne ich noch, dass wir 5 Geschwister sind, einen Bruder habe ich 1993 durch Selbstmord verloren (war leider, das kann ich heute sagen, Alkoholiker), eine Schwester hatte ein Alkoholproblem, ist jetzt auch schon jahrelang trocken, hat sich aber der Familie abgewandt, wir "restlichen" drei haben ein gutes Verhältnis zueinander, ich bin jetzt 43 und habe zwei Söhne (16 u. 17 J.), denen ich ein gutes Vorbild sein will.
So, jetzt habe ich einen Teil meiner Geschichte erzählt, tut mal gut.
Was mich noch interessiert hätte, Jockel, du hast geschrieben, mit deinem älteren Bruder war`s genauso, vielleicht noch extremer. Was meintest Du damit?
Ich hoffe, ich habe Dir, Jockel, und alle Interessierten meine Geschichte und Meinung gut rübergebracht, wenn nicht, seht darüber hinweg, ich hatte heute einfach Zeit und Lust zu schreiben.
euer
klarerkopf