Welche Therapie? Überhaupt Therapie?

  • Hallo,
    ich möchte eine Therapie machen, bekomme aber von jedem, mit dem ich darüber rede, eine andere Empfehlung. Jetzt frage ich einfach mal hier in die Runde, wie ihr das seht.
    Zu meinem Hintergrund:
    Ich bin 47 Jahre alt und habe den Hang zum Alkohol, seit ich denken kann, schon von Kindheit an. Ich habe immer alleine und heimlich getrunken, nur abends und vor mir selbst immer mit dem Vorwand, ohne Alk nicht schlafen zu können, die letzten Jahre ca. eine halbe Flasche Wodka jeden Abend.

    Nach vielen Jahren mit Saufpausen, Rückschlägen, Depressionen, tiefster Verzweiflung und Selbstmordgedanken und am Schluss mit dem Gefühl, dass sich das Karussell immer schneller dreht und ich kurz davor stehe, völlig die Kontrolle zu verlieren, habe ich den Alkohol aus meinem Leben ausgesperrt. Ich habe den Stolz und die Überheblichkeit über Bord geworfen, habe kapituliert und brauche (endlich - endlich – endlich) nicht mehr zu kämpfen.

    Ich lebe seit etwa zweieinhalb Monaten abstinent, gehe 2 x wöchentlich zu einer Selbsthilfegruppe, lese alles, was ich an Literatur zum Thema in die Finger bekomme, verfolge täglich das Geschehen hier im Forum und versuche, jeden Rat zu befolgen, der mir sinnvoll erscheint.
    Ich habe mir, meiner Meinung nach, keine Hintertürchen offen gehalten: Ich habe mich in meiner Familie, im Freundeskreis und bei den Kollegen, bei denen es mir wichtig war, als Alkoholiker geoutet. Ich war in der Firma bei der Suchtberatung. Bei meinem Hausarzt habe ich ebenfalls die Karten auf den Tisch gelegt, der Gesundheits-Check sieht gut aus, körperlich habe ich offensichtlich keine Schäden davon getragen – Glück gehabt.
    Ich lebe von einem alkoholfreien Tag zum nächsten und gehe immer nur kleine Schritte. Für jeden ohne Alk verbrachten Tag hefte ich mir morgens darauf in Gedanken einen Orden an die Brust und nehme mir vor, den vor mir liegenden Tag genauso gut zu überstehen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Ich fühle mich sehr wohl ohne Alk und ich merke, wie es psychisch und physisch bergauf geht. Die Menschen um mich herum bemerken diese Veränderung auch und reagieren sehr positiv. Ich habe mich jetzt schon mehrmals mit richtig guter Laune erwischt, ein Zustand, der mir doch eigentlich schon vor Jahren abhanden kam... :D
    Die täglichen Probleme sind nicht weniger geworden, aber sie sehen nicht mehr unüberwindbar aus und ich gehe eines nach dem anderen an, anstatt wie früher davor zu flüchten.

    Ich bin dabei, das Leben völlig neu zu entdecken und habe das Glück, noch nicht alles durch den Alk verloren zu haben. Meine Frau steht zu mir und gibt mir Liebe und Kraft, die Kinder ebenso; Arbeit, Wohnung, Führerschein, alles ist noch da.

    Mir geht es blendend ohne Alk und ich möchte diesen Zustand unbedingt beibehalten. Momentan steht das aber alles noch irgendwie auf tönernen Füßen und ich bin unsicher und habe Angst, einen Fehler zu machen und das schöne neue Leben wieder zu verlieren.
    Bis jetzt ist alles, was ich seit Mitte August getan habe, viel zu reden, zuzuhören, zu lesen und zu lernen (und die Telefon - Nr. vom Suchberater der Selbsthilfegruppe in meinem Telefon zu speichern). Einen Notfall-Plan habe nicht.
    Wie werde ich reagieren, wenn wirklich mal eine Krise oder ein Schicksalsschlag kommt? Bisher hieß mein Krisen bzw. Konfliktmanagement: “Zudröhnen, bis ich nichts mehr spüre, und zwar so schnell wie möglich...“
    Wie kann ich in Zukunft auf Konflikte reagieren? Wie kann ich reagieren, wenn ich mal Saufdruck habe und ich mir die Fliege an der Wand zu einem Konflikt hochspiele, nur damit ich saufen kann...?
    In meinem bisherigen nassen Leben bin ich mit allen Strategien, die ich mir für solche Situationen in Eigenregie zusammengebastelt hatte, kläglich gescheitert.
    Von einer Therapie verspreche ich mir deshalb auch in erster Linie, Rückfallprävention zu lernen, Strategien und Methoden, meinen jetzigen Zustand zu erhalten und zu festigen. Vorbereitet sein auf die Fallen, die mir mein Ex-Freund Alkohol stellen will und die er vielen von Euch schon gestellt hat.
    Der Suchtberater meiner Selbsthilfegruppe empfiehlt mir, eine stationäre Langzeittherapie zu machen. Damit wäre alles abgedeckt, meint er, aber das sind drei lange Monate... Die Suchtberaterin in der Firma meint, eine ambulante Therapie würde für mich ausreichen, da ja Themen wie “Wiedereingliederung in Arbeitsleben und Gesellschaft“ für mich nicht in erster Linie wichtig wären. Mehrere Bekannte aus der SHG, die selbst schon eine Langzeittherapie gemacht haben, sagen übrigens das gleiche. Die Informationen im Internet sind auch sehr vielseitig und jeder stellt natürlich sein Angebot als das Beste vor. Mein Hausarzt sagt, ich könne ja mal über eine Tagesklinik nachdenken und meine Frau hat gestern Abend gemeint, eine Einzeltherapie bei einem Psychologen wäre eventuell auch eine Möglichkeit...
    Hallo?????
    Natürlich meint es jeder nur gut, aber so langsam verliere ich den Überblick und das frustriert mich. - Vielleicht wäre es doch viel einfacher gewesen, kornblumenblau in eine Entgiftung eingeliefert zu werden und dann einfach nur zu machen, was man gesagt kriegt??? (Aus diesem Gedanken grinst der Rückfall, ich weiss...).
    Brauche ich überhaupt eine Therapie? Soll ich nicht besser mein “Tag für Tag-Programm“ weiterleben und alle reden lassen?? Ist vielleicht mein größter Fehler, dass ich mir zu viele Gedanken mache?

    Hoppla, jetzt ist doch mehr zusammen gekommen, als ich eigentlich wollte. Ganz schön viele Fragezeichen, ich bin gespannt, was ihr dazu zu sagen habt.

    Gruß,
    Klaus

  • @meriamun: Vielen Dank fürs Lesen und Deinen Ratschlag!

    @Annika: Sorry, wenn ich hier ein Tabu gebrochen habe bzw. in Euer Fettnäpfchen geteten bin, das wollte ich nicht. Ich möchte mich bzw. meinen Beitrag nicht rechtfertigen, fühle mich aber doch etwas missvertanden.

    Zitat

    Und wenn wir dich hier durch UNSERE Erfahrungen unterstüten können, tun wir das gerne.

    Ja, genau darauf hätte ich gehofft. Mir ging es nur darum, Erfahrungen anderer Alkoholiker zu hören/lesen, damit ich mich besser in das (Über)Angebot einsortieren kann. Von den Beratungsstellen und den Fachkliniken wird jede Therapie "schöngeredet", aber ob diese dann wirklich was gebracht hat, können einem doch nur die Leute sagen, die bereits eine Therapie hinter sich haben. In meiner SHG gehen die Meinungen da von "vollkommen sinnlos, rausgeschmissenes Geld" bis "absolut notwendig, ohne geht garnichts" auseinander.
    Wo sonst außer hier könnte ich eine solche Menge an Erfahrungen finden, aus denen ich mir eine Meinung bilden kann?

    @Karsten: Auch bei Dir "Entschuldigung", wenn ich mich nicht regelkonform verhalten habe. Ich verstehe die Problematik >Schulmedizin - Selbsthilfe< schon und sehe auch ein, dass man hier nicht alle Fragen beantworten kann. Trotzdem möchte ich auch Deinen Beitrag nicht ganz unkommentiert lassen.

    Zitat

    In einer realen SHG wird auch keiner fragen, welche Therapie für ihn die beste ist oder was ihm dort erwartet.

    Doch, genau das habe ich in meiner SHG getan.

    Zitat

    Wenn Du eine Therapie machen möchtest, mußt Du eh eine Beratungsstelle aufsuchen.

    Ich habe zwei Beratungsstellen aufgesucht + Arzt + die Meinungen aus der SHG gehört.

    Ich denke, ich habe zu viele Meinungen gehört, da genau liegt vermutlich der Grund meiner Verunsicherung. So richtig voran bringt mich diese Einsicht jetzt aber auch nicht... Ich möchte das jetzt aber trotzdem dabei belassen und keine Diskussion anfachen, Regel ist Regel, ich finde mich mit dem Ergebnis meines Beitrags ab.

    Lieben Gruß,

    Klaus

  • Karsten schrieb:

    Zitat

    Wir haben hier eine Onlinegruppe aufgebaut, wo wir ohne Therapie und Psychologen den Erfahrungsaustausch suchen.

    Genau deshalb ist es immer noch seltsam, dass hier für Suchtkliniken geworben wird.
    Das ist und bleibt ein Wiederspruch :!:
    Logischer wäre, auf die Kohle der Kliniken zu verzichten, ODER die Leute über das was sie hier nun mal auch sehen in aller Ruhe reden zu lassen.
    Grüße,
    walf

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