Offenheit bei Stellensuche ?

  • Hallo zusammen,

    meine Frage stammt aus dem thread von aschey, in dem aber weiter nicht darauf eingegangen wurde.

    Es geht zwar wieder in die Richtung "outen", aber hier speziell darum, ob es sinnvoll ist, bei einem Vorstellungsgespräch darzulegen, dass man eine Trinkerkarriere hinter sich hat.

    Es gibt die Theorie, dass Arbeitgeber trockene Alkoholiker "mögen", weil sie aufgrund "ihres schlechten Gewissens" und aus Gründen der Wiedergutmachung gerne bis zum (promillefreien) Umfallen arbeiten.

    Natürlich hat es nichts in einer Bewerbung zu suchen, aber im Vorstellungsgespräch ?

    Welche Erfahrungen liegen hier vor ?

    gruß craving

  • Servus Craving,

    zu der von Dir vorgetragenen Theorie muss ich sagen, das diese sehr weit hergeholt ist.
    Sicher, es gibt Alkoholiker die im Rahmen einer Suchtverlagerung zu Workaholics werden. Es sind zum Glück wenige.
    Aber dies in eine Theorie umzumünzen, wonach Arbeitgeber gleich "trockene Alkoholiker mögen" würden, ist mehr als gewagt.

    Fakt ist, dass in den letzten Jahren -gerade in größeren Unternehmen- ein Umdenken begonnen hat. Dieses Umdenken betrifft auch uns Alkoholiker, wir werden nicht mehr "generell als minderwertig" angesehen (vielen Dank auch dafür - Ironie wieder aus). Unsere Krankheit wird inzwischen von einer größeren Zahl "Personaler" als solche angesehen und entsprechend "toleriert", so lange wir trocken sind.
    Ich kenne auch einige Firmen, die sich (meinstens in Zusammenarbeit mit einer Mitarbeitervertretung) zum Abschluß von Betriebsvereinbarungen zum Thema "Umgang mit Suchtkranken" bereit erklärt haben, und diese Denkmodelle sind in den Firmen auch umgesetzt.

    Eine generell wachsende "Bevorzugung" von uns trockenen Alkoholikern kann ich daraus nicht erkennen oder ableiten. Es ergab sich auch in den Diskussionsrunden (Wirtschaft & Suchthilfe) kein Ansatz, der diese Theorie stützen würde.

    Unabhängig davon ist es Sache des Einzelnen, wie er damit umgehen möchte. Ich für meinen Teil gehe sehr offen damit um, habe auch schon über meine positiven Erfahrungen berichtet.

    Dazu möchte ich aber auch sagen (weil mich jemand per PN explizit danach gefragt hatte), dass ich durchaus schon die gegenteilige Erfahrung machen musste: bei einem früheren Arbeitgeber (US-Unternehmen) waren Suchterkrankungen bis zum Level MD nicht tolerabel, ab MD-Level war's dann OK...

    Womit wir wieder beim Fazit wären: wer zu seiner Erkrankung steht, nimmt auch diese Widrigkeiten in Kauf - und lebt für sich sehr gut damit, weil ohne jede Lüge/Vertuschung/Geheimniskrämerei.

    LG
    Spedi

  • Hallo Craving,

    in einem Thread unter Alkohosucht, hatte mich vor knapp 12 Tagen dieses Thema bzw. diese Frage selbst auch sehr beschäftigt und Gedanken gemacht, da ich am 15.02 nämlich ein Vorstellungsgespräch hatte.

    Auch durch den Rat einiger Mitglieder hier, hatte ich und würde ich mich auch künftig wieder für die Offenheit entscheiden.

    Die Personalleiterin hatte sich dafür sogar bedankt, und angeboten ggf. Terminüberschneidungen 1x die Woche während meiner amb. Therapie bei der Arbeitszeit zu berücksichtigen, im Falle einer Einstellung. Gestern bekam ich Bescheid das ich da ab Mitte März anfangen kann.

    Ich habe schon öfters gehört, das bei vielen Arbeitgebern trockene und stabile (Alkoholiker) Arbeitnehmer sehr beliebt sind aufgrund ihrer Zuverlässigkeit und erhöhter Konzentration.

    Aber wie gesagt, nur von gehört bei uns in der SHG

    Ich komme besser damit klar die Alkoholkrankheit nicht zu verschweigen und freue mich auch schon auf einen ersten entspannten Arbeitstag, ohne die Last im Kopf: "Eigentlich wäre doch da noch was"

    Liebe Grüße Heiko

  • Servus Chrissyta,

    Deine Meinung sei Dir unbenommen, aber nur Deinetwegen werde ich jetzt nach gut dreissigjähriger "Abstinenz" nicht wieder anfangen, an das Christkind zu glauben :P

    Mal ehrlich: nicht nur bei mir hat es mit dieser Offenheit funktioniert. Und ich fühle mich gut dabei. Warum sollte ich es beim nächsten Mal nicht wieder so machen?

    Du magst Angst haben, ob berechtigt oder unberechtigt, sei dahingestellt. Aber das Verschweigen Deiner Akloholkrankheit ist kein Garant für den Gewinn einer Stelle - höchstens ein Garant für Irritationen, wenn es doch einmal herauskommt.

    Aber mach das, wie Du es für richtig hältst - Du musst damit zufrieden leben können.

    LG
    Spedi

  • Servus Chrissyta,

    ich seh das nicht als Einmischung, sondern als Deine Meinung. Und die steht Dir genauso zu, wie jedem anderen.

    Was mich allerdings jetzt ein wenig wundert, ist Deine "Einstellung" zum Arbeitsleben:

    Zitat von chrissyta

    mit über 50 muss man niemand mehr anlernen, wenn jemand 30 jahre in der buchhaltung gearbeitet hat, dann kann er das und braucht keine weiterbildung mehr. welcher arbeitgeber zahlt heute noch weiterbildungen für neue arbeitnehmer.

    Ich muss meine "+50er" schon noch regelmäßig schulen lassen, auch in der Buchhaltung. Die (Steuer-)Gesetzgebung ist nicht mehr auf dem Stand, wie es die Herrschaften in der Lehrzeit vermittelt bekamen. Und bei mir wird auch nicht mehr mit der Kladde und Journalen gearbeitet, sondern mit EDV - und die wird aktuell auf ABCDE umgestellt. Und meine Arbeitnehmer zahlen ihre Fortbildung leider nicht selber (möchte ich auch gar nicht), ist mein Part...

    LG
    Spedi

  • Hallo Crissyta.

    So macht meiner Meinung nach halt jeder seine eigenen Erfahrungen, ich habe bei dem Vorstellungsgespräch auch nicht jeden einzelnen Rückfall runter geleiert.
    Ich habe u.a. von mir aus freiwillig angeboten ggf. Nachweise von meiner lfd. amb. Therapie vorzulegen, da erwähnte die Chefin, dass sie die Tagesklinik kenne und bereits schon öfter damit Kontakt hatte, wer weiß warum . :o . vielleicht ja auch durch den Weihnachtsmann, ich weiß es nicht.

    Oder aber auch durch Mitarbeiter und neue Kollegen, die ich noch kennenlernen werde.

    LG Heiko

  • Hallo zusammen,

    es geht um die Frage „Offenheit bei Stellensuche“, die angesichts der großen Anzahl von Arbeitsuchenden auch oder gerade in diesem Forum eine Bedeutung hat. Es geht rein um das Vorstellungsgespräch, nicht darum, ob heute „Denkmodelle“ oder „Betriebsvereinbarungen“ in einigen Firmen bzgl. dem Thema Umgang mit Suchtkranken umgesetzt wurden.

    Die rechtliche Situation ist eindeutig : unzulässige Fragen des AG, dazu gehört u.a. das Auskunftsbegehren nach Alkohol- oder Drogenabhängigkeit) brauchen nicht beantwortet zu werden, wenn der AN die arbeitsvertraglichen Pflichten (trotz seiner Krankheit) erfüllen kann. Der AN hat hier sogar das „Recht zur Lüge“ nicht nur der Verweigerung einer Antwort.

    Wenn ich Heiko hier richtig verstanden habe, hat er ungefragt der Personalleiterin erzählt, dass er ein Alkoholproblem hat(te). Er hat – natürlich nicht nur deshalb – nun eine neue Arbeitsstelle gefunden.

    Chryssita hat auch eine neue Arbeitsstelle gefunden, aber wäre auf Teufel komm raus nicht auf die Idee gekommen, dem neuen AG auf die Nase zu binden, dass sie als Alkoholikerin ja unheilbar krank ist. Auch sie hat die Stelle vermutlich nicht nur deshalb bekommen, weil sie hierzu nix gesagt hat.

    Die Frage anders formuliert könnte lauten : Habe ich Vorteile, wenn ich bei meiner Vorstellung von der Alkoholiker-Karriere berichte ? Oder – um allen gerecht zu werden – habe ich Nachteile, wenn ...

    Es geht mir hier nicht darum abschweifende Diskussionen auszulösen, sondern Ratschläge und Erfahrungen zu erhalten, welche Erlebnisse trockene Alkoholiker bei Ihren Vorstellungsgesprächen hatten.

    Gruß craving

  • Hallo craving,

    interessante Frage. Ich habe dazu zwei Antworten eingesammelt, eine vom Personalleiter einer grösseren Baufirma und eine von einem Personalberater aus dem Bekanntenkreis.

    Beide haben in etwa die gleiche Meinung vertreten :

    Beim Vorstellungsgespräch sei der Hinweis eines trockenen Alkoholikers auf seine Erkrankung nicht gerade geschickt. Bei mehreren Bewerbern würde eher derjenige den Vorzug bekommen, der dies nicht erwähnt hätte. Die Theorie des besonderen Fleisses solcher Personen sei nicht falsch, aber die Rückfallgefahr sei auch nicht zu unterschätzen.

    Bei einem bestehenden Arbeitsverhältnis sahen die beiden die Situation anders. Zumindest in grösseren Firmen sei es ratsam, nach dem Entschluss zu einer Entgiftung bzw. Therapie möglichst früh, also bevor eine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit beginnt, ein offenes Gespräch mit dem Vorgesetzten und sogar den Kollegen zu suchen.

    Allerdings würde nicht jeder Personalleiter positiv reagieren und die Grösse der Firma und die besetzte Position spielten auch eine Rolle. Es gäbe keine starren Regeln.

    Ich jedenfalls würde mich beim Vorstellungsgespräch nicht outen. Bin ich in einem Arbeitsverhältnis, dann würde ich es tun; zwar kann ich zwei Wochen Urlaub nehmen und in dieser Zeit (heimlich) eine Entgiftung durchführen. Aber ohne wenigstens ambulante Therapie danach bringt die Entgiftung kaum Erfolg. Und dann wäre eine Kollision mit meiner Arbeits- oder Leistungsverpflichtung nicht mehr vermeidbar.

    Gruß von Jonas

  • Hallo@all,
    Da dieses Thema,immer wieder aufgegriffen wird,möchte ich auch einmal etwas dazu sagen.

    Letztendlich,geht es doch hier,um jeden einzelnen von uns,daß da verschiedene Meinungen und Sichtweisen aufeinandertreffen,ist auch normal.
    Mann kann diesen Thread auch endlos weiterführen,eben weil es so ist,wie oben genannt.

    Jeder einzelne,muß für sich doch selbst seine eigene Entscheidung treffen,wie er es handhabt,und er muß sich die Frage stellen,auf welcher Basis er seine Trockenheit aufbaut,und auch wie er damit umgeht.und auch jeder einzelne,muß auch mit deren Konsequenz fertig werden,die an seine Entscheidung anknüpft!!

    Liebe Grüße,Andi

  • Hallo Blue Bouncer,

    eben weil sich jeder einzelne (Bewerber !) die Frage stellen muß, wollte ich die Erfahrungen von anderen hören.

    Aschey, der hier in einem anderen thread schreibt, hat sein Vorstellungsgespräch gerade hinter sich.

    Er hat seine Krankheit erwähnt und wartet nun auf das Ergebnis.

    Ich bin gespannt und drücke ihm die Daumen.

    Gruß craving

  • Blue, da kann ich nur zustimmen. Das muss jeder für sich herausfinden.

    Bedenklich wäre es nur, wenn sich jemand von diesen Ansichten dahingehend beeinflussen lassen würde, dass er/sie fremde Meinungen für eigene Entscheidungen hernimmt. Dass wäre dann wieder "nasses Denken pur", weil es die Verantwortung für das eigene Tun auf fremde Grundlagen delegiert.

    Aber das wird ja hier nicht der Fall sein.

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