Ja, liebe Lilly, Du konntest viel erklären,
ich war schon davon ausgegangen, dass Dein - weiblicher - Weg ein anderer ist. Zum ersten treten wir Frauen anders auf, wurden auch zumeist auf nicht auffallen erzogen und zum zweiten dürfte die Scham bei Frauen noch wesentlich größer sein.
Weißt Du Lilly, das mit Hilfe annehmen ist glaube ich nicht nur in der Sucht so sondern auch im täglichen Leben. Viele Menschen wollen, auch am Arbeitsplatz, nichts aus der Hand geben. Warum denn? Jeder der mehr weiß kann doch dem Arbeitsprozeß etwas beisteuern. Aber wie viele Vorgesetzte gibt es, die einfach Macht behalten wollen und keine Tätigkeiten aus der Hand geben. Dabei berauben sie sich selber.
Dieses "reinrutschen" war wirklich das, was mir in vielen Biografien auffiel. Wenn ich meine Co-Abhängigkeit betrachte, so ist es nicht anders. Wenn ich meinen schlimmen Arbeitsplatz und das folgende Burnout betrachte ebenso. Ich wollte funktionieren, keine Arbeitslosigkeit riskieren, Jobs sind rar, ich bin 46 und der Arbeitsmarkt schreit nicht hurra. Genau so habe ich seit ich hier auf dem Dorf lebe nur noch funktioniert. Mein Tiefpunkt war das mein Arbeitgeber aus finanziellen Gründen rationalisieren musste und bei mir eine unsaubere Schiene fahren wollte. Da wurden wohl alle noch innewohnenden Kräfte und mein Wissen aktiviert und ich ging dagegen an. Das hatte auch die Veränderung in der Beziehung zur Folge. Wer einmal beginnt bei sich selber nachzufragen, der ist oftmals gezwungen, dann das ganze Leben zu befragen.
Ich weiß zwar dass es sinnlos ist einen Alkoholiker auf seinen Konsum anzusprechen. Dennoch finde ich es schade, wenn das nicht passiert. Ich kann Deine Kollegen - und auch die damalige Zeit, denn in Sachen Aufklärung wird ja mehr getan - schon verstehen. Aber ich denke immer, jeder Hinweis und jedes Ansprechen zeigt einem Kranken man/frau macht sich Gedanken um ihn und er/sie ist nicht so unauffällig wie er/sie meint. Dass es nichts bringt ist logisch - aber am gefährlichsten empfinde ich das Schweigen.
Wenn ich Deine Zeilen so lese und die Berichte hier, als auch mein eigenes Erstaunen innerhalb der letzten beiden Monate, so scheint es so zu sein, dass die Abhängigkeit jahrzehntelang treiben kann, unauffällig in ein soziales Gefüge integriert. Irgendwann einmal scheint es rasend schnell zu gehen und der Körper droht vergiftet zu werden und einfach seinen Geist aufzugeben.
Mensch Lilly, da denke ich an eine Alkoholikerin, die unter mir arbeitete. Die trank Spiritus in ihrem Multivitaminsaft. Und ich konnte nicht verstehen, dass diese Frau von einer Minute auf die andere total breit war. Trotz dem Wissen dieser "Abartigkeit" war mir wohl bis jetzt nicht klar, wie tödlich, wie grausam und wie heftig diese Krankheit ist.
Ach Lilly, mit Chance meinte ich dass er jetzt noch nicht soweit ist, eventuell wenn es tiefer bergab geht. Ich für mich gehe nicht davon aus, dass er den Weg aus der Sucht überhaupt schafft. Und ich merke es Tag für Tag deutlicher, es geht nicht nur um die Sucht, warum meine Beziehung für mich nicht mehr interessant ist.
Es geht um den Alltag, um die Bewältigung der täglichen Pflichten. Es geht um Verhaltensweisen wie nach dem Heikommen im Keller zu verschwinden - und wohl zu tanken. Es geht darum, dass es keinen gemeinsamen Freundeskreis geben kann weil unsere Arten von Kommunikation so anders sind. Der Alk hat allem seinen Siegel aufgedrückt, aber viel mehr als der Alk machen eine Fortsetzung - auch trocken! - unmöglich.
Lieben Dank für Deine Aufklärung, liebe Lilly.
Sodele, guten Morgen auch Dir, liebe Crevette,
deren Worte ich schon gut verstanden habe 
Weißt Du, soweit denke ich gar nicht "gleiches mit gleichem zu vergelten". Ich hatte gar keine Zeit mich mit Rache oder Vergeltung zu beschäftigen, weil hier alles viel zu schnell lief und bereits vier Wochen nach Beginn des Theaters ging es um das "Abfackeln des Hauses". Also musste ich mich recht schnell um Überlebensstrategien kümmern ohne Zeit für Rache aufbringen zu können.
Für mich gilt persönlich die Verhaltensweisen über die Sucht erklärt zu haben und nun mehr zu begreifen. Aber diese Sucht sollte bei mir nicht dazu dienen mit Mitleid auf die Situation zuzugehen. Im Gegenteil, mit dem Wissen, wie diese Sucht verläuft bin ich sehr hart geworden. Meine Nachbarin meinte einmal, sie war beim grillen dabei, sie würde es an seiner Stelle nicht aushalten wie neutral ich zu ihm sei obwohl er wieder um die Beziehung kämpfe.
Irgendwann war der Punkt, wo ich für mich sagen musste, Worte und Versprechungen sind nicht realisierbar, Heilungseinsicht nicht vorhanden und wir als Personen sind grundunterschiedlich und können nicht zusammen klarkommen. Ich kann mich in eine Schönfärbewelt verziehen, aber werde immer wieder brutal daraus aufwachen.
Schon, liebe Crevette, der Stoff ist die Luft zum Atmen, den Stoff zu verlieren dürfte als Gedanke schon Panikattaken auslösen. Und dennoch muss ich sagen, dass ist das Problem eines Alkoholikers geworden und darf nicht meines sein. Ich muss Dir sagen, für mich persönlich ist es sogar das Beste, wenn ich meinem Ex-Partner nicht mehr in die Augen sehe. Deshalb sehe ich noch nichteinmal ob er superfertig oder nur fertig aussieht. Seit der Eskalation führe ich keine Gespräche mehr mit ihm. Aber auch wenn er versucht mich anzusprechen, so sehe ich ihn nicht an. Für mich ein Schutz um keinerlei "alte Gefühle" aus "Krokodilsaugen" zuzulassen.
Für mich persönlich geht es um mein weiteres Leben, in welchem er nicht eingeplant ist. Der Wunsch meines Ex ist seinem Arbeitsplatz zu flüchten und auch seinen Wohnort geografisch in den neuen Bekanntenkreis zu verlegen. Das kommt mir sehr entgegen, da ich auf diese Art und Weise Abstürze und Schilderungen über sein Leben nicht erhalten würde.
Ich denke eher, es scheitert an der schlechten Arbitsmarktlage und seiner finanziellen Möglichkeit diesen Ortswechsel durchzuführen. Davon einmal abgesehen bin ich mir nicht sicher, ob Arbeitgeber oder Vermieter den Zustand eines Alkoholkranken übersehen.
Ich werde wahnsinnig, wenn er nach dem Wäsche waschen seine nassen Klamotten auf meine trockenen hängt, einfach der Schnelligkeit halber. Ich kriege fast den Vogel, weil er seinen Aschenbecher in den Mülleimer, den ich gerade geleert habe, schüttet ohne einen Müllbeutel rein zu legen. Und das sind nur die Kleinigkeiten .... das wäre mein tägliches Leben zusammen mit ihm, auch wäre der Alk nicht. Es passt einfach nicht.
Das erspart mir dennoch nicht die eine oder andere Trauer, das steht auf einem anderen Blatt! Aber das was sich bei mir aufzeigt sind zwei Menschen auf Straßen, die sie voneinander weg führen.
Lieben Gruß von Dagmar