Lieber Frank,
Lindes Gedanke ist gut - Farbe ins Leben bringen.
Ich selber bin auch rund 4 Monate in ein abgrundtiefes Loch gefallen. Ich habe ganz ganz viel mit dem Kopf und Tricks gearbeitet. Einfach weil mein Gefühlsleben so was von im Keller war ... wohl so wie bei Dir.
Ich habe mich regelrecht selber ausgetrickst: schöne, farbige Blumen - mir Freuden bereitet (die natürlich nicht so voll wirkten wie wenn ich keinen Kummer gehabt hätte) Ich musste mir quasi selber beweisen wie wertvoll ich bin.
Ich hing oft stundenlang in Trauer. Habe mir das auch bis zu einem gewissen Punkt erlaubt weil es einfach wichtig ist das zu durchleben; wenn auch nicht schön. Nach ein paar Stunden Trauer habe ich mich dann täglich selber in den Hintern getreten: Genug getrauert, dem Liebeskummer genug Macht gegeben, wenn ich schon traurig oder wütend bin, dann bitte möchte ich konstruktiv damit umgehen: Unkraut jäten, Holz stapeln oder oder oder. Meine Trauer war genauso da wie zuvor, aber ich habe sie in Taten umgesetzt auf die ich später stolz war.
Ich habe unzählige Interessen und doch konnte ich in den Monaten des schlimmsten Liebeskummers kaum das Loch füllen, welches entstanden war. Ich habe mir nur immer ins Gedächtnis geführt dass ich zwar ein Loch empfinde aber mich gleichzeitig mit den Dingen konfrontiert, die mir Freude bereiten. Ich konnte sie nicht in den schillernden Farben wahrnehmen, aber spüren es gibt sie noch.
Ganz wichtig, aber sehr schwer, war der Kontakt zu meinem Außenfeld. Neuen Menschen begegnen, diese offen aufzunehmen um zu bemerken es kommt vieles neues auf mich zu - es gibt nicht nur den alten Kummer.
Alles, lieber Frank, ging bei mir über den Kopf weil die Seele leer und fast tot war vor Kummer. Die Kraft dafür war nicht immer leicht zu finden. Stunden saß ich oft wie gelähmt da und dann musste mein Tritt in den Hintern kommen - von mir selbst.
Glaub mir, ich weiß nur zu gut, wie schwer es ist, sich selber da raus zu ziehen. Um genau zu sein, ich dachte anfänglich es geht gar nicht. Da war ich aber schon auf dem Weg, was ich vor Kummer nicht spüren konnte.
Dass in jedem Ende auch ein Anfang liegt, konnte ich erst sehr viel später registrieren. Dass dieser Punkt ini meinem Leben, an dem ich mich fragte ob ich überhaupt noch leben will oder kann die Wende in ein glückliches, zufriedenes Leben war, konnte ich damals nicht erkennen.
Ja Frank, ich viel in ein Loch weil ich von meinem Partner abhängig war. Ich tat alles für ihn - gebacken hatte ich um ihm eine Freude zu machen. Gekocht hatte ich, damit es ihm gut ging. Ich musste erst lernen, dass ich ebenso viel wert bin und das alles für mich tun sollte. Übrigens, auch nach den drei Jahren muss ich hier noch weiter für mich lernen, habe noch nicht alles für mich selber getan - aber alles ist anders geworden. Hätte ich vor drei Jahren nicht für möglich gehalten.
Und Frank, Du hast es richtig schön erkannt: das Trinken wäre keine Lösung. Es würde nämlich nichts an der Situation ändern. Klar, Du könntest Dich wegbeamen und würdest zu dem Zeitpunkt den Schmerz nicht spüren. Aber irgendwann mal würde er Dich dennoch einholen - auf die eine oder andere Art und Weise.
Ich weiß, daß es Dir absolut nicht hilft gute Ratschläge zu erhalten und zu wissen, dass es einmal besser werden wird. Dazu sitzt der Schmerz zu tief - auf ein "morgen" will und kann man gar nicht sehen weil das "heute" fast nicht zu ertragen ist.
Ich selber habe einfach nur versucht mir die Chance zu geben trotz allem Schmerz offen in andere Gesichter zu sehen und neue Menschen freudig kennen zu lernen. Das hat bei mir ganz viel bewirkt weil mein "aussen" offen auf mich zukam, mir viele Freuden bereitet hat, die meinen Kummer immer etwas kleiner werden ließen.
Ich darf traurig sein, ich darf Kummer haben, ich darf mich "tot" fühlen, aber ich darf mich nicht aufgeben! So habe ich versucht mit mir umzugehen.
Ich drücke Dich ganz doll in der Hoffnung, dass Dir heute ein zwei freundliche Gesichter begegnen - einfach nur freundlicher Augenkontakt und zu spüren: ich bin als Mensch angenommen. Nicht mehr und nicht weniger
einfach da, am Leben und auf dem Weg aus dem Loch heraus.
LIeben Gruß von Dagmar