Für mich bedeutete es eine nie gekannte Ruhe - vielleicht sogar eine, an die ich mich gewöhnen musste.
Vorbei die beständigen Sprünge auf einem Riesentrapez. Zu Boden geschmissen wenn Wutattacken an der Tagesordnung waren, in die Luft gewirbelt wenn es so schien, als wäre Normalität eingekehrt. Entzug vom ständigen auf- und ab, das mein Körper mit Krankheiten beantwortete.
Ja es ist Entzug! Glasklar bei mir! Je weiter er weg war, desto mehr sehnte ich mich nach meiner Illusion. Stand der Wutbrocken vor der Türe oder suchte er Kontakt, so war auch das schon eine Ohrfeige, weil das, was da stand, das wollte ich auf keinen Fall....
Entzug von vielen Worten, denen keine Taten folgten. Worte, die oftmals verlogener waren als die Prognosen für Sommer oder Winter.
Entzug heisst endlich frei zu sein von Vorhaltungen gegenüber dem anderen weil sein Leben mich nicht mehr beeinflußt. Wut und Hassgefühle entdlich zu überstehen, weil keine Präsenz mehr da ist, die mich wütend oder traurig macht. Aber es ist Entzug...
Ja, der seelische Entzug dürfte dem körperlichen sehr ähnlich sein, den ein Alkoholiker überstehen muss: schlechte Nächte, schlimme Träume, Angstgefühle und Zukunftsängste.
Entzug bedeutet aber auch dass Belastungen entzogen werden, die wir vielleicht nicht als Belastungen verspürt haben. Dinge, die wir als Zugeständnisse ertrugen, der Form halber um das Deckmäntelchen weiterhin zu bedecken über seine Sucht und unsere Untertützung der Sucht.
Entzug bedeutete für mich kein TV mehr während des Schlafens - Entzug bedeutete kein Schnarchen mehr hören zu müssen, wegen erhöhtem Alkoholspiegel - Entzug bedeutete keine Hochspannung mehr, die beim absinken fast mein persönliches Kraftwerk entladen hat.
Entzug verbinde ich mit negativem! Wenn ich es in Bezug auf meine Beziehung und meine Veränderung annehme, dann wurde mir negatives für mein Leben entzogen. Belastungen, von denen ich meinte, mein Gott, so kleinkariert kannst Du doch nicht sein, durfte ich endlich als Belastung sehen und ablehnen. Entzug bedeutet für mich nicht mehr kooperativ zu sein nur um meine Gesundheit zu schützen oder vielleicht eine bereits "verseuchte" Beziehung als Virenträger weiterhin am Leben zu erhalten.
Nein, ganz entzogen habe ich noch nicht. Die Gedanken wandeln immer wieder um mein Suchtmittel. Ruckzuck bin ich wieder (wie wohl ein stofflich abhängiger) an einem Ort der mir Erinnerungen bringt. Aber entgegen meiner ersten Phase im Entzug, wo mich mein Gift noch anfassen, erreichen und umwerfen konnte, so ist das mir gefährliche Gift nun so weit entfernt, dass es mich nur erreichen könnte wenn ich einige Schritte auf mein Gift zugehe. Was ich hoffentlich nicht tun werde!
Nein, derzeit ist dann meine Aufgabe, wenn die Gedanken in Richtung "Verschwendung" gehen zu mir zu sagen, halt es gibt so viele schöne und sinnvolle Dinge in der wenigen Zeit, die Dir verbleibt, schicke den schlechten Jahren nicht auch noch weitere Minuten dazu aus dem jetzigen Leben.
Entzug bedeutet für mich in den Hintergrund zu stellen was war und mich auf das konzentrieren was heute ist.
Aushalten - durchhalten - entziehen. Verlangen wir das nicht auch von einem Alkoholiker? Erwarten wir nicht, dass ihm die Beziehung zu uns so viel wert ist, dass er von seiner stofflichen Sucht Abstand nimmt?
Warum also, soll unser Entzug leichter sein als der "Seinige"?
Erwarten wir nicht vom Alkoholkranken, dass er seinen Entzug mit Hilfe von Fachleuten überwindet und in Therapie geht? Dann also gilt für mich ich möchte selbiges erst mal selber ausprobieren um überhaupt zu wissen, wovon ich spreche. Es ist leicht zu sagen "mein Ex hat mir dieses oder jenes angetan, dabei ist er nüchtern doch ganz anders". Wie bin ich denn nüchtern????
Bin ich vielleicht auch wenn ich auf Entzug bin wüten oder aggressiv? Ich persönlich war traurig und hatte nicht mehr die Kraft für Wut oder ähnliches. Aber mit welchem Recht habe ich persönlich einen Vorwurf gestartet über die Veränderung der Psyche, wo doch meine sich auch schon geändert hatte und erst durch einen "Entzug" eventuell wieder gesunden kann?
Lieben Gruß von Dagmar