Liebe Tini,
du hast gefragt, was wir als 1. Hilfe empfehlen können.
Für ihn oder für dich?
Für ihn - Aufhören ihm seine Sucht zu finanzieren. Alle Kanäle blocken.
Für dich - Dasselbe.
Ich habe den Reflex, dich am liebsten per Hubschrauber da rauszuholen, dein Handy unter die nächste Straßenwalze zu werfen und dich auf einer Alm oder am Meer einzuquartieren.
Tempo rausnehmen. Abstand wahren. In kleinen Schritten den Fokus weg von ihm, hin zu dir selber lenken. Du darfst glücklich sein, auch wenn es ihm nicht gut geht.
Es ist ja seine Entscheidung, wie er leben möchte. Und es ist deine Entscheidung, dein Leben zu leben.
Manche brauchen den absoluten kompletten finanziellen, körperlichen, beruflichen, sozialen Absturz, um endlich Hilfe annehmen zu können. Wenn man sie finanziert und ihnen alles abnimmt, hinter ihnen aufräumt und putzt usw. usw., dann verlängert man nur das Elend. Und geht dabei selber mit kaputt.
Leider ist es so, daß er sich tatsächlich mit seinem Lebenswandel umbringen darf. Mancher ist im Knast "aufgewacht" und hat das als Wendepunkt angenommen.
Hilfe durch Nicht-Hilfe, das ist was man als Angehöriger tatsächlich machen kann. Dem Suchtkranken deutlich sagen, daß man ihm nicht mehr hilft und er ab jetzt selber für alles verantwortlich ist. - Und das dann unbedingt durchhalten. Klar wird vom Suchtkranken dann ein Riesenrepertoire an Knöpfen gedrückt, hat ja bisher immer funktioniert..
Man weiß als Angehörige nicht, ob Nicht-Helfen etwas bringt. Aber Helfen hat ja auch nichts gebracht.
Manchmal geht es einfach immer weiter abwärts, ohne daß man das geringste tun kann. Das Ohnmachtsgefühl ist furchtbar. Er könnte sich jederzeit Hilfe holen: Hausarzt, Suchtberatungsstellen, Krankenhaus...
Als Angehörige hast du alles durch, jetzt ist er dran. Übe Nein-Sagen. Nein zu ihm ist gleichzeitig Ja zu dir.
Könntest du dir vorstellen, ihn seinem Schicksal zu überlassen? Ich meine das nicht negativ. Eher so, wie wenn man betet. Ich gehe nicht in die Kirche, aber bei schwierigen Angelegenheiten ist es inzwischen so, daß ich sie in die Hände einer höheren Macht legen kann. Man kann auch Gott sagen oder der Fluß des Lebens o. ä.
In mir ist ein ruhiges Vertrauen gewachsen über die ganzen Jahrzehnte, daß ich Dinge, die ich nicht ändern kann, einfach loslassen kann, weil sie vom Leben selbst aufgefangen werden. Wie auch immer sich das dann gestaltet. Das liegt dann nicht mehr in meinem Bereich.
Es hat was damit zu tun, selber anzuerkennen, daß man Grenzen hat. Nicht im Sinne von, ich bin zu schwach, ich habe versagt oder sowas. Nein, ich meine was anderes. Man hat Grenzen, die gut sind und die man auch respektieren sollte. Für einem selber, aber auch für den anderen.
Ich habe immer mal sowas wie "offene Baustellen" mit anderen Menschen, das ist ja völlig normal. Wenn ich merke, daß die Menschen völlig unerreichbar sind, nehme ich mich raus und überlasse alles dem Lauf des Lebens. Das entlastet mich und entläßt mich aus Verantwortungen, Erklärungsnöten, Rechtfertigungen, Hilfen, Gedankenkarussellen.....
Manchmal ist nach einer Zeit wieder eine Begegnung möglich, einfach so. Manchmal auch nicht. Aber das liegt nicht in meiner Hand.
Liebe Grüße, Linde