Hallo Kaffeetasse,
bei Reizüberflutung, Todesangst, bei einem Unfall, bei großem Schmerz u.ä. nichts mehr zu fühlen, das ist ein Segen, ein Schutzmechanismus, ein eingebauter Überlebensmechanismus.
Man kennt das von einem Unfall, man spürt nichts, erst hinterher wieder - wenn überhaupt. Das Gehirn schnipselt großzügig um solche schlimmen Ereignisse drumherum und sichert so das Überleben.
Wenn nun die Kindheit größtenteils aus Trauma, Angst, Überforderung, Unsicherheit, Bindungslosigkeit u. ä. bestand, erlernt man diesen eigentlich Kurzzeit-Überlastungsschutz als Dauerzustand.
Das verselbständigt sich. Aber man kann mit bissel Einsatz vom Überlebensmodus in den Lebensmodus kommen. Vom reinen Funktionieren zum Lebendigwerden und Fühlen.
Wie gesagt, nicht fühlen zu müssen war damals absolut überlebensnotwendig, um seelisch einigermaßen heil aus der Nummer rauszukommen. Irgendwann ist es aber ein nicht-fühlen-können geworden oder ein nur-das allerheftigste-überhaupt-noch-fühlen-zu-können. Gibt viele EKAs, die später Grenzerfahrungen oder den Kick suchen, sei es in Beziehungen, Beruf oder Hobby, denn nur wenn es richtig extrem zugeht, fühlen sie überhaupt was.
Man kann das aber verändern und der wichtigste Schritt ist, daß man es merkt und ändern will.
Ich habe das jetzt ziemlich allgemein geschrieben, aber es ist alles meine eigene Erfahrung aus meiner EK-Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter. Ich habe Traumatherapie gemacht und einfach unbeirrt weitergemacht, auch wenn es weh getan hat, Gefühle zuzulassen. Oft war die Angst vorm Gefühl größer als das Gefühl selber. Ich habe anfangs überhaupt keine Ahnung gehabt, wie sich die einfachsten Gefühle anfühlen: Ich habe Hunger und Durst verwechselt. Ich war zum Umfallen müde und habe mir mitten in der Nacht etwas gekocht, weil ich dachte, ich habe Hunger.
Ich habe Gefühle "sicherheitshalber" in gute und schlechte eingeteilt, weil ich dachte, ich lasse einfach mal nur die guten zu. Was ja Quatsch ist und nicht funktioniert. Aus lauter Angst vor etwas Negativem habe ich lieber gar nix gefühlt, als mir die Möglichkeit zu eröffnen, daß mir ja auch mal was Positives wiederfahren könnte.
Aaaah, ich könnte ein Buch schreiben, merke ich gerade.
Es gibt einen Weg da raus, sogar für einen gut geölten Roboter.
Es ist wichtig, daß man sich selber für diese frühkindlich erworbene Hilfskonstruktion nicht abwertet. Sondern im Gegenteil ein ehrliches DANKE nach innen sendet. Danke liebe Hilfskonstruktion, daß du mich damals in meiner Kindheit als kleines, abhängiges EK durch die Wogen gebracht hast. Aber heute bin ich erwachsen und trau mich zu fühlen. Es ist 2021 und ich bin groß und will das jetzt so haben.
So ungefähr.
Lieber Gruß, Linde