Hallo Lexi,
so ungefähr ging es mir auch, ich stellte ähnliche Fragen wie du. Wer ist eigentlich meine Mutter?
Mir hat die Vorstellung von einem Dia geholfen. Es ist völlig egal, ob ich von vorne oder von hinten durchschaue, ob es entwickelt ist oder nicht, ob ich es auf den Kopf stelle oder richtig herum anschaue. Es ist immer dasselbe Bild drauf. Ich bekomme nie "das ganze" Bild. Aber zu wissen, was ich gerade nicht sehe, hilft mir dabei, das Ganze zu erkennen.
Ich habe im Verlauf meiner EK-Aufarbeitung viele Informationen (rein sachliche, aber auch emotionale) ergänzen können, die ich im Kontakt mit meiner Mutter nicht direkt bekam. Eine Hilfe waren Gespräche mit anderen, v. a. den älteren, Familienangehörigen. Gemeinsames Betrachten von Photoalben bei Kaffee und Kuchen hat viele Puzzleteile zum Vorschein gebracht.
Dann kommt bei mir noch etwas hinzu. Meine Mutter trinkt seit weit über 40 Jahren ihren Spiegel. Sie wird immer gebrechlicher und hört die Uhr ticken. So ab und zu, und das sind seltene, kostbare Momente, gibt es Begegnungen von großer Nähe und Tiefe. Da ist sie wirklich da und ein Gespräch oder eine Berührung ist dann möglich und fühlt sich einfach richtig an. Die ersten paar Male hat mich die unverhoffte Begegnung mit meiner "richtigen" Mutter unglaublich aufgewühlt und ich war verzweifelt darüber, daß mir das erst so spät widerfährt. Warum konnte sie nicht schon früher meine Mutter sein? fragte ich mich. 
Es ist wie es ist. Sie konnte früher nicht sie selber sein, immer war sie vom Alkohol umhüllt und unerreichbar für mich.
Die Hintergründe liegen in ihrer Biographie begründet. Ich habe ihre Lebensentscheidungen akzeptiert, sowie die Tatsache, daß sie nicht aufhört zu trinken. Da zu hadern würde mich kaputtmachen. Es ist ihrs.
Irgendwann habe ich den Fokus auf mich selber legen können. Das war ein Prozeß. Nun geht es mir gut. Ich kann die seltenen Momente genießen und wertschätzten, wenn sie mal wirklich präsent ist. Und ich kann mich umdrehen und gehen, wenn sie betrunken ist. Meine Gefühle fahren mittlerweile auch keine Achterbahn mehr je nach ihrem Pegelstand, sondern sind unabhängig davon.
Wie gesagt, es ist ein Prozeß, die Erwartungshaltung an die Mutter loszulassen und frei zu werden für das, was da ist. Kann sein, daß gerade nicht das da ist, was man gerne hätte oder braucht oder sich wünscht. War bei mir bis vor wenigen Jahren auch so. Inzwischen ist meine Mutter alt geworden, ich bin älter geworden, und heute gibt es ab und zu geschenkte Glücksmomente. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Lieber Gruß, Linde