Hallo!
Meine Mutter trinkt, so lange ich denken kann. Im Alltag funktionierte sie, hatte einen 38 St. Beruf mit Leitungsfunktion. Wir Kinder waren bei den Großeltern geparkt, der Opa soff sich zu Tode, die Oma war Co. Mein Vater ist das Kind dieser Großeltern, selber Co. und hat eine Alkoholikerin geheiratet. Uns Kinder hat er schon ganz früh begonnen zu mißbrauchen.
Unter dem Mißbrauch habe ich damals weniger gelitten als unter dem Alkoholismus der Mutter. Der Mißbrauch verschwand im Nebelmeer der Dissoziation. Ich stieg innerlich aus. Mein Hirn löschte seehr großzügig alles aus dem Gedächtnis, mir fehlen da ganze Jahre, gut so. Ich erinnere mich nicht daran, daß ich damals dabei Gefühle gehabt hätte, die konnte ich erst Jahrzehnte später zulassen während der Therapie.
Worunter ich wirklich litt, was mir wirklich sehr, sehr weh tat damals war, von der Mutter keine Resonanz zu bekommen. Da war einfach nichts. Es war, wie wenn ich in tote Augen schaue. Sie funktionierte, kochte, machte alles mögliche, aber es fand kein emotionaler Austausch mit uns Kindern statt. Da war nichts. Einfach nichts. Da kam ich heim, voller Freude oder Frust und konnte reden was ich wollte, keine Resonanz. Irgendwann erstarb ich auch. Das war schlimm.
Mädchenfragen zu stellen völlig unmöglich. Mich ihr anzuvertrauen wg. des Mißbrauchs noch viel unmöglicher. Sie war anwesend aber nicht präsent. Da war wie ein schwarzes Loch um sie herum, das ich von mir aus zu überbrücken versuchte, sehr lange. Ohne Erfolg, ich habe mich dabei emotional völlig erschöpft. Wenn sie mich mal berührte, was in der ganzen Kindheit 3 oder 4 mal vorkam, dann war das mit Schmerz verbunden. Mir Pickel ausdrücken oder die Haare bürsten, aber so, daß sie ausgerissen wurden, sie hatte da kein Gefühl für. Wie auch, sie hatte ja keines für sich selber...
Sie fragte mich nie nach irgendetwas, sie interessierte sich nicht für uns Kinder. Dieses grandiose Desinteresse, darunter habe ich glaube ich am meisten gelitten. In der Mutter keinen Ansprechpartner zu haben für all die vielen kleinen Kindergeschichten. Geburtstage wurden nie gefeiert, nie. Nie kamen andere Kinder ins Haus. Es fand auf keiner Ebene ein Austausch statt.
Ich fühlte mich völlig isoliert, völlig alleingelassen und verschwand im Garten oder in der Bücherwelt. In Büchern fand ich Lebensentwürfe, da las ich Frauenbiographien, Familiengeschichten, ich las hunderte von Büchern über alles und jeden. Diese kleine tote Welt um mich herum konnte doch nicht alles sein...
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann erinnere ich mich an unglaubliche Erschöpfung, an Hoffnungslosigkeit, an Müdigkeit und Freudlosigkeit. Armut, große Armut an Emotionen. Wir hatten Kinderzimmer, wir hatten was zu essen. Aber ansonsten war da einfach nichts. Und das was war, das war von der Mutterseite her wie tot. Und vom Vater kamen Grenzüberschreitungen, Schläge, 6ualisierte Gewalt und Psychokisten. Eine davon bekam ich mit 12 zu hören: DU bist schuld, daß die Mutter trinkt. Wenn du nicht immer so schlau daherschwätzen würdest, dann müßte sie nicht trinken... Jou. Das habe ich im Bauch als falsch empfunden aber dann doch geglaubt, denn ein Erwachsener muß es ja wissen.
Der Vater ist Co., hat uns da nie herausgeholt, hätte er ja machen können. Aber er hat immer schön weggeschaut, gelogen, verheimlicht, all sowas. Außerdem ist eine trinkende Frau ja die optimale Gefährtin, wenn man die Kinder mißbraucht.
Keine Mutter zu haben, das war für mich schlimmer, als einen mißbrauchenden Vater zu haben.
Heute ist die Konstellation noch immer gleich, sind paar Jahrzehnte dazugekommen. Ich bin erwachsen und brauche meine Eltern nicht mehr. Damals hätte ich sie gebraucht, wie jedes kleine Kind auch. Ich habe keinen alten Hunger mehr, den ich mit Fressen stopfe. Ich habe keine alte Sehnsucht mehr, die ich mit Suchtmitteln stopfe. Ich habe keine Erwartungen mehr an die beiden.
Es ist vorbei. Es ist gut jetzt. Ich lebe glücklich meine Verantwortung für mein Leben und gestalte es mit wachsender Freude.
Nach der Begegnung mit den beiden EK's fragte ich mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn der Vater getrunken hätte und die Mutter die Co. gewesen wäre, so wie bei meinen Großeltern väterlicherseits. Es wäre anders gewesen für mich. Der Vater ist ja eh meist abwesend, sei es im Beruf oder emotional. Die Mutter ist die erste Adresse für mich als Kind, einmal weil sie DA ist und weil sie mir als Mädchen näher ist. Eine Co. als Mutter, so wie meine Oma, das wäre wohl leichter gewesen. Ich weiß es nicht. Meine Mutter konnte ihre Mutterrolle nicht leben. Wir Kinder waren oft bei der Oma. Ein Segen, daß es sie gab.
Als junge Frau, selber in Beziehungen lebend, da war es für mich unvorstellbar selber Kinder zu bekommen. Ich hatte nie lebendiges Frausein vorgelebt bekommen. Unvorstellbar für mich, daß ich mein Frausein selber gestalten könnte...
Hat 40 Jahre gedauert.
Linde