Hallo Weitsicht,
es ist müßig darüber nachzudenken was gewesen wäre, wenn man ohne Schatten aufgewachsen wäre, wenn die Eltern ihre Kinder erst dann bekommen hätten, wenn sie selber ihre Geschichte aufgearbeitet und integriert hätten...
Es ist so wie es ist und das haben wir anzunehmen. Wir können uns dem auch verweigern, aber dann geht es weiter in die nächste Generation.
Die Welt ist so wie sie ist, die Spezies Mensch trägt das "Fressen" in sich, den Teil vom 'Fressen und gefressen werden' meine ich. Das heißt, überall auf dem Globus, zu jeder Zeit hat es und wird es Krieg, Folter, Gewalt usw. geben. Das ist eine Facette des menschlichen Verhaltensrepertoires.
Dann gibt es noch die Liebe, die Menschlichkeit, die Achtung, den Respekt - und die Aufarbeitung, das Wachwerden, das Bewußtwerden, die Annahme, die Selbstliebe... all diese Samenkörner, die in jedem von uns liegen.
Je weiter wir in unserer Aufarbeitung kommen, desto besser können wir vielleicht damit umgehen, daß es diese beiden Pole gibt: auf der Welt, aber auch in uns.
Ich besuchte mal eine alte Frau im Krankenhaus, wir kannten uns zwar schon lange, aber wirklich miteinander geredet hatten wir nie. Damals ging es ihr sehr schlecht, keiner wußte, wie es kommen würde, inzwischen ist sie wieder wohlauf. Sie schlief damals, ich wachte lange bei ihr, betrachtete ihr altes Gesicht, las ihre Geschichte, die sich in die Haut gegraben hat. Nach einer Stunde etwa erwachte sie, sah mir in die Augen und ich sah sie ankommen, in einem Augenblick eine Brücke über 40 Jahre hinweg. Dann begann sie zu reden. Und redete von Dingen, die sie noch nie jemandem erzählt hatte, fast 80 war sie, Frauendinge, schlimme Frauendinge.
Trauma löst sich auf, wenn ein wissender Zeuge die Lebensgeschichte wertschätzend anhört und annimmt, dabei nicht bewertet, nicht urteilt, sondern einfach da ist. Dann können sich gleichermaßen uralte Verspannungen im Nackenbereich vom langen Wegducken und Wegstecken lösen, dann können uralte ungeweinte Tränen fließen und der alte Mensch kann in Frieden einschlafen.
Das kann so sein. Das kann anders sein. Auf jeden Fall sind Gespräche mit alten Menschen eine große Chance, für alle Beteiligten.
Weitsicht, ich schau ja auch auf die Welt und schüttel manchmal den Kopf. Dann wende ich mich wieder dem Bereich zu, der unmittelbar um mich herum ist, mit mir im Zentrum. Denn da bin ich handlungsfähig, aus mir heraus, und da überfordere ich mich nicht.
Lieber Gruß, Linde