Hallo Manfred,
schätze mal, daß das ein ganz schön ungewohntes Gefühl jetzt ist für dich. Jetzt hast du so lange gekämpft, nun sind sie weg... die Feinde. Und in die Freude darüber kommen die inneren kleinen Zweifelstimmchen: war es wirklich so schlimm?
Zitat
Manchmal weiß ich es plötzlich nicht mehr, wie schlimm sie waren oder sind. Ich wäre froh, wenn sie mir einen bösen Brief zurück schrieben, nachdem sie meinen erhalten haben. Dann könnte ich es immer wieder nachlesen.
Ich bin momentan oft erstaunt über die Massivität meiner Symptome und frage mich, was ich wohl aus meiner Kindheit alles NICHT erinnere.
Mir ging es immer wieder so ähnlich wie dir. War da WIRKLICH was?? Tausendmal hab ich mich das gefragt. Aber wenn da nix gewesen wäre, dann hätte ich doch nicht all die Symptome entwickelt. Also vertraue ich mal meiner Körpersprache, die ist mir näher als alle Worte, die von denen kommen.
Meine Eltern haben meine Denke manipuliert über die Jahre. Wenn man x mal hört: da ist nichts, du bildest dir alles nur ein, jetzt reg dich doch nicht so auf über nichts, dein Bruder sagt doch auch nichts, was willst du denn...... Wenn man so eine Gehirnwäsche so oft zu hören kriegt und noch Schläge und sonstwas dazu, dann weiß man irgendwann echt nicht mehr, was man glauben soll. Manfred, wir waren Kinder! Wir sind in diesem System aufgewachsen.
Wenn man als erwachsener Mensch in genau so eine Familie als unbeteiligter Fremder reinschauen könnte, dann würden einem die Haare zu Berge stehen. Aber so? Wir sind darin aufgewachsen, uns ist das Funktionieren, das Stillhalten beigebracht worden. Mir wurde mein Nein und meine eigene Meinung rausgeprügelt und sonstwas. Um in so einer Situation zu überleben, da redet man sie sich irgendwann selber schön: Nee, so schlimm war es ja eigentlich gar nicht... Aber es WAR schlimm.
Lies mal Biographien von Leuten, die lange entführt waren. Die schreiben oft Jahre später voller Scham, daß sie Zeiten hatten, wo sie mit den Entführern solidarisiert haben. Sie schämen sich dafür, derweil ist es eine völlig normale Überlebensstrategie in so einer Zwangssituation. Wir konnten ja auch nicht heraus aus der Situation, wir waren Kinder.
Daß du dich an vieles nicht erinnerst, mag ein Schutz sein für das kleine Kind, das du mal warst. So war es bei mir. Mir fehlen lange Zeiten, und das ist gut so. Wenn mal eine Erinnerung hoch kommt, dann kann ich sie jetzt anschauen und damit umgehen. Es ist die Erinnerung an ALTE Schmerzen. Und diese Erinnerungen kommen aufgeräumt in eine Schachtel, die ich ins Erinnerungsregal hineinstelle. So bleibt mein Alltag unbelastet.
Ich wünsch dir viele fröhliche belebende Fahrradstunden und Freude bei deinem geliebten Geigenspiel. Du kannst jetzt deine Welt ganz neu für dich entdecken. Wie schön.
Da draußen hat es Menschen, die sich auf DICH freuen, eben WEIL du anders bist. Jetzt, wo deine Antennen nach vorne auf Empfang gestellt sind, da werden sie dir auch begegnen.
Alles Liebe, Linde