Hallo Manfred!
Thema Zahnschmerz.
Konntest du inzwischen in die Schmerzklinik? Ich bin auch froh, daß es sowas überhaupt gibt! Manchmal haben die eine Schmerzambulanz-Abteilung.
Bei meiner Zahnärztin lasse ich mir IMMER eine Spritze geben. Sie weiß bescheid und spritzt auch ohne Diskussionen mal nach, wenn die Sitzung länger dauert und ich darum bitte.
Dadurch, daß ich jahrelang NICHT zum Zahnarzt ging, hab ich mir mein Gebiß ziemlich ruiniert und hatte jahrelang Schmerzen! Ich hab mich lieber tagelang mit wahllos gekauften Schmerztabletten zugedröhnt, nur um den Termin hinauszögern zu können... Wie blöd ich war. Naja, eher so: wie panisch ich war. Ich hatte panische Angst, mich auszuliefern, hilflos einer Person ausgeliefert zu sein..
Die Zahnarztsituation triggerte mich. Ich rauschte durch das Zeitfenster und fand mich gefühlmäßig in der alten Mißbrauchssituation wieder... Das war mir lange nicht bewußt, und daher wollte ich die Situation einfach nur verhindern. Aber die Schmerzen brachten mich auf den Punkt! Entweder ich gehe jetzt da hin, oder ich ruiniere meine Nieren mit den Tabletten! Alle meine Ärzte habe ich durch Ärztinnen ersetzt: Hausärztin, Gynäkologin, Zahnärztin.. Damit geht es mir besser und ich habe das Gefühl einer Begegnung auf Augenhöhe. So ist die Gefahr nicht so groß, daß ich wieder die alte Mißbrauchssituation assoziiere.
Dadurch, daß ich jahrelang Schmerzen litt, statt die Zähne endlich mal machen zu lassen, hat sich im Hirn ein Schmerzgedächtnis verfestigt. Diesen Begriff kannst du im Internet mal recherchieren, wenn du magst.
Bei mir ist es so, daß wenn im Mundbereich bei mir auch nur ein winzig klein bissel was sich im entferntesten nach Schmerz anfühlt, mein Gehirn anhupst und dann beginnt unweigerlich die rasende Fahrt auf der Schmerzautobahn... Der Schmerz verselbstständigt sich. Es ist auch nicht mehr so, daß bissel Zahnweh bissel Schmerzen macht! Nein, bissel Zahnweh löst eine Dominoreihe aus und das Hirn erinnert sich an die alten Schmerzen und feuert und feuert immer mehr Impulse und ich habe Riesenschmerzen, obwohl nur eine winzige Ursache da ist.
Mich hat dein Narbenschmerz an das was bei mir los ist erinnert. Vielleicht ist das ja bei die ähnlich.
Ich habe früher in der Chirurgie gearbeitet. Und da habe ich folgendes gelernt: wenn mal ein Eingriff nötig ist, dann sollte der Arzt unbedingt sofort und angemessen Schmerzmittel verabreichen, damit sich beim Patient eben nicht dieses fatale Schmerzgedächtnis einstellt! Sonst hat der möglicherweise für den Rest seines Lebens Phantomschmerzen! Und die sind oft unglaublich stark. Die Wunde ist längst verheilt, alles ist "eigentlich" gut, aber die Schmerzen sind da, sind von der alten Ursache losgelöst.
Meine Ärztinnen wissen alle um meinen Mißbrauch. Und um die Schmerzen, die ich dabei hatte. Und was das bis heute für Auswirkungen hat. Daher werde ich heute sehr gut - wenn es denn einmal sein sollte - auf Schmerzmittel eingestellt, damit das Schmerzgedächtnis nicht wieder anspringt. Und selbstverständlich wird die Ursache der Schmerzen behandelt.. Heute gehe ich sofort zur Ärztin!
Wie fühlt sich dissoziieren an? Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Das ist auch der Grund dafür, daß ich ein paar Tage nicht bei dir geschrieben habe. (naja, einer der Gründe
, hast ja sicher gemerkt, daß bei mir ziemlich was los war...)
Ich hab den Zustand immer wie einen Nebel empfunden.
Ich seh nicht klar, ich höre alles nur wie durch Watte.
Ich spüre mich nicht körperlich. Ich spüre keine Schmerzen.
Und das ist ja schon der Sinn der Dissoziation: nichts mehr zu spüren. Nichts mehr wahrzunehmen. Aus der aktuellen Situation auszusteigen.
Wenn man einen Autounfall hat, dann ist es so, daß man sich meistens genau erinnert, was vorher war. Dann "wacht" man auf, und ist wieder in der Ist-Zeit. Aber die Ereignisse beim eigentlichen Unfallzeitpunkt sind vom Gehirn gelöscht! Es ist ein Schutzmechanismus des Gehirns, das ein traumatisches Ereignis aus dem bewußten Gedächtnis löscht, um uns vor Überforderung zu schützen.
Nur ist es so, daß das traumatische Ereignis, was immer das ist, zusätzlich in unserem Körpergedächtnis gespeichert ist. In jeder Körperzelle. Jede meiner Körperzellen kann sich gegebenenfalls "erinnern", wie es war, als ich gerade mißbraucht wurde. Ein Geruch, ein Geräusch, ein bestimmter Stoff oder eine bestimmtes Lichtverhältnis in einem Raum... das Körpergedächtnis "erinnert" sich heute, und in mir drin beginnt eine Kettenreaktion. Ich bin HEUTE einem bestimmten Geräusch ausgesetzt, was der alten Situation ähnlich ist, und mein Körper beginnt, die ALTEN Schutzmechanismen in Bewegung zu setzen:
nichts mehr spüren, aussteigen, erstarren, passiv werden, keine Reaktionen mehr zeigen, warten bis die Situation von selber rumgeht, nicht mehr selber handeln, Wattegefühl, Nebelgefühl, neben-sich-stehen, sich selber zuschauen und nicht eingreifen können, alles über sich ergehen lassen, schweigen, bzw. reden wie "ferngesteuert"...
Und irgendwann "erwache" ich aus dem dissoziativen Zustand. Dann, wenn die Situation, die der traumatischen Situation von damals ähnlich war, vorüber ist. Da ich jahrelangem Mißbrauch schon von frühester Kindheit an ausgesetzt war, hat mein Gehirn entsprechend viele und lange Zeiträume gelöscht. Mir fehlen ganze Jahre. Das ist jetzt keine Übertreibung. Und ich bin froh darum, daß es so ist. Ich habe jahrelang in dissoziativem Zustand gelebt. Damals während des Mißbrauchs war das meine Rettung. Später WOLLTE ich ja lebendig sein und mich spüren, und dann erschreckte es mich total, wenn ich mich plötzlich in einer Dissoziation wiederfand.
Heute, nach jahrelanger Traumatherapie, spüre ich relativ schnell, wenn ich beginne zu dissoziieren. Und bevor ich völlig aussteige, kann ich meinen 1.-Hilfe-Koffer auspacken. Und versuchen einzugrenzen, was genau mich getriggert hat. Und dann behutsam hinschauen. Welches innere Kind ist betroffen, wie alt ist es, was braucht es JETZT? Ich bringe das innere Kind an einen sicheren Ort und beruhige es.
Ich hoffe, ich konnte dir deine Frage beantworten. Es ist schwer, über "Nebel" zu schreiben...
Liebe Grüße,
Linde