Sibi, was du gerade leistest, das ist unvorstellbar schwer. Jahrelang ging es darum, sich abzugrenzen, sich ein lebenswertes Umfeld zu schaffen, sich nicht hineinziehen zu lassen, bei sich zu bleiben... DAS IST DIR GELUNGEN!!!
Und jetzt? Die Grenzen scheinen zu verschwimmen. Wenn ich das lese, was du geschrieben hast, dann sehe ich hinter den Sätzen eine unglaublich starke Frau stehen. Die hat zwar vielleicht jetzt gerade eine rote Triefnase, grins, aber schon die Art WIE du schreibst zeigt deine Stärke.
Du schreibst einen Punkt unter den anderen, siehst glasklar die abzuarbeitenden Angelegenheiten. Und das sind jede Menge. Aber die Art und Weise, WIE du das für dich strukturierst, birgt schon den Weg in sich: einen Punkt nach dem anderen abarbeiten. Eben NICHT den Riesenberg anstarren, sondern die einzelnen Stufen. Gut!
Mir fällt auf, daß es sich bei den aufgezählten Sachen in deiner Wohnung - ich sag's mal so - um geschäftliche Dinge deiner Mutter handelt. Das muß alles bearbeitet werden, ja klar. Aber dein Abstand, deine Unabhängigkeit sind extrem wichtig, du spürst das, nicht umsonst schreibst du von Panik.
Kannst du vielleicht die Sachen an einem Platz aufbewahren, der bissel weiter von DIR weg ist? Garage, Flur, Abstellraum, und sie dann hereinholen, wenn DU bereit bist, dich damit zu befassen? Mir würde das helfen, es hat so was Symbolisches: "hereinholen"... Dann bist du AKTIV, du entscheidest, wann du dich damit befaßt und wie intensiv. Und nicht PASSIV - dem Anblick der Kisten und Ordner ständig ausgeliefert! Kleiner Tipp von einer Hexe: stelle die Sachen an einen Ort und mache einen Kreidekreis darum, vielleicht reicht es, sich das vorzustellen. Dann bleibt deren Energie da drin. Und deinen Grenzen geht's wieder gut. Nee, ich bin net spinnert, aber manchmal helfen so symbolische Handlungen.
Eine Freundin von mir, die ihre Mutter vor ein paar Jahren verloren hat, hat mir folgendes erzählt: sie hat mit ihren Brüdern zusammen die Wohnung aufgelöst. Jeder hat, falls er es überhaupt wollte, etwas Persönliches aus der Wohnung behalten. Alles andere haben sie wie in Stileben arrangiert und photographiert. Und dann weggegeben. Alles. Die Photos existieren noch. Und das Entscheidende war als sie sagte, daß sie die Photos AKTIV und absichtlich umgedreht hat, die weiße Seite nach oben. Und so liegen sie immer noch auf einem Stapel, in einem Kistchen, in einem Schrank. So hat sie verhindert, daß die Leben sich verschmelzen. Wann immer sie es will, kann sie die Photos herausholen, umdrehen und betrachten. Das wichtigste ist wohl, auch in einer Situation, die man erst mal so hinnehmen muß, seine Handlungsfähigkeit, seine Entscheidungsfähigkeit wiederzufinden.
Integration, ja schon - aber du bist die Frau in deinem Haus! Es ist vorbei, du hast es überlebt und du hast das Beste daraus gemacht! Du hast über all die Jahre geschafft, das "abzuspalten", wie du schreibst. Jetzt bist du stark genug, dich näher dranzuwagen, aber bitte doucement! Kannst du vielleicht eine Reihenfolge festlegen, wann was drankommt? Und alles, was Zeit hat erst mal in den Keller stellen?
Mich berührt das wirklich sehr stark, was du da geschrieben hast. Wahrscheinlich, weil mir das in ähnlicher Form in nicht allzu ferner Zukunft auch bevorsteht. Für mich als Überlebende vom Mißbrauch ist es eine Horrorvorstellung, daß meine Grenzen noch einmal überschritten werden könnten bzw. daß ich selbst sie nicht mehr klar spüre, weil sie sich auflösen. Andererseits ist es ja so, daß das Thema ja schon immer in uns war, eigentlich ja schon integriert IST. Nur jetzt betrachten wir es uns nicht mehr aus der kindlichen Opferrolle heraus, sondern als Erwachsene, als Überlebende.
Liebe Sibi, ich drück dich an dieser Stelle mal ganz doll.
Und ich danke dir für die Blumen, grins! Aber vor allem dir erst mal Gute Besserung! Erkältung paßt nicht nur gut bei dem Wetter, sondern auch zur Lage: die Nase voll haben, denen was husten wollen, etwas nicht mehr länger schlucken wollen... Manchmal kann man die Körpersymptome einfach "übersetzen". Hoffe, dir geht's bald wieder besser.
Die liebe Verwandtschaft ist immer für eine Überraschung gut, gelle? Hab's ja selber grade erlebt...
Schlaf gut,
Linde