Hallo Ihr Lieben,
es sind nur wenige Tage vergangen, seit ich zuletzt schrieb, doch es hat sich so viel in mir verändert. Endlich bin ich wieder bei mir, weiß wieder wer ich bin, was ich will und was mir gut tut. Das ist ein schönes befreiendes Gefühl. Die Nebel, von denen ich mich umgeben fühlte sind verschwunden.
Der erste Auslöser oder Anstoß zu meiner wiedergewonnenen Klarheit, war die Aufstellung meines sozialen und emotionalen Atoms (Systemische Beratung/Psychodrama). Ich erkannte für mich, dass ich in dem vergangenen Jahr mit ihm meine mich existenziell bedrohenden Themen, die durch den Umzug in ein anderes Bundesland und der Diagnose meiner Krankheit aufgeworfen wurden, ausblendete und verdrängte. Ich begab mich in coabhängige Verhaltensweisen, indem ich mich selbst verleugnete, mir selbst misstraute, für eine Versagerin hielt und mich nur nach ihm zu orientieren versuchte, bis der Druck zu groß für mich wurde. Als die Situation in unserer Beziehung eskalierte, weil ich ihn wegen seines Trinkens unter Druck setzte, fühlte ich mich klein und schwach und hatte Angst, nicht fähig zu sein, mein Leben selbst zu bewältigen.
Mittlerweile las ich nicht nur hier im Forum, sondern auch in Flyern und Büchern und erkannte für mich, dass die Aussage, "er liebt Dich nicht, wenn er weitertrinkt" falsch ist.
Ich nahm wieder Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden auf, die sich alle sehr freuten. Sie hatten mich vermisst. Ich sprach offen über meine Situation und erhielt Unterstützung, Verständnis und Klärungshilfe.
Er ist immer noch weg und bisher sagte er mir weder, wo er ist, noch wann er wieder kommt. Er schweigt einfach und ich tat es zum ersten Mal auch, bis heute Morgen.
Gestern traf ich für mich wichtige Entscheidungen, wie ich meinen Geburtstag, Weihnachten und auch das neue Jahr verbringen will sowie, wie ich mit oder ohne ihn weiter leben will.
Alles teilte ich ihm mit. Was die Feiertage angeht, habe ich es ihm offen gelassen, ob er teilnehmen mag oder nicht. Ich würde mich über ihn freuen.
Bezüglich seines Trinkens, teilte ich ihm mit, dass ich diesen Teil seines Lebens, der ihm ja, nach seinen Aussagen, Lebensqualität, bedeutet, nicht mit ihm teilen werde. Das heißt, wie bisher, werde ich mich entfehrnen und ihm nichts abnehmen, wenn er trinken will. Das nimmt er mir im Moment noch sehr übel, aber okay. Damit kann ich gut leben.
Wenn er ernsthaft aufhören möchte, werde ich ihn unterstützen, soweit er will und ich kann.
Prompt bekam ich dann auch Antwort. Im Moment spielt er noch das alte Spiel und erkennt noch nicht, dass ich etwas grundlegend verändert habe, wie denn auch, ist ja erst der Beginn:
Es war bisher das typische Muster zwischen uns: Etwas an meinem Verhalten nahm er zum Anlass abzutauchen und sich zu besaufen, also Ich war schuld. Ich lief ihm hinterher, lenkte ein, wir sprachen drüber und alles lief wie gewohnt weiter, bis zum nächsten mal.... und jetzt nahm ich ja auch wieder den Faden auf.
Er verstand gar nicht, was ich ihm alles mitgeteilt habe, sondern begann gleich wieder mit den Schuldzuweisungen, und dass ich ihn nicht achten würde... und ich ihm nun auch endgültig egal sei...
und ich bat ihn, einfach in Ruhe über alles nachzudenken. Er hat alle Zeit der Welt, sich zu entscheiden und wenn er mich dann an seiner Seite haben will, bin ich gerne für ihn da, wenn nicht mehr als Frau, so doch als Freundin. Bis dahin und auch darüber hinaus nehme ich wieder mein Leben für mich selbst in die Hand. Er hatte es mir ja auch gar nicht abgenommen oder mich entlastet, wie denn auch. Ich bin gar nicht böse, oder enttäuscht, sondern klar. Mache nun, was ich mir vorgenommen habe und irgendwann wird er mir was mitteilen. Dann werde ich weiter sehen, ob und wie wir zusammen weitergehen können.
Ich freue mich über die neue alte Kraft in mir und kann auch gut mit meiner Traurigkeit umgehen. Die Entscheidung liegt nun bei ihm und egal, was er tun wird, ich kann es annehmen und damit umgehen. Das ist ein gutes Gefühl.
Bei uns / in unserer Beziehung wird sich jetzt ganz viel ändern, denn ich habe mich verändert. Die alten "Spiele" funktionieren nicht mehr. Der ganze Druck ist von mir abgefallen, meine Ängste sind klein geworden. Ich bin endlich wieder bei mir.
Das lesen hier im Forum und die reaktionen auf meine Beiträge haben mich unterstützt und werden dies auch sicherlich weiter tun, in meiner Selbstreflexion. Schade finde ich, dass hier so schnell Diagnosen und Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden. Mir tat es insoweit gut, dass ich mich davon abgrenzte und erkannte, dass dieses nicht meine Lösungen sind.
Wenn mein Partner im Suff grob zu mir ist, bedeutet es nicht, dass er mich nicht wertschätzt. Wenn er das Trinken nicht aufgeben kann, heißt es nicht, dass er mich nicht liebt. Es sind Symptome der Krankheit. Das ist mir ganz klar geworden, aber auch, dass ich dass dennoch nicht alles zulassen muss. Ich habe mich da selbst nicht wert geschätzt und meine Grenzen geschützt. Das sind meine Symptome.
Bei allem erfahrenen Leid, bin ich froh, dass ich das nun alles für mich erkannt habe und wieder handlungsfähig bin. Ich habe mich gelöst ohne abzustürzen und ich bin zuversichtlich, dass auch er die Stärke hat, sein Leben in die Hand zu nehmen. Er ist ein guter Mann, der sich verirrt hat. Das ist menschlich.
orlando