Liebe Julchen,
nein, du bringst da nichts durcheinander.
Meine Mutter ist das, was man wohl "passiv-aggressiv" nennt, d.h. sie formuliert nie ihre echten wahren Bedürfnisse, sondern gibt sich betont duldsam um dann hinterher Druck auszuüben. Beispiel: Ich melde mich vielleicht mal vier Wochen am Stück nicht, obwohl ich nur 15 Autominuten von ihr entfernt wohne, und wenn wir dann telefonieren, erfahre ich alle ihre Zipperlein, wo's zwickt und zwackt, "aber mach' dir keine Sorgen Kind, ich komm' schon klar, ich will dich ja auch nicht mit meinem Kleinkram belästigen..."
Natürlich erreicht sie ihr Ziel, denn ich bin nach solchen Telefonaten immer recht nachdenklich und male mir in den schwärzesten Farben aus, wenn ihr wirklich mal was passieren würde, und ich tät's vielleicht gar nicht mitkriegen, und wie stehe ich dann da? Und alle würden missbilligend den Kopf schütteln und sagen "Kannste mal sehen, die Tochter ist beruflich erfolgreich, aber sich um die arme alte Mutter kümmern, das kann sie wohl nicht, ne! Hat doch keine Kinder und sooo viel Zeit, also wirklich!"
Als ich ein Kind war, war sie eine absolute Bilderbuch-Mama. Sie hat nicht gearbeitet, war nur für uns drei Kinder da und hat es trotz der Sauferei meines Vaters und der späteren Arbeitslosigkeit (die allerdings zeitlich begrenzt war) immer geschafft, was Ordentliches auf den Tisch zu bringen, sogar für eine kleine tägliche Süßigkeit war noch was übrig. So gesehen war ja alles paletti.
Aber wehe, wenn sie im Zusammenhang mit meinem Vater mal Stellung beziehen sollte. Unmöglich. Ging nicht. Die Szene mit dem Teller habe ich dank deines Berichtes wieder lebhaft vor Augen. Es gab ausgerechnet Wirsing, den mochte ich halt nicht, und der angetrunkene Befehl lautete einfach: "Die steht nicht eher auf, als bis der Teller leer ist!" Ich saß da, es wurde Nachmittag, ich traute mich nicht einmal zu heulen, es wurde Abend und ich saß immer noch da. In meiner Verzweiflung versuchte ich das Zeug irgendwie reinzukriegen, aber ich stopfte es halt nur in die Backen, ich kaute nicht, geschweige denn, dass ich schluckte. Irgendwann meldete sich mein Würgereflex, und ich dachte immer nur: "Wenn du auch nur einen Tropfen ausspuckst, kriegste erst recht Ärger!" Erst als mein großer Bruder in die Küche kam und zu meiner Mutter sagte: "Mensch Mutti, hör auf, die würgt doch schon!" ließ sie mich aufstehen und schaute dabei aus, als würde ihre eigene Hinrichtung bevorstehen.
Würde ich das meiner Mutter heute erzählen, würde sie es als glatte Lüge abtun. Sie würde sagen: "Kind, so war das doch gar nicht!" Niemals würde sie freiwillig zugeben, dass sie es nicht fertigbrachte, dem Vater zu widersprechen. Das ist nur ein Beispiel von vielen, steht aber symptomatisch für meine Unfähigkeit, "Nein" zu sagen. Das lerne ich ausgerechnet jetzt, wo ich nicht mehr trinke. Und ecke entsprechend bei ihr an.
Sie fällt aus allen Wolken, wenn sie mich mit schmeichelndem, manchmal sogar bewusst unterwürfigem Ton fragt, ob ich dieses oder jenes für sie machen könnte, und wenn ich dann "Nein" sage, tickt sie richtig aus. Als ich noch getrunken habe, waren wir im Nu in ätzende Diskussionen über meine Trinkerei verstrickt und wie aggressiv ich sei. Wie oft bin ich bei Familienstreitigkeiten an die Grenze meiner Belastbarkeit gekommen, habe viel zu lange geschwiegen, und wenn ich in meiner Not auch grob wurde, war ich die Doofe. Seit ich nicht mehr trinke, zieht das Argument nicht mehr. Ganz im Gegenteil - sie kann es nicht mehr auf den Alkohol schieben, sie muss dann schlucken, dass ich Dinge tatsächlich genauso meine, wie ich es sage, und dazu gehört eben auch, dass mein "Nein" heute tatsächlich "Nein" bedeutet.
Das ist alles sehr schwer für mich.
Du hast von "emotionaler Erpressung" geschrieben, Julchen, genau das ist es! In meiner Familie war emotionale Erpressung an der Tagesordnung. Ich habe viel mit mir selber ausmachen müssen, das ist für ein Kind bzw. später für einen Teenager nicht immer einfach. Jede Form der Zurückweisung beziehe ich sofort auf mich und frage mich erschreckt, was ich denn falsch gemacht haben könnte, wenn der andere jetzt so komisch ist. Es wird langsam besser, aber ich trinke ja auch erst seit knapp anderthalb Jahren nicht mehr, da muss ich wohl noch etwas Geduld haben. Erst jetzt kann ich mir sagen, dass da wohl jemand einen schlechten Tag hat, erst jetzt bedenke ich, dass der sich vielleicht über jemand anderen geärgert hat und ich lediglich unpassend auf der Bildfläche erschienen bin.
Dieser ewige Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, der ist mir bis heute geblieben. Ich habe doch deutlich gespürt, dass das, was bei uns los ist, nicht normal ist, habe aber immer gehört, dass alles in Ordnung sei. Meine Mutter hat uns - sicherlich ohne es zu wollen - zu Mitopfern gemacht. Sie hat uns in ihren Co-Sumpf mitreingezogen, und wenn sie es schon nicht schaffte, sich daraus zu befreien, wie sollte ich als kleines Mädchen es schaffen?
Ein einziges Mal, da war ich schon in der Pubertät und entsprechend kritisch eingestellt, beklagte mein Vater wieder mal im Suff, dass das Salz auf dem Tisch fehle. Noch ehe sie diensteifrig aufspringen konnte, habe ich nach außen cool, innen aber zitternd wie Espenlaub, gesagt: "Mensch, hol's dir halt selber!"
Er sprang auf und holte aus, verfehlte mich aber nur, weil er kaum noch stehen konnte und sich schnell am Tisch abstützen musste. Ein Wunder, dass er nicht alles abgeräumt hat. Meine Mutter schrie nur entsetzt auf, mehr aber auch nicht.
Sie hat mich nicht geschützt. Nicht schützen können.
Das macht mir heute den Umgang mit ihr so schwer. Ich bin hin und her gerissen zwischen Ablehnung und Mitleid. Sie tut mir oft wahnsinnig Leid, aber ihr habe ich es wohl auch zu verdanken, dass ich jetzt erst mühsam lerne, meine Bedürfnisse zu verteidigen. Ich darf müde sein nach einem harten Tag im Job, ich darf die wenigen Stunden am Wochenende mit meinem Mann verbringen wollen, weil ich den sonst unter der Woche kaum sehe. Und immer noch dieser Widerspruch in ihren Worten, wenn sie sagt "Das verstehe ich doch, ihr seht euch doch auch so wenig!" und ich weiß aber todsicher, dass sie meint "Trotzdem will ich, dass du dich mehr um mich kümmerst!"
Und mein Vater?
Nunja, als ich noch ganz klein war, habe ich ihn natürlich abgöttisch geliebt, wie es kleine Mädchen halt so machen. Dass er ständig betrunken war, war für mich so normal wie für andere Kinder, deren Väter einen Sprachfehler haben oder denen ein Finger fehlt. Mit Beginn der Pubertät kühlte sich das natürlich merklich ab, mehr und mehr schlich sich Verachtung ein. Freunde einladen? Undenkbar. Oder nur am Nachmittag, wenn er noch nicht da war. Öffentliche Sachen, z.B. in der Schule? Nur peinlich, deshalb möglichst zu vermeiden...
Weißt du Julchen, ich glaube, ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich langsam so weit bin, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ich bin nicht sicher, ich glaube, Gotti war es, die mir einmal schrieb, dass das Wühlen in der Vergangenheit ein Zeitfresser ist. Ich möchte endlich abschließen können mit dem, was war. Ändern kann ich es ja sowieso nicht mehr.
Puh, das war jetzt sehr viel, ich weiß nicht, ob du das so ausführlich überhaupt lesen wolltest...
Aber wie ich dir schon schrieb, deine Erzählungen haben mich heute mächtig aufgewühlt, da bin ich schon froh, es jetzt mal "abgeladen" zu haben!
Danke für deine Geduld!
LG
espoir