Hallo ihr Lieben,
na, nun wird’s aber Zeit, dass ich mal wieder ein Lebenszeichen von mir gebe!
Das Beste gleich vorweg: Der Urlaub war ein Traum!!! 

Ich bin sooo glücklich und gleichzeitig erleichtert, dass dieser Knoten nun auch geplatzt ist. Ich hatte euch ja geschildert, dass „Urlaub“ für mich die Trink-Situation par excellence ist und ich von daher seit Beginn meiner richtigen Abstinenz einen großen Bogen darum gemacht habe. Das war mir meine Nüchternheit einfach wert. Aber ich habe spätestens seit Fasching eine deutliche Unzufriedenheit gespürt, die wohl nicht auf einzelnen Vorfällen, sondern auf meiner Gesamtsituation beruhte. Ich musste endlich raus, endlich mal was anderes erleben, und das hartnäckige Dauergrau hier zu Hause gab mir ja dann den Rest.
Und was soll ich euch sagen?
Es war gut, dass ich so lange gewartet habe, um nach 21 Monaten Abstinenz zumindest eine gewisse Grundstabilität zu haben, aber es war auch gut, jetzt dann endlich doch zu fliegen, denn sonst wäre ich Gefahr gelaufen, trotz Antidepressivums in ein derartig tiefes Loch zu fallen, aus dem ich möglicherweise nicht mehr herausgefunden hätte. Ich bin nun einmal Alkoholikerin und darf die Gefahr eines Rückfalls aufgrund dauerhafter Verstimmung keinesfalls unterschätzen.
Und meine Rechnung ging auf!
Ich bin im Nachhinein überrascht, wie selbstverständlich ich alkoholfrei gelebt habe. Es wurde mir aber auch durch die Umgebung leicht gemacht, denn die anderen Gäste wussten sich zu benehmen, da ist niemand schlunzig herumgelaufen, in Badekleidung durch die Halle? Undenkbar! Selbst in der Poolbar saßen alle mit leichter, aber korrekter Urlaubsgarderobe. Das Hotel selber war ein spanisch-maurischer Traum in Schneeweiß, das einen herrlichen Kontrast zum grauroten Lavastein und dem tiefblauen Meer gebildet hat. Postkarten-Idylle, und das live und in Farbe!
Ich habe oft darüber nachgedacht, warum mir dieses etwas gehobene Ambiente so auffällt. Ein Aspekt ist natürlich sicherlich das Geld. Ich komme aus eher bescheidenen Verhältnissen und habe früh den Umgang mit Geld lernen müssen, als Studentin war ich da notgedrungen noch anspruchsloser. Ich war die klassische Bettelstudentin, die die eine oder andere Prüfung in den Sand gesetzt hat, weil sie lieber nebenbei gejobbt hat, um die Miete zu bezahlen. Diese Haltung habe ich genau so noch viele Jahre beibehalten, selbst als ich schon verdiente. Und als sich meine Trinkerkarriere zu festigen schien, haben sich meine Prioritäten sowieso verschoben.
Das Haus, in dem ich nun eine Woche zu Gast war, hätte ich früher als „zu protzig“ abgelehnt, das brauche ich nicht, und die schicken Weiber, die doch eh bloß ihren Schmuck ausführen wollen, die gehen mir eh auf den Zeiger! De facto wäre ich als aktive Alkoholikerin aber einfach fehl am Platze gewesen, ich wäre vermutlich durch meinen Alkoholgeruch und das „ungezwungene Auftreten“ nur peinlich gewesen. 
Tatsächlich gab es keine schicken Weiber, sondern nur Männer und Frauen oder Familien, die halt wissen, wie abstoßend es aussehen kann, wenn man halbnackt mit durchsichtigem Plastikbecher voll Bier durch die Gegend grinst. Und neben dem Geld, das mir ein solches Haus ermöglicht hat, ist es halt auch meine nüchterne Sichtweise der Dinge, die mich so verzaubert hat. Nur nüchtern kann ich die Schönheit der Architektur erkennen, die liebevollen Anlagen des weitläufigen Gartens wertschätzen und das unfassbar abwechslungsreiche Buffet zu den Mahlzeiten genießen.
Meine Nüchternheit wurde in dieser Woche zu einem herrlichen Kreislauf, den zu genießen ich mir auch verdient habe. Ich musste nüchtern sein, um das erleben zu dürfen, und weil ich es erlebt habe, war ich so angereichert mit wunderschönen Eindrücken und Erlebnissen, dass da partout kein Platz für Alkohol war.
Ich habe die komplette Woche ausschließlich mit Wasser, Kaffee und Fruchtsäften verbracht, und glaubt es mir, alles andere wäre tatsächlich unpassend gewesen! Am Pool mit Bier? Niemals! Den Sonnenuntergang mit Sekt begleiten? Wäre doch schade drum! Bei Ausflügen Wein trinken? Na freilich, noch bescheuerter kann man bei dem Wetter doch gar nicht sein! Natürlich kamen alte Erinnerungen hoch, aber eben nicht mit den von mir befürchteten Verzichtsdanken, sondern sie lösten ein unwirsches innerliches Kopfschütteln bei mir aus. Missbilligend, verständnislos.
Schön fand ich in diesem Zusammenhang auch das Verhalten meines Mannes. Auch er hat während des gesamten Urlaubs keinen Tropfen Alkohol getrunken. Lediglich am letzten Abend fragte er mich ganz direkt, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn er sich nach dem Essen ausnahmsweise einen Cognac zum Espresso bestellen würde. Ich habe ihm ehrlich geschildert, dass da zwei Herzen in meiner Brust schlagen würden, zum einen möchte ich ihm alles gönnen, was sein Herz begehrt, zum anderen empfinde ich gerade Cognac als heikel, denn den hatte ich früher ja auch gerne getrunken. Whisky wäre mir ziemlich wurscht gewesen, den mochte ich schon in meiner nassen Zeit nicht, aber Cognac?
Wir einigten uns darauf, dass er sich ruhig einen Cognac bestellen könne, und sollte mir der Geruch aus dem Glas zu arg werden, würde ich halt kurz aufstehen und einen Toilettengang vortäuschen. Und sollte er tatsächlich eine Fahne haben, würde er sich eben schnell die Zähne putzen.
Und wisst ihr, was passiert ist?
Nichts. Absolut gar nichts!
Mein Gott, er halt diesen einen Cognac getrunken und ich saß mit meinem Espresso doble daneben und habe mich am Anblick meines glücklichen, entspannten Mannes erfreut. Ich könnte mich heute darüber totlachen, wenn ich daran zurückdenke, welches Theater ich (sicherheitshalber) darum gemacht habe… 
Fazit: So muss Urlaub sein!
Eine lumpige Woche hat ausgereicht, um aus der leicht depressiven, angespannten espoir ein erholtes, gut gelauntes Wesen zu machen, das sein eigenes Leben plötzlich gar nicht mehr so beschissen findet!
Die letzten zwei Tage habe ich erwartungsgemäß damit verbracht, die Koffer aus- und wegzuräumen, Wäsche zu waschen, alles wieder auf Vordermann zu bringen, mich bei Nachbarn, Freunden und Bekannten zurückzumelden und meine Katzen davon zu überzeugen, dass wir nun wieder da sind und sie gaaanz bestimmt so schnell nicht wieder alleine lassen. Katzen sind in dieser Hinsicht ja gerne mal ein bisschen nachtragend… 
Jou, das soll's halt erst einmal für's erste gewesen sein. Ist ja doch wieder etwas mehr geworden, ne?
Vielen Dank für's Lesen und einen schönen Freitag euch allen!
Alles Liebe
espoir