Hallo guten Abend zusammen,
wie freue ich mich über eure Antworten!
Ich drehe mich mittlerweile immer mehr in meinem Gedankenkarussell, so dass das echt gut tut, auch mal eine Stimme von außen zu hören!
@Irgendwie (netter Nick übrigens!
)
Vielen lieben Dank dir für dein feedback - und natürlich hast du Recht mit der Feststellung, dass wir in einem ganz besonderen Maße auf uns aufpassen müssen, und dazu gehört ja nun in erster Linie, sich auch notfalls von Menschen zu trennen, die uns nicht gut tun. Aber genau da tappe ich ja immer wieder in die Falle. Als Alkoholiker-Kind bin ich es von klein auf gewöhnt, die Flagge für die Familie aufrecht zu halten, egal, wie unzufrieden ich in Wahrheit auch sein mag. Schon von Kindesbeinen an habe ich gelernt, Dinge zu tun oder mitzumachen, "weil sich das so gehört" oder "weil man das eben so macht". In gesunden Familien mag das ja auch ok sein, bei uns war es schon früher eine Farce. Hauptsache, der Schein bleibt gewahrt.
Und das Verhältnis zu meiner Mutter war spätestens seit meiner Pubertät massiv gestört, ab dann konnte ich mich nicht mehr entscheiden, ob ich sie nun einfach bedingungslos liebe oder aber verachte, weil sie aus der Alkoholiker-Hölle mit meinem Vater nicht die richtigen Konsequenzen gezogen hat. Als ich als Studentin ausgezogen bin, habe ich mir selber den Mühlstein des "Verrats" um den Hals gelegt - und bis heute nicht so richtig abgelegt. Wenn ich sie heute manchmal so anschaue, dann sehe ich, dass sie immer kleiner wird, ihre kleinen Hände sind so runzelig, sie ist so zerbrechlich geworden, und ich meine immer, sie müsste doch vor Einsamkeit sterben, weil sie außer ihrem Kanarienvogel niemanden hat, und es reißt mir einfach das Herz raus.
Gleichzeitig habe ich den Kontakt auf ein absolutes Mindestmaß reduzieren müssen, weil sie nur noch in der Vergangenheit lebt und mit meinem abstinenten Weg völlig überfordert ist. Sie ist wohl schon zu alt, um noch ernsthaft Interesse daran zu entwickeln, dass ich - anders als mein Vater - mich nicht in meine Sucht ergeben habe und mich einfach treiben lasse. Und dann kommt es eben zu solchen Situationen wie am Samstag, wo sie beschwingt in der Vergangenheit schwelgt, uralte Witze von früher reißt und dann auch noch damit kokettiert, dass sie wohl einen kleinen Schwips hätte, aber "gell, Töchterchen, selbst du gönnst mir das mal an meinem Geburtstag!" Aber ich kann ihr doch dann nicht sagen, dass es nicht um den kleinen Schwips geht, sondern um ihren totalen Realitätsverlust.
Ja, und dann kommt das ins Spiel, was Julchen geschrieben hat: mein ewiges schlechtes Gewissen wegen meiner eigenen Trinkerei von früher. Wenngleich ich der Ansicht bin, dass sich schon so einiges zu früher geändert hat, fürchte ich nichts mehr als die mögliche Bemerkung irgendeines Anwesenden: "Nun, liebe espoir, da wollen wir doch mal nicht so streng sein, gell, schon vergessen, wie ätzend du manchmal warst...?"
In meiner Familie gibt es kein Verzeihen und Vergessen, keinen Neuanfang. Es gibt keine Konflikte, die werden unter den Teppich gekehrt, es wird bestenfalls hintenrum abgelästert. Und bei passender Gelegenheit werden dir deine Sünden im Wortlaut vorgetragen, noch Jahre später, aus der Nummer kommst du nicht raus, da kannst du machen, was du willst. Ich kenne es nicht anders.
Vielleicht bin ich deshalb auch so erschrocken, als ich das von Gotti gelesen habe, es tat plötzlich so weh, ich dachte wirklich, sie wolle mir mal eben so eine gemeine kleine Spitze verpassen, wie ich es halt von meiner Familie kenne. Liebe Gotti, bitte verzeih, ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass du doch bloß sagen wolltest, dass du auch manchmal misstrauisch beäugt wirst, weil du nichts trinkst (wenn auch aus anderen Gründen
).
Ihr seht, ich bin ziemlich durch den Wind und meine Selbstwahrnehmung funktioniert zumindest im Moment ü-ber-haupt nicht.
@Matthias: Weißt du, ausgerechnet mein Vater sagte stets: "Was stört's den Mond, wenn ihn die Wölfe anheulen?", aber soweit bin ich noch nicht. Wer weiß, ob ich das je erreiche...
Danke fürs Lesen - und euch allen einen friedlichen Montagabend!
LG
espoir