Liebe Lena,
dein Beitrag hat mich stark angesprochen, denn eine ähnliche Szene habe ich gestern auch erlebt. Es ging um meine eigene Alkoholkarriere und um meinen Vater, der seinerzeit auch Trinker war.
Du schreibst:
Aber kapiert haben sie gar nichts.
Den Eindruck hatte ich bei meiner Mutter auch.
Meine beiden wichtigsten Fragen waren: Hast du jemals auch nur ein einziges Fachbuch zum Thema gelesen? Hast du jemals mit Papa beratschlagt, was ihr an eurem Leben bzw. in eurer Ehe ändern könnt? Beide Fragen hat sie mit einem definitiven "Nein" beantwortet und ich spürte instinktiv, dass ich sie nicht mehr erreiche. Warum auch?
Das Problem ist, dass ich meine Eltern sehr liebe und beide schon weit über 70 sind.
Ich habe beschlossen, in dieser Hinsicht großzügig zu sein und da nicht weiter zu intervenieren. Meine Mutter ist ebenfalls Mitte 70 und wird das nicht mehr lernen. Welches Recht habe ich als Tochter, ihr da noch das Leben schwer zu machen? In meinen Augen keins!
Wem bringt es irgendetwas, wenn ich sie quäle, sie zwinge, sich auf meinem Niveau mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen, wenn ich sie zutexte und ihr Vorträge halte über Dinge, die sie vermutlich nicht mehr verstehen wird oder will.
Wenn sie mir sagt, dass die wichtigste Aussage meine Vaters für sie gewesen sei, dass sie nicht der Grund für seine Sauferei war, dann sträuben sich mir zwar die Haare, aber ich muss es einfach mal so stehen lassen. Von daher habe ich nicht nur an Heiligabend Frieden mit meinem Vater geschlossen, sondern gestern auch mit meiner Mutter.
Für dich, Lena, sieht das Ganze natürlich ein bisschen anders aus, ich weiß.
Ich stelle es mir unendlich schwer vor, jemanden, den man auch noch liebt, vor den Kopf stoßen zu müssen, der eigenen Abstinenz zuliebe. Vielleicht hilft deinem Vater die Vorstellung, dass er doch auch nicht in die Wohnung eines Nichtrauchers geht, sich dort genüsslich eine Zigarette anzündet und dann sagt: "Ist schon OK, dass du mir keine anbietest, aber ich habe ja meine eigenen dabei."
Außerdem stellt sich mir die Frage, ob du nicht einfach aus der Not eine Tugend machen könntest. Du schreibst:
...und wenn mich das stören würde dann würde ich es so oder so nicht schaffen.
Ja, richtig.
Gerade am Anfang ist es eben immens schwierig, sooo tough da durchzumarschieren, da bist du eben dankbar für jede Unterstützung. Jemand auf Diät geht ja nun auch nicht gerade ins Kaffeehaus, jemand mit Gips geht nicht joggen, ... Beispiele lassen sich gewiss viele finden, die einem unbedarften Menschen - ohne Klugscheißerei und erhobenen Finger - klarmachen, dass es oft gerade die Kleinigkeiten sind, die so unglaublich wichtig sind auf dem Weg in die Trockenheit.
Und sieh mal, du hast ja offenbar einen wunderbaren Schwiegervater, der ganz offen und ohne Berührungsängste mit unserer Krankheit umgeht. Nimm das einfach als "Mutmacher", wenn die Enttäuschung über deinen Vater immer wieder zwickt.
LG
espoir