Hallo Karlotta,
gutes Thema.
Ich finde es sehr schwer, für mich dieses Phänomen zu fassen.
Im Zusammenhang mit meinem alkoholkranken Mann kann ich es noch verstehen, dass ich einfach nicht in der Lage war, mich abzugrenzen. Dass ich allzu bereitwillig Dinge auf mich genommen habe, um ihm zu helfen. Viel zu viele Dinge. Dass ich wahrscheinlich das auch genutzt habe, um mich abzulenken von mir selbst, mich in einen Rausch versetzt habe, der darin bestand, das tolle Projekt "IHN RETTEN", "SEIN LEBEN REPARIEREN" durchzuführen. Das normale Leben scheint mir irgendwie zu langweilig oder nicht herausfordernd genug gewesen zu sein, obwohl ich eigentlich genug damit zu tun gehabt hätte. Selbstüberschätzung spielt eine Rolle. Oder Fehleinschätzung der eigenen Kräfte und Grenzen.
Nun, ohne ihn, fällt es mir viel schwerer, zu sagen, was eigentlich mein Problem ist. Ich kann es noch nicht richtig fassen, nur mich langsam nähern.
Kontrollsüchtig bin ich, glaube ich, nicht.
Ich bin relativ leicht zu verunsichern. Ich wünsche mir eigentlich immer, dass meine Umgebung ihre Zustimmung zu dem gibt, was ich tue. Ich fühle mich überhaupt nicht wohl damit, wenn ich das Gefühl habe, es könnte schlecht über mich gedacht oder geredet werden. (Aber ist das nicht normal?)
Ich kann mich an Leistung berauschen und bin besonders stolz darauf, wenn ich MEHR leisten kann als Otto Normalbürger. Am besten mehr, als die meisten schaffen würden. Oder mehr ertragen.
Ich habe mir in meiner Ausbildung (bei Seminararbeiten u.ä.) oft ganz bewusst schwierige Themen gewählt. Wollte mich beweisen, auch wenn es gar nicht unbedingt verlangt war.
Ich habe lange Zeit ein gewisses Sendungsbewusstsein gepflegt und bin immer noch empfänglich von der Idee, Teil einer größeren Sache zu sein, eben die Welt zu retten.
Ich neige dazu, große Zukunftsvisionen zu entwickeln oder mit meinen Gedanken alle möglichen Projekte anzudenken, während ich gleichzeitig mit einer Tafel Schokolade auf dem Sofa sitze. Die tägliche Umsetzung ist mir dann oft zu mühsam.
Ich habe Schwierigkeiten, konsequent zu sein. Ich lasse mich sehr schnell aus dem Konzept bringen. Ich bin bereit, alles und jedes, was geäußert wird, sofort mit zu bedenken und für mich anzunehmen.
Alles zusammengenommen kommt es mir so vor, als ob ich ständig dabei bin, aus dem Jetzt und Hier und dem Ich zu fliehen. Als wenn mein Suchtstoff meine Gedanken sind, meine hochfliegenden Pläne, meine Visionen. Alles wandert umher, bloß heute ist hier bei mir keiner zuhause.
Was ich lernen will:
Bei mir bleiben.
Das Heute und Jetzt gestalten, jeden Tag neu.
Demütig sein. Mich richtig einschätzen können.
Ich bin ich. Die anderen sind die anderen.
Mein Leben und meine Person ernst nehmen.
Danke für die Denkanregung, Karlotta.
Liebe Grüße
Doro