Hallo zusammen,
ich bin gerade ziemlich aufgewühlt und spüre trotzdem eine Art Kampfgeist in meinem Inneren.
Heute morgen war ich wieder bei meiner Psychologin und wir haben erneut über mein Verhalten in Freundschaften und Beziehungen gesprochen. Es wird immer mehr klar, dass ich mich in jeder Art von menschlicher Beziehung, ob in der Partnerschaft oder mit sonstigen Menschen ziemlich schnell in die Kinderrolle begebe. Am Anfang lerne ich jemanden kennen und der andere hat meist den Eindruck von mir, ich sei eine selbstbewusste, starke Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Sobald aber meine "Leidensgeschichte" und Probleme zur Sprache kommen, verhalte ich mich immer mehr wie das Kind, das ich früher war, das die Mama brauchte, um überhaupt zu existieren. Der andere Mensch wird zum Versorger, der mich verhätschelt und bestätigt. Das gefällt den Menschen vielleicht einige Zeit, weil sie gebraucht werden, aber dann wird es ihnen auch lästig und sie wenden sich ab bzw. ihren Freunden zu. Ich bin wieder alleine.
Wenn ich so meine menschlichen Beziehungen durchgehe, sind das meistens Menschen, die entweder selbst krank sind oder Kindheitsschicksale hinter sich haben, oder die schon wesentlich älter sind als ich und als Ersatzeltern fungierten. Es gibt vielleicht eine Freundin, mit der das anders ist.
Bei den meisten dieser "Freunde" gehöre ich nicht zu deren Leben, d.h. wir telefonieren entweder nur oder treffen uns im Cafe oder Restaurant. Sie rufen meist weder spontan an noch unternehmen wir etwas zusammen, wie Kino, Museum oder so. Bei einigen war ich nie zuhause in der Wohnung.
Mir fällt auf, dass ich gar nicht weiß, wie ich eine "erwachsene" Beziehung führen kann. Bei uns zuhause war ich immer das liebe, angepasste Kind, das die Mama mit Krankheiten zwang, endlich mal das Geschäft zu verlassen und sich um mich zu kümmern. Ansonsten erduldete ich einfach alles. Mir fällt jetzt auf, dass meine Mutter nichts getan hat, um mich zu unterstützen, aus dem schlimmsten Mobbing, das ich in meiner ersten Arbeitsstelle erdulden musste, rauszukommen. Da lebte ich noch zuhause. Nein, sie bestärkte mich, weiter auszuhalten, bis ich nicht mehr konnte und zusammenbrach. Ich war damals mehrere Wochen im Krankenhaus. Danach fasste ich selbst den Entschluß, ein Studium aufzunehmen und kündigte sogar bevor ich die Studienzusage in der Tasche hatte, was sie auch nicht gut fand.
Es ist schwierig für mich, zu erkennen, dass meine Mutter genauso wie mein Alkoholikervater zu meiner derzeitigen Situation beigetragen hat. Selbst jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, dies hier zu schreiben. Ich hob sie immer auf einen Sockel, sie war für mich perfekt. Aber sie hat mich in Abhängigkeit gehalten, als Bezugsperson benutzt, meine Co-Abhängigkeit noch vergrössert.
Meine Psychologin riet mir heute, mir neue Bekanntschaften aufzubauen, in der meine Situation erstmal keine Rolle spielt, um nicht wieder in die Kindrolle abzurutschen. Das tun, was Spaß macht.
Ich weiß halt nicht, wie sich das "Erwachsensein" wirklich anfühlt und habe heute wieder echt Angst davor, wie es weitergeht.
Dazu kommt auch, dass ich heute eine Ablehnung von einer Versicherung erhalten habe, die einen Teil meines Klinikaufenthaltes übernehmen soll. Jetzt habe ich wieder das Gelaufe, muss mir einen Gutachter suchen usw. Das belastet mich total.
Mein bisheriges Lebensgerüst fällt weiter zusammen. Ich hoffe sehr, dass ich dann ein neues tragfähiges Gerüst aufbauen kann.
Liebe Grüße,
Sonnenstrahl