Hallo Bergchen85,
ich verbringe dieses Jahr das 4.Weihnachten ohne meine Mutter, ihr Todestag jährt sich bald zum 3. Mal. Im Grunde hatte ich schon vorher sehr viele Weihnachten ohne sie verbracht, aber da war sie zumindest noch körperlich anwesend und ich hatte die Hoffnung irgendwann einmal meine Mutter wieder zu bekommen. Es ist nicht leichter geworden für mich, sie fehlt mir nach wie vor und wird es immer tun. Es ist nur leichter geworden damit klar zu kommen.
Mein Vater ist heute noch der Überzeugung wenn wir, er und ich, uns nur genug ins Zeug gelegt hätten, dann würde sie noch leben und wäre trocken geworden. Jeder macht sich eben vor, was ihm am besten hilft, wenn man mit der Wahrheit nicht klarkommt oder klarkommen will. Da ist die Sicht Deines Vaters für ihn noch wesentlich gesünder, als die meines Vaters für ihn.
Ich betrachte mich heute in keine Weise als verantwortlich für das Trinken meiner Mutter oder Ihre Trockenheit. Da kann mein Vater reden wie er will, er bekommt die passenden Antworten von mir. Mit dem Ergebnis, ich höre keine Vorwürfe mehr. Warum auch, ich ziehe die Schuhe die er hinstellt schon lange nicht mehr an, also spart er sich die Mühe.
ZitatDenn um ehrlich zu sein, hat er sie nie unterstützt, damit sie dem Alkohol fernbleibt. Außerdem finde ich es schon extrem, dass mein Vater nicht einmal über seinen Beitrag zum Tod meiner Mutter nachgedacht hat...
Es gibt in diesem Land haufenweise Hilfen für Alkoholiker die Hilfe wollen. Es war nicht Aufgabe Deines Vaters dafür zu sorgen, dass Deine Mutter trocken wird, das war Ihre. Er hat an dem Tod Deiner Mutter ebenso wenig einen Anteil, wie meiner am Tod meiner Mutter.
Mein Vater hat meine Mutter unterstützt, durch diverse Entgiftungen, 2 LZT, div. SHG's, einige Gesprächstherapien usw. Was mit Sicherheit nicht immer einfach war, denn u. a. eine Begleiterscheinung war bei allem, das sie extreme Stimmungsschwankungen hatte. Sie war kein einfacher Mensch und der Alkohol bzw. seine zeitweise Abwesenheit hat das nicht unbedingt verbessert.
Neben den offiziellen Hilfen, gab es da dann noch kalte Entzüge zu Hause, die natürlich nicht erfolgreich waren. Einer endete auf der Intensivstation. Eine ganz tolle Idee der beiden war, meiner Mutter den Alkohol zuzuteilen. Es ist ganz toll, wenn man die eigene Mutter den Vater um Alkohol anbetteln hört. Egal ob man 15 oder wie ich damals 35 Jahre alt ist. Vollkommen sinnlos war auch die Aktion, ihr alles Geld zu nehmen. Sie ist trotzdem an Alkohol gekommen und hat noch mehr gesoffen als sonst. Vermutlich aus lauter Angst jederzeit von der Quelle abgeschnitten zu werden.
Mein Vater hat sie unterstützt, wenn man das denn so nennen will. Ich nenne es blinden Aktionismus aus Hilflosigkeit. Tot gesoffen hat sie sich trotzdem. Mir könnte da höchstens die Frage bleiben, hat er nicht zu viel getan bzw. das falsche? Die stellt sich mir aber nicht, da man als Angehöriger machtlos ist. Der einzige der etwas tun kann ist der Alkoholiker selbst. Wenn jemand Schuld ist, dass meine Mutter sich tot gesoffen hat, dann meine Mutter.
Ich frage mich ernsthaft, was Du eigentlich von Deinem Vater erwartest bzw. erwartet hast. Fakt ist, er hat Deiner Mutter die Flasche nicht an den Hals gehalten, ebenso wenig mein Vater meiner Mutter. Keiner kann einen Alkoholiker vom trinken abhalten wenn er trinken will und es gibt für jeden Alkoholiker in diesem Land Hilfe sofern er welche will. Nasse Alkoholiker wollen ganz offensichtlich keine. Man kann sie nicht trocken zwingen und man kann sie nicht trocken lieben.
Was hätte er Deiner Meinung nach tun sollen? Vor allem wenn Du solche Aussagen tätigst:
ZitatDas macht er aber nicht, weil Angst davor hat, dass sein Leben sonst zerfallen würde sondern, weil er kein Schuldbewusstsein hat und sehr infantil ist.
Wer oder was gibt Dir das Recht, das Verhalten Deines Vaters zu ver- und beurteilen. Wenn er so klar kommt, ist das seine Sache und nicht Deine und selbst wenn er nicht klarkommt, ist es immer noch seine Sache. Es ist sein Leben, damit kann er machen was er will.
Ich würde mir für meinen Vater auch etwas anderes wünschen, aber er macht weiter wie bisher, obwohl es noch mehr für ihn gäbe. Ich finde es schade, aber er ist erwachsen und kann selbst entscheiden wie er leben möchte. Für mich klingst Du sehr selbstgerecht. Bist Du über jeden Zweifel erhaben, stehst Du über jeder Kritik?
Was ich verstehen könnte wäre, wenn Du ihm Vorwürfe machen würdest, Dich nicht vor Deiner trinkenden Mutter geschützt zu haben, indem er Dich genommen hat und gegangen wäre. Wenn Du ihm vorwerfen würde, Dir als Kind nicht genug zur Seite gestanden zu haben. Auch wenn das jetzt wenig bringen würde, wo Du erwachsen bist. Das jedoch könnte ich nachvollziehen. Alles andere ist allein seine Sache, jetzt wo Du erwachsen bist.
Ich bin heute erwachsen, fähig und in der Lage mich um mich selbst zu kümmern und das tue ich inzwischen. Ich habe viel zu viel Lebenszeit damit verschwendet meine Mutter retten zu wollen. Heute weiß ich, nur sie konnte das, ebenso wie ich weiß, nur mein Vater kann sein Leben ändern. Denn nur ich konnte meines ändern.
Lass Deinen Vater sein Leben leben, wenn er so zufrieden ist und wenn er es nicht ist, dann muss er etwas ändern. Lebe Du Dein Leben, Du hast nur das eine.
Gruß
Skye