Hallo Oliver,
ich sehe es so:
jüngere alkoholkranke Menschen haben es auf der einen Seite "leichter", mit dem Trinken aufzuhören, da sie noch nicht so lange alkoholabhängig sind.
Das hat mir auch mal ein Neurologe erzählt. Dabei sprach er vor allem die Zeitspanne an.
Ein Mensch, der sagen wir mal 50 Jahre alt ist und von diesen 50 Jahren 30 Jahre getrunken hat, muss 30 Jahre aufarbeiten. Da die Psyche eines 50jährigen aber in der Regel schon voll entwickelt ist, ist das Verhalten (permanentes Trinken in fast allen Lebenssituationen) fest verinnerlicht.
Der Neurologe meinte aus persönlicher Erfahrung auf Suchtstationen, dass Menschen, die über Jahrzehnte hinweg stark getrunken haben, nur sehr selten dauerhaft trocken werden können.
Ein Mensch, der sagen wir mal 30 ist und von diesen 30 Jahren 8 Jahre stark getrunken hat, ist in der psychischen Entwicklung noch flexibler, sodass die Erfolgsaussicht, dauerhaft trocken zu werden, eher gegeben ist.
Im Vordergrund der Erklärung des Neurologen stand auch die neurologische Veränderung des Gehirns. Demzufolge wird es immer schwieriger, trocken zu werden, je länger man trinkt.
Auf den anderen Seite sehe ich es auch so, dass jüngere Menschen aufgrund der täglichen Reize und aufkommenden Verzichtgedanken eher geneigt sind, wieder zur Flasche zu greifen, weil sie das Gefühl entwickeln, ihr Leben ohne Spaß an sich vorbeiziehen zu lassen und alle Situationen, in denen junge Menschen Spaß haben, mit Alkohol verknüpft beziehungsweise mit alkoholisierten Menschen verbunden sind.
Stichwort Disse, Konzert, Kneipenbesuche, beispielsweise um nur mal Darts zu spielen etc.
Darüber hinaus sind viele jüngere Menschen eher von anderen Menschen abhängig. Sie sehen sich oft noch nicht als eigenständiges Individuum und verbinden das gesamte Leben mit Freunden und sozialen Kontakten.
Siehe die diversen sozialen Netzwerke.
Wenn dann "Freunde" kommen und meinen "Los, auf die alten Zeiten, nur zwei Bier oder so", dann neigen jüngere Menschen eher dazu, diesem Angebot nachzugehen.
Oft stößt dann noch der Gedanke dazu "Hey, du bist doch noch jung und warst ja an sich nie richtiger Alki, mal zwischendurch einen trinken ist doch nicht so wild."
Ein weiterer Aspekt sind wohl auch die Message der Werbung und das Gesamtbewusstsein der Gesellschaft.
Immer noch findet sich in vielen Köpfen, dass vor allem junge Männer auch mal gut einen trinken müssen, um überhaupt zu einem richtigen Mann zu werden. Da junge Männer dieses Männerbild oft als zutreffend einstufen, ältere Männer aber eher wissen, was einen richtigen Mann ausmacht, sind ältere Männer solchen bescheuerten Ansichten wohl auch ein wenig immuner gegenüber.
Junge Mädels werden durch die Werbung und prominente Beispiele manipuliert, dass die junge, selbstständige, erfolgreiche und coole Frau von heute ebenso trinken und rauchen darf wie Männer.
Beispiele sind hier die grenzwertigen Vorbilder aus der US-Musik-Szene und US-Jungschauspieler.
Drogentod, Alkoholentzüge und andere Aussetzer dieser Vorbilder werden dann oft sogar als cool und gut interpretiert, denn "Nur die Guten sterben ja jung".
Mittlerwiele wird ja auch vor allem die steigende Rate von trinkenden Mädchen in der öffentlichen Diskussion hervorgehoben. Es gehört bei vielen 15jährigen Mädels mittlerweile leider dazu, mit ihren Freundinnen vor der Disse eine Flasche Wodka zu leeren, was früher, auch in meiner Schulzeit kaum denkbar war.
Aber im Endeffekt kann das wohl auch nicht pauschal auf alle Alkoholiker bezogen werden.
Die Grundtendenz ist meiner Meinung nach aber da.
Grüße