Hallo Ihr, im ersehnten Regen,
jetzt muss ich mal den ***grrrr*** machen, es ist gepackt, mit Regenkombi, Block und Stift bewaffnet, mache jetzt einen 5000er Sonnentrip (hoffen wir es) und bin ab morgen auf der Piste, keine Chance reinzuschauen, weg, nur Gedanken an irgendwas, nur an klebenden Gummi.
Trotzdem, wisst Ihr was ein schönes Gefühl ist: vor einem Jahr war ich noch viel Verrückter, auch ein durchknallender stink Eifersüchtiger, ein hilflos Strampelnder, ohnmächtig und jetzt freue ich mich darauf, was die nächsten Wochen bringen werden.
Bis bald kaltblut
PS: Noch was zum Nachdenken.
Aus ganz hinten:
Heute war ein irrer Tag, Wetterumsturz, Ärger im Geschäft, alles doof, ich bin der Bestimmer und immer kommt mir was Bestimmtes dazwischen, so viele haben was zu kamellen, also doch nicht der Bestimmer und gehe frühzeitig nach Hause, lege die Beine hoch, mache zur Bereinigung meiner festgefahrenen Frustgedanken die Flimmerkiste an, schmiere eine Stulle, setze einen grünen Tee auf, beiße in die knusprige Remmel, lege die Beine, schmatzend und genussvoll den Tee schlürfend, hoch. Meine Prinzessin ist noch nicht da, da mach ich das manchmal, anstandslos flegeln, Kerl sein und die Augenlieder werden müde, sind gedankenvoll stumpf auf die flatternden Abschaltbilder gerichtet, egal ob jemand quatscht oder Schüsse fallen, nur weg aus diesem Tag. Stunden später, die durch Zauberhand lauter schallende Musik berieselt wieder meine Hirnzellen und ich erinnere mich noch schwach:
Auto, neuer Stern; Gartenparty, Durst, Bier; Yoghurt, Erdbeeren; Segelschiff, Durst, Bier; gespülte Gläser, Dreck, sauber; Vulkan, Korn, Wasser, Durst, Bier; gratis Sonnenbrillengläser; umher fliegende Flaschen, Bar, Schabau; Zahnpasta; Autos, Camping, Bier; schönes Haar, tolle Bräute; prickelnder Bauch, Bier; schöne Haut; Party, gemixtes, cooles 2,5 Prozentiges in drei Farben; Kopfschmerzen, Tabletten; Musik, Liebe, Schabau, Schwachsinn.
Der Bauch knurrt und schreit nach Remmeln, die Gedanken kreisen um Kühlschrank, Yoghurt und ein kühles Nass. Meine Prinzessin hat mich gehört, kommt majestätisch angedackelt und faselt was von Urlaub, Sonne tanken, Meer, ich hätte noch nie mit ihr am Strand gelegen, für sie ist keine Zeit da. Immer nur ich, sie hat die Nase voll von Ich Ich Ich Menschen, will mit mir an den Strand, kuschelnd im Sand liegen, unter heißer Sonne. Verwirrt, halbwach, schaue ich sie an, denke an eine Irre, um diese Zeit, wie kann sie schon einen im Tee haben, an Maßlosigkeit, an einen Ausgesaugten, an Sonnenbrand und an das große, grüne über die Meere dahin segelnde Schiff, fülle das Glas mit Wasser und sehe einen Spülrand, ja sie hat recht, unter fließendem Wasser nachspülen, mit den Spüldingern passiert das nicht oder war es Vulkanwasser, Durst, runter mit dem Wasser, soll ich eine Spülmaschine einbauen? Blöde Kopfschmerzen, nein, du nimmst keine Tablette, so was nicht, das geht von alleine weg, iss was, warum nehmen die Tabletten, saufen Schnaps und tanzen, Irre, blöde Sonnenbrille, das dauert, bis sich die Augen angepasst haben, unterm Helm nicht einsetzbar, diese gewölbten Gläser hätte ich hier nicht umsonst bekommen, aber ich würde mit kostenlosen geraden Gläsern besser sehen, egal, in eine Bar gehe ich eh nicht, du hast eine tolle Frau, sie sieht gut aus, hat tolle lange Haare, eine tolle Haut, du liebst sie, hey, bist du jetzt scharf oder hungrig oder durstig, trink noch ein Glas. Was hat sie denn da seltsames, orientalisches gekocht, Püree, Passiertes, mit Grünem, ehm, Kichererbsen, Muskat und jede Menge Knoblauch, Olivenöl, irre, Wahnsinn, wie das durftet, nicht stinkt, dafür lasse ich alles stehen, es macht mich aber auch durstig, nach Vulkanwasser, später isst du alles auf.
Irgendwie war ich den ganzen Abend durch den Wind, wir zankten uns kurz noch was. Sie die Schlafzimmertür knallend ins Abseits und so waren einige Stunden, nachdenklich dösend, wieder Tee schlürfend, vor der Kiste angesagt. Später, irgendeiner macht sich nach unzähligen Spots über einen besoffenen Hamburgerwürger lustig, ist das nicht der mit dem sprechenden Flugauto denkend, schlummere ich langsam wieder ein, mit schöner Werbemusik, irgendwo im Hintergrund.
Als ich erwache war ich trocken geschnarcht, vom Bauch bis in letzten Hirnzellen, wie Blätterteig, knackig fein bröselnd, da fehlte noch was Abbröselndes, auf den Teppich runter Fallendes, Schuppi des Jahres geht es durch den Kopf, ich hatte spröde Lippen, stank verschwitzt nach Knoblauch, eklig. Schwach kamen die Gedanken, dass sie wutentbrannt, mit den Armen wild umher fuchtelnd, die Decke an sich riss, aus dem Bett flüchtete, ihr Kissen nachholte und meinen Sofaplatz einnahm, als ich ins Bett kam, war ich der Irre?
Die Zahnpasta schmeckte ekelhaft, wie Millionen Jahre altes Vulkanwasser, Schwachsinn dachte ich, 9000 Jahre altes Korn und schüttelte mich. Zum Auto gehend kamen mir die neuen Frühjahrsmodelle der Autoindustrie in den Kopf, C-Fische, die auf meiner Bergstraße im Vulkanwasser dem Hindernis auswischen, es zwickte, brannte und zog am linken Bizeps. Die tickt ja nicht sauber, warum kratzt die dich wie blöde mit ihren scharfen Tigerkrallen, bist du eine Fleischgrabschwurst, Bier am Morgen, wie durchgeknallt, wie viele wohl jetzt mit Promille unterwegs sind, Vulkanwasser. Hasselröder oder busch oder hof, hieß der Kerl, mit dem prickelnden, im Paket verpackten silbernen Auto, der leeren Flasche und dem Würgburger, finde es nicht mehr lustig, wie der Rabenfritze die Abgestürzten zwischen nimmt, Punktabzug, Junge du wirst langsam abgedroschen, pietätlos, ohne kölsches Anhängfüll „s“, aber irgendwie mit einem großen „Sch“.
Heißen Morgenkaffee trinkend kam die Erleuchtung: Werbeindustrie, Ziel erreicht, 500.000 Menschen haben sauber, gut, qualifiziert und zielorientiert gearbeitet, vorbildlich, so sieht ein erfolgreiches Ergebnis aus: mich im Schlaf benebelt, Trojaner ins Unterbewusstsein geschleust, bearbeitet, den Norton im klaren Kopf abgestellt, geöffnet, hineingeschaufelt was das Zeugs hielt, nicht Tröpfchenweise injiziert, eingebaggert, mit dem Großen der RheinBraun, dem gewaltigen Berge versetzenden Schaufelbagger, rein gekippte Schwerlasterladungen bis zum Abwinken. Gedanken an Gutes, Leckeres, Prickelndes, Erfrischendes, Abenteuer, Urlaub, Erholung, Freunde, Spaß, Liebe, Lust, Sex, ein anerkennendes Daumen hoch, wie konnte ich auch nur so blöd sein ihr eine Flimmerkiste anzuschließen, ich brauchte doch keine, jetzt hatte ich die Birne voll von diesem Irrenquatsch, es sind nicht meine Gedanken und ich sehe erstmals was ich mir jahrelang unbedarft für Ladungen reinbaggerte.
Selbst dafür verantwortlich, dein Problem, wenn du so doof bist und dir so einen Quark rein ziehst. Das war also der Preis für diese „freie Selbstbestimmung“, auch im Schlaf, dumm gelaufen, ozapft. Wie viele Stunden hatte ich vor der Kiste schon abgeschaltet, versteinert, teilnahmslos, dumm, unbedeutende Töne und Bildchen aufgenommen, ein irrer Glotzer. Zehn Herz Phase, NLP, Superlearning, Lazanow, Suggestopädie, ungebremstes Einfließen, Schaufelrad um Schaufelrad, die Minuten bevor man einschläft, wenn sich alles ins richtige Postfach sortiert, ablegt, wie wenn man das Buch unters Kopfkissen legt, um am nächsten Morgen die Prüfungsfragen zu wissen, im richtigen Augenblick, am richtigen Ort alles frei zugestellt zu bekommen. Für Prüfungen, für Wissen, dachte ich immer, aber für Unwissen ozapft. Das Ding sollte nicht Glotze , es sollte Unwissenverteileranlage oder Fernozapfer heißen.
Wie sagte jemand: da konnte ich einfach nicht anders, ich war wie von Geisterhand gesteuert, mein Hirn ausgeschaltet, musste zugreifen, da ist es passiert. Das Ziel aller Dinge: mechanisch, geisterhaft, ohne bewusstes Wollen, selbst bestimmend ins Regal greifen und sich die Gedanken an Gutes, Leckeres, Prickelndes, Erfrischendes, Abenteuer, Urlaub, Erholung, Freunde, Spaß, Liebe, Lust, Sex einfüllen, platsch, Klappe die X-te, tot.
So 12-15 Spots, im 20 Minutentakt, 36 die Stunde, 144 am Tag, 52560 im Jahr, so Zweieinhalbmillionen in meinem Leben, vielleicht mehr, vielleicht weniger, geil, ich muss mich mal wie ein Millionär fühlen und die Zahl sehen: 2.500.000. Jetzt stelle ich mir vor wie nur einer jeden Tag sagt „DU BIST KLASSE“, was wäre ich für ein Überflieger geworden oder mich jeden Tag einer ansieht und meint „Du Ar***“, ich würde immer verschämt zu Boden sehen, aber hunderttausende Mal hebt die Tassen, haut weg den Quark, da bekomme ich Angst vor den Rissen im Porzellan, vor der überquirlenden Schüssel mit Riss, in meinem Postfach und der Sabber läuft den 8h Frühabholern entgegen.
Klar, ich bin der Bestimmer, wegsehen, Oropax rein, wie früher, als Kind, Finger in die Ohren, irre laut singend: ich höre nichts, habe dich nicht verstanden, will ich nicht hören, sehe nichts, sei still, ich bin jetzt der Bestimmer, aber den ganzen Abend, bei einem Klassiker, bei „vom Winde verweht“ in der einen Hand Schluchztaschentücher, die unzerreißbaren, die Doppelsabbermengen aufnehmenden, meine Prinzessin tröstend umarmend, in der zärtlich streichelnden Hand die Ohrstopsel und alle zwanzig Minuten einen auf durchgeknallten Irren machen, Fenster, zu hallo Nachbarn. Besser abschalten, Radio weg, nicht mehr durch die Gegend fahren, keine Zeitung mehr, nicht mehr einkaufen gehen, nichts mehr sehen, hören, weg damit.
Freie Selbstbestimmung, das mir laut Gesetz zustehende Recht. Was ist das eigentlich? Telefon überwacht, Emails überwacht, Kameras die alles überwachen, alles Gläsern, irgendwie „Hallo Frau Postbotin, wie sieht denn heute mein Konto aus, weiß nicht, hab noch nicht nachgesehen“. Also vollgesülzt überwacht frei entscheiden dürfen, ob und womit ich mir eins in die Birne jage und wenn nicht, so lange die Birne zubaggern lassen, bis ich schlafwandelnd zum Kühlschrank dackele. Lustig, jetzt wo ich es erkenne, ich habe die Lust darauf verloren, die Filme sind Nebensache, es geht nur um die Unwissenverteilung, ums Fernozapfen.
Herr Jensen steigt aus, schön geschrieben. Was Herr Jensen alles wusste, ein ganz schön heller Kerl, aber namenlos, versteckt vegetieren, sich verschließen und abhauen vor dem Kram, ist das meine freie Selbstbestimmung? Nein.
Ganz ruhig liebe Werbeleute, Herr Jensen ist nicht da, erfunden, aus einem Buch, wir brauchen uns alle, ich lebe von Euch, Ihr von mir, wir ziehen alle an einem Strang, nur, an einem Ende ist noch einer, ein Absaufender, der ehemalige Selbstbestimmer, der ist jetzt nur noch der Kranke mit dem blauen Punkt, ein Abfallprodukt, braune Tonne, Deckel zu, recycelbar, Abholung Mittwochs, alle 14 Tage.