Ihr Lieben,
danke für Eure lieben Zeilen.
Ich heiße Karl, Freunde nennen mich Kalli, hier bin ich Kaltblut, kalli kaltblut.
Da wo ich jetzt wohne, ohne Radio, ohne TV, ohne Radau, alleine, nur mit Sarah Brightmans sanfter Stimme „the war is over“, Laura Pausinis gefühlvollem Schmettergesang „from the inside“ und chinesischem Tee, da ist es ist wunderschön, alleine, in meinen alten, knarrenden, Geschichten erzählenden Wänden, Ihr Liebling, Thomas Mann, er würde sich hier sehr wohl fühlen.
Ich wollte mich eigentlich im privaten Bereich einschreiben, nicht mehr „nur“ Eure anregenden und tollen Diskussionen in der Öffentlichkeit verfolgen, aktiver sein, dabei sein, dazugehören. Aber es ist etwas in mir passiert.
Ich habe mich entschlossen, den Namen Kalli Kaltblut als Pseudonym für eine besondere Aufgabe zu verwenden. Nicht ich, Ihr, die Ihr mich die vergangenen 9 Monate begleitet und Mut gemacht, den Weg gezeigt, aufmerksam meinen inneren Bruch verfolgt, erlebt habt, wie Liebe und Selbstaufgabe keine Chance hatten, die Ehe, auch ohne Tragikhighlights zerbrochen ist, wie aus Unverständnis und Ratlosigkeit, Einsicht und lösende Selbstständigkeit wurden. Ihr, die Ihr mir so bedeutende, ergreifende Worte geschrieben habt, anerkennend zu mir steht und es tut so gut. Vielleicht hat mich das überheblich gemacht, aber ich glaube daran, es ist nicht vorbei, es beginnt, es waren immer die kleinen Davids die Fürsten straucheln ließen und deren harte Nüsse knackten.
Es gibt Dinge, die ich immer noch nicht verstehe, nie verstehen werde, nie verstehen kann. Ihr gabt mir damals zu verstehen, dass es kein „nur ein bisschen krank“ gibt, sondern entweder ist man krank, lebenslang oder nicht. Ich kann das Wort „Alkoholiker“ heute aussprechen, müsste es, müsste vieles verstehen können, es gibt nichts zu verstehen.
Wir haben telefoniert, sie will und es arbeitet, aber meine Schuhe passen nicht mehr. Sie ist jetzt aktiv in einem AA Kreis ist, wo sie von Vielen geraten bekam, nur schnell weg, wenn du von deinem Mann keine Hilfe bekommst. Es gibt nichts zu verstehen, ihr habt es mir gesagt, sie wird nie mehr ihr Misstrauen in diese Welt gegen grenzenloses 11 Minuten Vertrauen eintauschen, nicht in der Lage sein, mir liebevoll die Hand zu reichen, sie versteht genauso wenig, kann nicht das Weiße zwischen den Buchstaben deuten. Die Wege gehen weiter und weiter auseinander und es gibt so wenige Brücken, die Brücken sind so schmal.
Ich betrachte mich nicht mehr als Co, nicht als Light-Co, vielleicht als einen, der nicht ganz normal ist, weil er manchmal anders entscheidet und handelt als es die Meisten tun würden, aus welchen Gründen auch immer, weil ich bin ich, gestern, heute, morgen und das ist auch gut so.
43 Jahre hatte ich nur gelernt wie man viel Kohle dreht, schafft und es schafft alles in den Sand zu setzen, gelebt zu werden. Es waren Warriors of Light, die Leben brachten. Diese Menschen, wie meine Frau, wie eine klasse Spreefee, ein lieber Lippstädter Engel, eine marokkanische Wüstenbraut und curitibanische Freunde, sie sind überall unter uns, auch hier im Forum, wie Ihr, ausgestattet mit nur einem kleinen Beutelchen Hoffnung, sie können bewegen, so wie- und es tut so gut zu lesen – „…wenn sich die Fingerspitzen zweier Menschen ganz leicht berühren, am richtigen Ort und zur rechten Zeit!“
Später floss viel Licht in unsere täglichen Briefe. Ja, es gab da schon Telefon und SMS, aber meine Frau war nicht nur eine Leseratte, sie war ein ganzes Leserattenvolk und wenn sie mit ihrer Fingerspitze sanft ein Buch berührte, war es lehr gesaugt. Wir hatten eine große, unsere Kommunikation, auf diesem Wege, die Basis jeder Beziehung. Wenn sie als gelehrte Wortgewandte zwischen 22h und 1h, also nach 1 ½ bis 2 ½ Flaschen Wein, zu euphorischen Reden überging, denen ich nur bedingt folgen konnte, nie in angemessner Geschwindigkeit hätte argumentieren, noch treffend antworten können, schluckte ich still den einen und anderen Brocken. In der Zeit nach ihrem Absturz schrieb ich es auf, also bis zum morgendlichen liebevollen Abschiedkuss einer mich zart drückenden anderen Frau, um es auf dem Frühstückstisch zu hinterlassen, weil bei ihr das einzig wirklich Zählende das geschriebene Wort war.
So kamen viele Seiten zusammen und wenn ich heute „dessen“ statt „dem seine“ schreibe, wie es für den Kölschen frei übersetzt von „dem sing“ heißt, so habe ich das meiner Frau zu verdanken. Ich werde nie Germanist, meine Markenzeichen sind buks in der Headline. Heute ist vieles ihrer Kunst verdunstet, wie das rote Zeugs beim Kochen eines Ochsenschwanzes.
Nein, das war nicht unsere einzige Kommunikation, da wäre es ein gelegentliches „mach dich nackisch“ geworden und keine Ehe. Wir hatten ein sensationelles Vorspiel bis zu unserem Jawort. Auch nicht die üblichen 9 Minuten Ehe Alltagdurchschnitt, es war mehr. Unsere Kommunikation war auch sich ganz und gar zu geben und zu wissen, nur durch Loslassen, Dich Dich sein lassen, wachsen wir weiter zusammen, bis zum Sein lassen. Ich weiß nicht wie Ihr das mit Euren Kerls und Bräuten macht, aber es war ein wunderschönes Gefühl, so wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, wenn ich auf Geschäftsreise ging, für zwei Tage, für zwei Wochen und täglich bis null Uhr wartete, um voller heißer Gedanken den Brief, die Aufmerksamkeit des nächsten Tages erwartungsvoll zu öffnen.
Meine Frau bleibt in meinen Augen ein wunderbarer Mensch, eine Königin von Saba, eine geraubte Sabinerin. Kennt Ihr das prickelnde Gefühl der Versuchung, wenn andere den Kopf schütteln und Eure Gedanken sagen: Nein, ich habe mein Zuhause, meinen Partner? Der Versuch etwas ändern zu wollen war es wert, allemal, ich bin nicht zerbrochen, ich habe mit Eurer Hilfe mein Mittelchen gefunden.
Vom Winde verweht heißt der Film, bei dem Frauen in die Tücher schluchzen und die Kerle mit leichten Gaumenvibrationen den Hausfrieden stören. Wir hatten Kommunikation, die Basis jeder Beziehung, verweht, wir hatten Liebe und alles was dazugehört, verweht, wir hatten viele, schöne unvergessliche Erlebnisse die ich in meinem Leben unverwehbar nicht mehr hergebe, die in mir sind, genauso wie all die von mir gefüllten Flaschen mit Kullertropfen. Damit keine Missverständnisse aufkommen: ich bin kein Softi, kein Matcho, ich werde auch nie der knallharte Egoist, einfach nur ein Kerl, der seine Gefühle verarbeitet, einfach nur Kalli Kaltblut. Da ich aber ein sch. Gutmensch bin, finde ich auch daran etwas Gutes. Durch die vergangenen Jahre darf ich jetzt erfahren wie schön es ist, diese Gefühle heraus zu schreiben und mit jedem Kullertropfen passiert etwas. Sebastian hiippi, Deine Worte waren nicht umsonst, jeder Kullertropfen ölt meine Finger um Seiten zu füllen.
Übrigens: pleite sein heißt nicht mittellos zu sein, es gibt Mittel die nicht mit Gold aufzuwiegen sind. Wir haben sie alle, diese mittellosen Mittel, die bewegen können, dazu bedarf es keiner Akademie, keinem Schotter, keiner Titel, sie sind überall, einfach bücken und aufheben und dieses „einfach bücken und aufheben“ kann das Schwerste sein, weil wir uns immer wieder an dieser unsichtbaren Wand den Kopf einstoßen.
Nach Ihrem Infarkt im April letzten Jahres sagte ich ihr: „ich werde Dir ein Buch schreiben, einmal im Leben möchte ich ein richtiges Buch schreiben, für Dich, Du kannst gar nicht abhauen ohne es gelesen zu haben.“
Im Juni hörte ich auf, als ich verwirrt in diesem Forum landete. Gut, dass ich aufhörte, die Pause hat mit Kraft gegeben, unverwundbar auf ihn herabzusehen und mit meinen Worten zu antworten, gelassen hinter ihm zu stehen und mit ihrem liebevollen, sanften, morgendlichen Kussmundlächeln nicht nur den Vorschlaghammer, den schweren Amboss gleich mit, einfach so zerschmetternd fallen zu lassen, das ganze Arsenal. Mein Boss hat mir etwas geschenkt und ich werde es nutzen, einfache aneinander gereihte Silben, Worte, wie er sie schon seit 2000 Jahren benutzt. Ich werde nie einem Verein beitreten, aber er ist da, in mir, in uns.
Sie ist fort, anders. Das Buch werde ich fertig schreiben, es wird dauern, nicht für sie, für Euch, für uns, für alle Betroffenen auf beiden Seiten und wenn ich selbst am Kölner Bahnhof stehen muss und die handgedruckten Exemplare aus dem Rucksack anbieten werde, ich werde, denn die Liebe, die kann man nicht kaufen, nicht stehlen, nicht borgen, sie wird nur verschenkt, aber nicht an ihn, an diesen triumphierend grinsenden Geistesverwirrer in ihrem Kopf, er bekommt eine harte Nuss.
Es wird nur meine und ihre Details enthalten, das, was in meinem Bauch ist, raus will und doch sind es auch Eure Bäuche. Viele haben Worte geschrieben wie „das könnte meine Geschichte sein“ und ich habe mich bei Euch täglich wieder gefunden. Karsten, es gibt Dinge, die verstehen sich von selbst. Du, Ihr, habt etwas Großartiges, Bleibendes und Hilfreiches erschaffen, es ist etwas passiert, Zeit es passieren zu lassen.
Es hat den Titel „ Die unbeugsame Gebeugte“, und auf dem Klappentext soll stehen:
Dieses Buch wurde in Erinnerung an eine geraubte Spreeprinzessin geschrieben, „die unbeugsame Gebeugte“. Für die Menschen , die tagtäglich auf der einen oder anderen Seite einer undurchdringbaren Wand stehen, für Menschen die unbeugsam gebeugt werden, bis auch der letzte Liebesgedanke verödet ist, ihre heile Welt ins Chaos stürzt, das jahrtausende alte gefühlvolle Lied der Lieder im alltags Gekrächze verstummt. Für die, die nichts, gar nichts dagegen tun können, außer in Liebe zu gehen oder sich selbst zu kasteien, um triumphierend lächelnd kastriert zu werden. Für die, die ein aussichtsloses Gemetzel anführen, eine barbarische Alltagsschlacht von vielen Millionen Menschen gegen eine vielfach so hohe zerbrechende Anzahl machtloser Angehöriger, die hier, gleich nebenan, in Deinem Haus, in Deiner Stadt, in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt, täglich ein Stück Lebenssaft entzogen bekommen. Du, Du, Du und Du auch, Ihr alle seit an diesem Aufmarsch beteiligt und das Kriegsgejaule übertönt den Lärm vergangener gemeuchel Zeiten gewaltig.
Nehmt es mir bitte nicht übel, aber ich habe mir reiflich überlegt, alle freie Power in diese eine Aufgabe zu stecken, für uns, gegen ihn, es wird sicher Zeit bis 2008 brauchen und die Nächte sind kurz. Ihr wisst was ich meine. So ein Text, so eine Antwort, etwas Überlegtes und nicht mein anfangs aus Unverständnis los Geplappertes, etwas aus dem Bauch, dass auf direkten Weg ins Hirn wandert, etwas, das schneller ist als unsere Stoff aufsaugenden Nerven, so wie Ihr es mit Eurer kostbaren Zeit erschafft und vielen Menschen damit Licht in den dunklen Wegsperrraum bringt, das braucht etwas.
Wenn Ihr im Dezember in das Kino geht, den goldenen Kompass anschaut, dann könnt Ihr mich sehen, als mächtiger, unverwundbar gepanzerter Eisbär, auch er musste gehen. Nur, Pullman hat mich vorzeitig mit einem magischen Messer ausgestattet, mit dem ich durch die Welten schlüpfen kann, ihm nach.
Cashewnüsse sind eine herrliche Speise Zutat, ein gesunder Knabbergenuss. Ihre Blüten eine prächtige Wonne, ihr Fruchtfleisch eine butterweiche aphrodisierende Zugabe in einen traditionellen brasilianischen Getränk, der Saft ein belebender Genuss und ihre grüne, junge, steinharte Nuss höchst giftig.
Er hat sich eine harte Nuss ausgesucht, aber ich habe einen viel, viel mächtigeren Nussknacker als er.
Danke, ich Wünsche Euch viel Licht, wir hören voneinander, je kürzer die Nächte, je schneller bin ich zurück. Vor 2000 Jahren schlug man sie in Stein, heute in die Tasten, diese aneinander gereihten Silben, diese Worte, die uns nicht mittellos machen.
Alles Liebe Kalli Kaltblut