Jetzt bin ich seit dem 2.7. alkoholfrei/trocken unterwegs - Hurra!
Die ersten Tage zu Hause haben mich mit so einigen Gedanken konfrontiert, deshalb will ich die hier mal dokumentieren.
Tagesstruktur und "nasses Verhalten"
Als ich aus der Klinik kam, war ich natürlich hochmotiviert und geradezu euphorisch, jetzt so lange schon trocken zu sein, daß ich die grandiose Idee hatte, meine Tagesstruktur komplett umzukrempeln und ein komplett neues Leben zu Hause einzuführen.
Freitag hatte ich dann einen entspannenden Video-Abend gemacht und dazu was leckeres gekocht. Essenszeit: 21:00 Uhr
An diesem Abend habe ich mir gar keine großen gedanken gemacht, aber am nächsten Morgen traf mich doch eine erschreckende Erkenntnis:
Ich habe am Vorabend zwar keinen Alkohol getrunken, mich ansonsten aber exakt genauso verhalten, wie zu Trinkzeiten!!
Also alles wie vorher, nur ohne Alk!
Das hat mich sehr erschreckt, denn zu Trinkzeiten habe ich nur am PC gesessen, habe blödsinnige Filme, Dokus und melancholischen Mist angeschaut und dabei literweise Bier gesoffen.
Ich habe mir dann am Samstag mal 3 Gedanken dazu gemacht und festgestellt:
- Ich bin zu unaufmerksam: Bin doch glatt wieder ins alte Muster reingerutscht, also besser aufpassen!!
- Ich bin immer noch zu schnell, will zuviel auf einmal: In der Klinik habe ich ja ein persönliches Sportprogramm zusammengestellt, was auf meine momentane Physis passt (z.B. 5km walken oder 30min Ergometer oder 1h Schwimmen). Jetzt wollte ich zu Hause schon den ultimativen Plan erstellen, in welcher Zeit ich welches Ziel erreichen kann.
Aber Vorsicht: Mir wurde in der Klinik mein überschießendes Verhalten gezeigt (alles zu schnell....zu viel auf einmal....zackzack...) und auch hier liegt eine große Gefahr!
In der letzten "Saufphase" war ich so hochgradig depressiv, daß ich keinen Finger mehr krumm gemacht habe (ausser Arbeit unter einer mächtigen Fassade). Und jetzt, frisch motiviert, solls auf einmal losgehen?
Das Veränderungen her müssen - gar keine Frage. Aber wenn ich jetzt dieses "ZackZack-Verhalten" wieder durchlasse, bin ich auch wieder auf dem alten Weg. Das wäre dann ungemein frustrierend, wenn irgendwas nicht klappt und die Gefahr, dann unter Frust wieder zu trinken, ist mir zu groß!!
Ich habe meine Tagesstruktur so eingerichtet, daß sie sich an drei Uhrzeiten ausrichtet:
7:00, 12:00, 18:00 (+/- 1h)
Dieses ist grob die Struktur in der Klinik, ausgerichtet an den dortigen Essenszeiten. Diese Struktur, insbesondere auch die festen mahlzeiten, haben mir sehr geholfen und mir einen festen Bezugsrahmen gegeben. Deshalb übernehme ich sie jetzt einfach mal nach zu Hause.
7 Uhr aufstehen ist Klasse! Eigentlich war ich schon immer gerne früh auf und vor allem früh draussen. Die Morgenstunden haben irgendwas besonderes!
In der Klinik war es anfangs ungewohnt, um 7:30 schon zu frühstücken, aber es hat einen Effekt gezeigt. Da ich auch im Bezug auf Essen überschießend reagiert habe, hat mir dies sehr geholfen.
Dazu muss ich eines anmerken: Ich hatte zu Saufzeiten öfters meinen sogenannten "Flash", schlagartiges Schwitzen, zittern der Hände, innere Unruhe, hoher Puls.
Das habe ich immer fehlgedeutet und dachte, es sei eine Unterzuckerung und ich müsse mit Essen gegensteuern.
Erst in der Klinik hat man mir klargemacht, daß ich Entzugserscheinungen habe!!
Und so hat sich die Essensmenge in den 4 Wochen deutlich normalisiert; wichtig vor allem, abends nach 19 Uhr nix warmes mehr zu essen!!
Gleiches gilt für Mittag- und Abendessen.
Meine Tagesstruktur hat sich also schonmal auf diese drei Uhrzeiten eingependelt. Ins Bett gehe ich allerspätestens um 23:00 Uhr (zu Saufzeiten nie vor 1:00 Uhr).
So lasse ich es erst mal laufen und versuche so, die alten "nassen" Verhaltensweisen langsam, aber sicher zu ändern.
Ich merke es z.B. auch beim Sport. Auch hier falle ich blitzschnell in ein "nasses" Verhalten hinein, nach dem Muster:
"Schnell-schnell, große Strecke/große Leistung". Hier schreit förmlich alles nach "Belohnung" !!!!
Deshalb habe ich heute früh um acht auch einen gemütlichen Walk am Rheinufer gemacht, 8km in leicht flotterem Wandertempo. Zu Anfang wollte sich ein Gedanke einschleichen (du bist zu langsam.....schau dir die anderen an). Diesen Gedanken habe ich aber schnell wieder losgelassen und bin schön soft gewalkt und habe mich an meiner Umgebung gefreut.
Ich kann ja nicht erwarten, daß ich nach >15 "Saufjahren" plötzlich wieder "Mr. Superman" werde 
Meine Konzentrationspunkte sind nun:
- Loslassen können (altes Verhalten)
- langsam in kleinen, vorsichtigen Schritten voran gehen (wobei das walken sehr hilft..)
In diesem Sinne.....(Omas Kaffee + Kuchen ruft...)

