...und irgendwann schwinden die eigenen Kräfte, das merke ich gerade sehr deutlich.
Dieses tägliche Gemisch aus Angst und Sorgen um Leo`s Leben und Wohl, das ich seit Wochen spüre, laugt mich einfach aus.
Ich merke daran, wie erschöpft ich bin, daß ich einen anderen Mann, der schon seit Monaten an mir ein gewisses Interesse zeigt, plötzlich attraktiv finde. Abends stehen wir zusammen und reden und ich denke mir: Da ist sie, direkt vor meiner Nase, die perfekte Tür zum Ausstieg aus dem Alptraum. 
Aber ich würde mir Leo und meinen eigenen Idealen gegenüber soooo grottenschlecht vorkommen.
Dabei bin ich kein besonders moralischer Mensch und habe Beziehungen früher immer mit leichter Hand beendet. Allerdings habe ich auch einmal danach festgestellt, daß der neue Partner noch größere Macken und Probleme hatte als der alte.
Damals habe ich mir vorgenommen, die Flinte bei der nächsten Beziehung nicht wieder leichtfertig ins Korn zu werfen.
Dann frage ich mich wieder, ist das nun co-alkoholiker Denken oder nicht? Zumal zwei Aspekte hinzu gekommen sind:
- Leo ist immer noch trocken und
- es kann sein (wird noch untersucht), daß seine massive Organschädigung angeboren und nicht durch Alkoholmißbrauch erworben ist.
Macht das Letztere einen Unterschied für mich aus? Denn ich begreife Alkoholismus als Krankheit, so wie auch die WHO das festgelegt hat und unter diesem Aspekt betrachtet, wäre ja dann die Organschädigung, falls sie doch durch Leo`s Alkoholmißbrauch verursacht worden wäre, eine Folgeerkrankung der Krankheit Alkoholismus.
Abgesehen davon: Ich hatte gute Zeiten mit Leo, wir haben wirklich gut zusammengelebt, bevor die organische Krankheit sich bemerkbar gemacht hat. Jetzt, wo das Damoklesschwert "Er muß trocken bleiben, sonst stirbt er" über mir schwebt, spüre ich einfach so viel Angst. Das schnürt mir richtig die Kehle zu. Die Leichtigkeit, die Unbeschwertheit ist einfach weg. Ich hoffe nur, sie kommt irgendwann wieder.
Nun wäre es theoretisch leicht zu sagen "okay, ich trenne mich von Leo und löse mich damit von meiner Co-Abhängigkeit". Aber dazu kenne ich mich leider gut genug, um zu wissen, daß das nicht funktioniert.
Denn sowas Ähnliches habe ich früher schon ausprobiert, mit dem Ergebnis, nach einer gewissen Erholungsphase die nächste Beziehung mit einem auf irgendeine Art und Weise hilfebedürftigen Mann einzugehen.
Neee, meine Co-Abhängigkeit oder anders ausgedrückt, mein Helfersyndrom sitzt viel tiefer. Es geht irgendwie auch darum, daß ich immer wieder Beziehungskonstellationen anstrebe, in denen ich die Stärkere bin und mein Partner der Schwächere ist.
Auch darum, daß mir das "Helfen-können" so ne tiefe innere Befriedigung verschafft.
Hilfebedürftige Menschen gibt es viele. Wenn ich z.B.: meinen derzeitigen Interessenten als Partner nehmen würde, hätte der zwar kein Alkoholproblem, aber dafür andere Probleme. Wieder wäre ich, das ist mir klar, die Stärkere in der Beziehung, diejenige, die alles gedeichselt kriegt, die ihm Anregungen und Hilfestellungen gibt.
Wie kommt man bitte da raus? Von diesem Muster los? Über Trennung vom Alkoholiker kriege ich das nicht hin, das weiß ich haargenau aus Erfahrung. Denn da ziehe ich sofort den nächsten hilfebedürftigen Partner an Land.
Geht`s vielleicht nur über Therapie und die Arbeit mit dem inneren Kind? Daß man mit therapeutischer Hilfe nachschaut, was da in der Herkunftsfamilie gelaufen ist, wieso man darauf konditioniert worden ist, im Helfen so große Befriedigung zu erleben?
Kann mir da bitte jemand noch was dazu schreiben? Für mich ist die Beantwortung dieser Frage sehr wichtig, denn letzendlich gibt`s von der Logik her für mich nur zwei Möglichkeiten:
- Entweder Leo bleibt trocken und wird auch innerlich der starke Mann, der er vorher nur äußerlich war, dann muß ich aus meiner Helfer-Rolle sowieso raus, oder
-ich trenne mich aus irgendeinem Grund von ihm, vielleicht sogar, weil ich den Sprung vom Helfer zum Partner nicht schaffe oder auch weil er rückfällig wird und um nicht in der nächsten Partnerschaft dasselbe Muster zu fahren "Ich Helfer/scheinbar stark, innerlich aber schwach- der Partner Hilfebedürftig und scheinbar schwach", muß und will ich versuchen, für mich dieses Muster aufzulösen.
Uff, sorry, das war nun ein bißchen wirr, aber trotzdem möchte ich zu gerne wissen: Wie kommt man davon los, unbewußt die Co-Rolle für sich anzustreben und in einer Partnerschaft leben zu wollen?
Verwirrte Grüße
Leonia