Hallo TT,
ich wollt Dir ja eigentlich schon früher schreiben aber ich hatte ein paar Probleme mit meinem vorsintflutlichem Internet... egal jetzt funktioniert´s.
Du schriebst: „Ich merke ja, dass das was ich manchmal so über mich denke, schon fast Körperverletzung ist. Es gibt keinen Menschen über den ich so streng urteile, wie über mich. Glaube, dass ist sehr ungesund.“ Das ist in der Tat nicht gesund; vor allem, weil Du – wie ich es rauslese – weniger über den Menschen urteilst, der Du jetzt bist und mehr über die frühere, trinkende TT. Dabei kann natürlich schnell aus dem Blick geraten, was Du alles schon erreicht hast in den Monaten Deiner Trockenheit, ganz banal für Deine Gesundheit, aber auch an Kraft, die Probleme, die aus der nassen Zeit übriggeblieben sind, nun anzugehen. Und das ist doch sehr sehr viel – es sollte in Dein Selbstbild einfließen, ganz einfach weil Du das verdient hast.
Ein Leben oder weite Teile davon zu „reparieren“ dauert eben ziemlich lange; um so wichtiger ist es, die kleinen Schritte auf dem langen Weg sehen und wertschätzen zu können (ich hab dabei immer wieder tolle Inspirationen in dem, was silberkralle so schreibt gefunden, vor allem wenn er schildert wie er sich über die Natur freuen kann). Bei mir selbst ist es z.B. so, daß ich nach Jahren, in denen ich das nicht mehr konnte weil ich immer betrunken oder verkatert oder todmüde war, wieder lesen kann – eine meiner größten Leidenschaften (und auch so eine Tätigkeit, während der das Grübeln, das mir auch gut bekannt ist, keine Chance hat – wie bei Dir vielleicht während des Hörbuchhörens).
Achtsamkeitsübungen helfen nicht so sehr dabei, „anders“ zu denken. Aber sie helfen dabei, sich nicht mehr so sehr im Gestrüpp der eigenen Gedanken und Grübeleien zu verfangen, sie erleichtern es, sich aus den negativen Gedanken heraus immer wieder mehr in der tatsächlichen Realität zu verankern und nicht hilflos in einem destruktiven Gedankensumpf zu versinken. Dieses Versinken passiert mir auch heute noch immer mal wieder... aber ich merke es schneller und kann leichter wieder daraus hervorkommen.
Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal mit dem Thema „Meditation“ in Kontakt gekommen bin geschah das über ein Buch, das ich heute noch als wertvoll empfinde – nix Buddhistisches oder überhaupt nur in weiterem Sinne Religiöses. Es wurde von zwei Hamburger Psychotherapeuten geschrieben, Lütz Schwäbisch und Martin Siems, und heißt „Selbstentfaltung durch Meditation“. Vielleicht hilft Dir das ein bißchen weiter, es steht auch sonst viel Wissenswertes und Wertvolles darüber drin wie wir Menschen ticken und welche beinahe unerschöpflichen Entwicklungspotentiale wir alle haben wenn wir uns nicht in letztlich irrealen Gedankenketten verirren.
Ich wünsche Dir viel Kraft auf Deinem Weg der sich so sehr lohnt! LG Frank