Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
Ich weiß, man muss bei so etwas sensibel vorgehen. Ich habe gelernt, dass ich zunächst über meine Gefühle sprechen muss. Anschließend kann ich versuchen mit offenen Fragen, die weder wertend noch kritisierend sind, herauszufinden, wie es um ihren Alkoholkonsum klingt. Das klingt einfach, ist aber sicherlich sehr sehr schwer.
Vielleicht ist jemand hier, der solche Gespräche auch schon geführt hat -vielleicht sogar erfolgreich?- und dadurch die Lage besser einschätzen konnte.
Für zahlreiche Antworten wäre ich sehr dankbar.
Hallo Unbekannter!
Deinen Text können wir hier nicht alle sehen, deswegen könntest du ihn einkopieren, wenn du magst.
Sarawen hat schon einiges dazu geschrieben.
Wichtig ist, dass du dich auf dich konzentrierst und nicht beginnst, für sie die Verantwortung zu übernehmen. Es zählt allein, wie du dich fühlst und wie ihre Erkrankung auf dich wirkt.
Es ist ein schmaler Grad von der anfänglichen Unterstützung bis zur Selbstaufgabe.
Wenn du körperliche Beschwerden verspürst wie schlechter Schlaf oder Angst, würd ich für mich eine Grenze ziehen, wie weit ich nocht (mit)gehen würde. Solche Probleme treten immer auf, wenn man sich zu sehr in die Co-Abhängigkeit begibt- in der Steigerung kommen irgendwann Aggressionen, Wut, Depressionen und Panikattacken hinzu. Irgendwann "kann man nicht mehr".
Auf der anderen Seite ist es so, dass man erfahrungsgemäß auch als Co tief unten sein muss, um zu begreifen, dass es so nicht mehr weitergeht.
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
Seit einigen Wochen bin ich mir sicher, dass sie ein Alkoholproblem hat. Das hat mich zunächst sehr aus der Bahn geworfen, aber ich habe dann sofort angefangen mich zu informieren und auch das Gespräch mit ihr zu suchen.
Richtig gehandelt. Mir hat es ungemein geholfen zu wissen, was Alkoholismus ist, dass man als Angehöriger keinen Einfluss hat und vor allem, dass man auf sich selbst achten muss. Lies dir hier die Erfahrungsberichte durch; du wirst dich und deine Partnerin in vielen wiedererkennen und auch diese typischen Anworten (=Ausreden).
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
Leider war ich dabei etwas unsensibel und ich wurde daraus nicht wirklich schlauer.
Wieso nimmst du die Schuld auf dich? Wenn es dich beruhigt: Ich habe nirgendwo hier im Forum gelesen, dass ehrliche, tiefe und aufrichtige Gespräche über Alkoholismus möglich sind, solange der Erkrankte sich die Probleme nicht wirklich eingestanden hat. Da wird gelogen, verdrängt und beschönigt ohne Ende. Und die Angehörigen klammern sich an diese unehrlichen Strohhalme.
Ich habe ein paar Gespräche mit meiner Mutter hinter mir, auch mit einer damaligen Freundin. Dazu muss ich sagen, dass ich ein Studium im Bereich Pädagogik absolviere. Ich kenne als die ganzen Tipps zur Gesprächsführung, wie man über Konflikte redet etc zu genüge. NICHTS, gar nichts hat bei diesen Gesprächen geholfen. Die Damen haben direkt dicht gemacht; mir wurd die Schuld zugeschoben (Du hast ein Problem, weil du zu sensibel bist. Ich habe kein Problem. Es ist nur eine Phase/normal/kontrollierbar. Ich kann machen, was ich will, lass mich in Ruhe. Oder es gab kein Gespräch, weil Mutter einfach weggegangen ist.). Wunder dich nicht, wenn die Gespräche keine Erfolge mit sich bringen- es liegt nicht an dir.
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
Fazit des Gesprächs zwischen ihr und mir war eigentlich, dass sie etwas weniger trinken wollte, was aber bisher nicht der Fall ist.
Sie hält dich hin. Kann man hier im Forum zu genüge nachlesen- in solchen Gesprächen wird dann, um das Gespräch schnell zum Ende zu bringen, das gesagt, was der Partner hören möchte. Und da diese Inhalte nur Mittel zum Zweck sind und nicht das Ergebnis einer wirklichen Einsicht und Überzeugung, ändert sich danach auch nix. Lass dich nicht veräppeln!
Fakt ist, dass Alkoholiker ihren Konsum auch nicht kontrollieren können. Es ist eine Sucht- und Süchte sind nicht kontrollierbar. Entweder - oder heißt es dort. Entweder ganz aufhören, oder wie gewöhnlich weitertrinken mit langsam steigender Trinkmenge.
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
Mein Problem ist, dass ich mir über ihren "Status" nicht sicher bin. Meine Einschätzung ist, dass ihr Alkoholkonsum definitv im Risikobereich liegt.
Wieso musst du dir da sicher sein? Fakt ist doch, dass es dir schlecht geht. Du kannst nicht schlafen, du grübelst, du machst dir Sorgen, bist appetitlos und unausgeglichen. Dich bedrückt ihr Zustand. Das sollte Grund genug sein, dass du etwas für dich änderst, damit es dir wieder besser geht.
Aus eigener Erfahrung: In der ersten Risikophase eines Alkoholikers merkt niemand etwas, der Konsum kann immer noch als "normal" verkauft werden und Angehörige, die doch schon was ahnen, schaffen es erfolgreich, sich alles schönzureden und als normal zu argumentieren. Wenn der Angehörige dann wirklich stutzig wird und den Zustand nicht mehr schönreden kann, ist da gewaltig was im Busch. Die Aussagen, dass deine Freundin zur Entspannung trinke, dass du schon sicher bist, dass ihr Konsum nicht mehr normal ist, dass sie zu Gesprächen nicht wirklich bereit ist, dir als "Lösung" (nein, es ist keine Lösung!) anbietet, weniger zu trinken und dann doch normal weitermacht- das erweckt für mich den Anschein, dass sie nicht nur eine Person im Risikobereich ist, sondern das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Das klingt nach Suchtverhalten.
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
Ich kenne aber ihre Motive für das Trinken nicht. Ist es nur Gewohnheit oder kann sie nicht anders?
Es gibt keine klassischen Motive. Suchtkranke finden zig Gründe, warum sie trinken dürfen. Weil Freitag, Samstag oder Sonntag ist, weil sie sich freuen oder ärgern, zur Entspannung, als Belohnung, weil sie verdrängen wollen und und und. Obermotiv ist: weil sie süchtig sind. Du kannst da gar nichts ändern. Wir haben als Kinder versucht, unserer Mutter keine Gründe zu liefern und sind wie auf Eierschalen rumgelaufen, total angepasst, haben krampfhaft versucht, jegliche "Fehler" zu vermeiden. Aber sie fand immer einen Pseudo-Grund. Wenns auch nur der Wochentag oder Urlaub war.
Alkoholiker können nicht mehr anders.
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
weiß aber nicht, ob sie das nur sagte, um mich zu beruhigen oder ob sie das tatsächlich denkt.
Solange, wie sie das Versproche nicht ansatzweise in die Tat umsetzt, ists doch völlig egal, was sie denkt.
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
... zweites Gespräch... Das ist für mich wichtig, weil ich daraus auch ableiten werde, ob es eine Zukunft für uns gibt.
Das ist ein guter Ansatz. Aber was soll sich bei einem zweiten Gespräch ändern? Wieso sollte sie plötzlich aufrichtig sein? Mein Tipp: Ich finde ein weiteres Gespräch gut. So hab ich es bei meiner Mutter auch gehandhabt, um abschließen zu können. Mach dir aber vorher Gedanken, wieviel du investieren möchtest, wo deine Grenze liegt und welche Konsequenzen du ziehst, wenn es wieder unbefriedigend endet. Bei meiner Mutter war mir klar, dass es das letzte Gespräch darüber sein wird. Ich habe ihr nochmal Unterstützung angeboten, gesagt, was ich denke und fühle. Dann war das Gespräch auch beendet, weil sie weggelaufen ist. Für mich war die Konsequenz, dass der Kontakt stark eingeschränkt wird und ich keine Energien mehr investieren werde. Wäre sie nicht meine Mutter, sondern eine Freundin oder mein Partner, wäre die Sache beendet. Die Freundschaft zu der alkoholkranken Freundin (oben erwähnt) habe ich beendet.
Du solltest aber konsequent sein und Konsequenzen, die du ihr ankündigst, auch durchziehen. Sonst wirst du unglaubwürdig und diese "Schwäche" hemmungslos ausgenutzt.
Zitat von schmerzhafte_Erkenntnis
Ich weiß, man muss bei so etwas sensibel vorgehen. Ich habe gelernt, dass ich zunächst über meine Gefühle sprechen muss. Anschließend kann ich versuchen mit offenen Fragen, die weder wertend noch kritisierend sind, herauszufinden, wie es um ihren Alkoholkonsum klingt. Das klingt einfach, ist aber sicherlich sehr sehr schwer.
Vielleicht ist jemand hier, der solche Gespräche auch schon geführt hat -vielleicht sogar erfolgreich?- und dadurch die Lage besser einschätzen konnte.
So habe ich alle Gespräche aufgebaut. Meine Gefühle in Ich-Botschaften wurden als Vorwürfe und Kritik aufgefasst, offene Fragen waren schon zuviel des Guten für meine Mutter. Das waren mehrere Gespräche mit meiner Mutter und der Freundin. Mein Fazit: Ohne Einsicht des Kranken, wenn er nicht von sich aus Gespräche beginnt, bringt sowas gar nichts. Nutze dieses Gespräch, um für dich Klarheit über die Zukunft zu finden.
Außerdem solltest du eure Beziehung nicht von ihrem Alkoholkonsum abhängig machen, sondern davon, wie du dich in der Beziehung fühlst und was du für sie fühlst. Gib dem Alk nicht soviel Macht!
Beende die Beziehung, wenn sie dir nicht gut tut.
Alles Liebe,
Natalie