Hallo Sally!
Meine Mutter ist seit über 22 Jahren Alkoholikerin (seitdem ich ein Kleinkind war) und mein Vater eine sehr dependente, unselbständige Persönlichkeit. Er kommt alleine nicht klar und setzte Mutter deswegen keine Grenzen. Die einzige Möglichkeit, sich als Co nicht auf der Nase rumtanzen zu lassen, ist, wenn alles andere nicht mehr fruchtet, den Partner vor die Tür zu setzen. Das hätte er meiner Meinung nach tun müssen, schon alleine, um uns Kinder zu schützen. Hat er aber nicht, da dies bedeutet hätte, dass er sich selbst versorgen muss.
Also hat er uns schon als Kleinkinder die Verantwortung für Mutter zugeschustert, hat sie immer wieder ergebnislos unter Druck gesetzt, ihr körperliche Gewalt angetan, um sie zum Aufhören zu zwingen- alles vor unseren Augen. Für uns war es die Hölle.
Ich hatte auch lange sehr sehr starke Schuldgefühle. Uns wurde immer eingeredet, dass wir Schuld an Mamas Zustand wären, weil wir nicht gut genug halfen, weil wir zu anstrengend waren und ihr die Nerven nahmen, undankbar waren und und und. Dabei waren wir Kinder, durften aber nie Kind sein. Schließlich hatten wir auch nie Freunde zu Hause, weil niemand erfahren durfte, was zu Hause abgeht. Da konnte man nie jemanden mitbringen, was einen auch in der Schule zum Außenseiter machte und sozial isolierte.
Meine Schuldgefühle erdrückten mich, dass ich kaum traute, mein eigenes Leben in Angriff zu nehmen. Keine Zusatzkosten verursachen, weil die armen Eltern mit ihren beiden Gehältern so schlecht dran sind und Mutter davon überzeugt war, dass das ein oder andere den finanziellen Ruin bedeuten würde. Keine Forderungen stellen, weil dies überfordert und Kinder nichts zu fordern haben.
Boah, es war grauselig.. Mich schüttelts, wenn ich nun darüber nachdenke.
Ich dachte nicht mehr an mich, war gedanklich nur bei den Eltern, wie ich sie entlasten könnte und wie schlimm es ihnen doch geht. Diese Rolle wurde mir von Vater jedenfalls schon früh zugeschoben. Als Kind hat man auch kaum eine andere Wahl.
Vor drei Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis.
Richtig gut ging es mir schon lange nicht mehr; ich existierte eher, als dass ich lebte. Aber dann bekam ich in einer Klinik die Diagnose, dass meine Sehnerven mangels Durchblutung sehr angegriffen sind und ich ohne lebenslange Therapie und Lebensumstellung erblinde. Niemand konnte sich erklären, warum es mich mit Anfang 20 trifft- sind doch sonst nur 2% der über 50-Jährigen betroffen. Und dann- schwupps.. Mein Geschwister hats auch. Großes Fragezeichen bei den Ärzten, meine Eltern haben sich gar nicht drum geschert.
Ich habe mich informiert, in Fachliteratur eingelesen. Ergebnis: psychische Belastung und Stress als Auslöser. Nunja, davon hatten Geschwister und ich genug für 2 bis 3 Leben.
Das war so der Moment, in dem ich dachte, dass es so nicht weitergehen kann. Sonst gehe ich im wahrsten Sinne des Wortes selbst mit drauf und das kanns doch nicht sein?
Nunja, ich habe nun mein ganzes Leben geändert- Ernährung, viel Gewicht verloren, ganz viel Sport. Ich fand so endlich etwas zu mir. Schon alleine dadurch, dass ich meine Wünsche, Bedürfnisse und Ängste zuließ und nicht mit Essen unterdrückte. Das war so die glücklichste Zeit in meinem Leben und genua deswegen ging es mir plötzlich wieder schlecht.
Wie kann ich nur glücklich sein, wenn es meinen Eltern so schlecht geht? Ich fühlte mich, als würde ich sie im Stich lassen.
Und wiederum in der Situation wurde mir klar, dass sie für sich selbst verantwortlich sind. Dass sie ja auch selbst nichts für sich machen- wie soll ich dann was ausrichten? Zudem ließ ich dann mal den Gedanken zu, was sie mir mit ihrem Verhalten alles angetan haben. Wie sehr ich gelitten habe als Kind, wie oft ich mich in den Schlaf geheult habe. Ich war ständig als Kind dauernervös, hatte Konzentrationsschwierigkeiten, womit ich schon in der Grundschule aneckte. Später, mit 14, kamen dann ständige Magenschleimhautentzündungen hinzu, ich futterte mir 20kg Übergewicht an, knibbelte meine Fingernägel, verletzte mich selbst, meine Kopfhaut war vor lauter Stress total entzündet und dann noch der Grüne Star. Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal kein Mitleid mit meinen Eltern spürte, sondern richtige Wut, weil sie mich diesem Sche*ß ausgesetzt haben, mich mit der Verantwortung überforderten, die sie selbst nicht tragen wollten, mir ein dauerhaft schlechtes Gewissen und Schuldgefühle einredeten und sich immer noch selbstgefällig als gute Eltern hinstellen, die ja alles machen, sodass es uns nie an irgendwas fehlte.
Das war der Moment der Erkenntnis, in dem ich merkte, dass nicht ich diejenige bin, die Schuldgefühle haben sollte- schließlich habe ich nichts verbockt. Ich war ein Kind, konnte mich nicht wehren und war auf den Schutz der Eltern angewiesen.
Meine Eltern sollten sich hingegen mal Gedanken machen, was sie so versäumt haben. Jedenfalls bin ich die letzte, die sich schlecht fühlen kann.
Autogenes Training habe ich auch gemacht.. Seitdem ich auf räumlichen Abstand achte und autogenes Training mache, habe ich meine Nervosität im Griff.
Als Rat würd ich spontan geben, dass du versuchen solltest, dich auf dich selbst zu konzentrieren, Beschäftigungen zu finden, die dir gut tun und zugleich zu überlegen, wie genau deine Eltern gehandelt haben, wie es dir dabei ging, was du dir stattdessen gewünscht hättest und welche Konsequenzen du ertragen musstest.
Vielleicht kannst du so auch die Schuldgefühle überwinden.
Alles Liebe,
Natalie