Lea (inbetween) hat mich gebeten in diesem Thread etwas beizutragen. Ich möchte deshalb einen Ansatz zum Verständnis von Co-Abhängigkeit aufzeigen, den ich sehr hilfreich finde.
Damit hier keine Verwirrung aufkommt lüfte ich erstmal etwas mein Hemdchen. Ich habe selbst einmal erfolgreich Psychologie studiert, bin aber kein Psychotherapeut geworden. Etwas zwischen den Stühlen beobachte ich die Therapieszene kritisch und habe sicherlich das eine oder andere zu sagen. Betroffener bin ich hier durch die Alkoholabhängigkeit meiner Frau.
Zum Thema: Beziehungsmuster in der Kindheit und Co-Abhängigkeit beziehe ich mich gedanklich auf Albert Pesso´s PBSP, eine Therapieform, die sich aus dem Ausdruckstanz entwickelt hat und die sehr szenisch und körperorientiert ist. Ein Kind ist auf die passende Erfüllung seiner Grundbedürfnisse durch bedeutsame Personen angewiesen. Wenn das oft in der Kindheit nicht passt, man also nichts, zu wenig, zu viel oder das Falsche bekommt, entwickeln sich fortdauernde Spannungen im Kind. Das hat ungünstige Folgen für die Entwicklung und die Selbstwertregulation.
Wenn das Kind nun spürt, das einer bedeutsamen Person (einem Elternteil) etwas Wesentliches gefehlt hat, will es aus einem natürlichen Gerechtigkeitsempfinden heraus helfen. Es versucht diesen Elternteil zu trösten und den Mangel auszugleichen. Es bemuttert beispielsweise die Mutter und ist nur noch darauf bedacht keinen Ärger zu machen, Harmonie herzustellen. Es versucht ein Loch aufzufüllen, das eine Generation früher oder noch davor entstanden ist. Dabei verliert sich das Kind und verstrickt sich, im ungünstigsten Fall bis zum Tod, in eine lebenslange unlösbare Aufgabe. Es entsteht in einem kleinen Wesen, das selbst noch nicht satt geworden ist, ein unwiederstehlicher Drang zu helfen: Das Helfersyndrom. Damit nicht genug, das vertraute Muster wird auch bei Beziehungen im Erwachsenenalter aktiviert. Bedürftigen will man sofort helfen, die Selbstfürsorge verkümmert dagegen. Aus der Notfallreaktion, man möchte doch nur eine glückliche Mama / einen glücklichen Papa haben, wird eine psychische Struktur. Das sogenannte Falsche Selbst.
Die Szenen, in denen sich solche Strukturen herstellen, sind dem Bewusstsein üblicherweise nicht (voll) zugänglich. Man merkt es nur, dass man z.B. nicht gut "nein" sagen kann. Wenn dann ein Partner mit einer latenten Suchtstruktur kommt, ist das vertraut - ist das wie ein Zuhause. Die ganzen sehnsuchtsvollen Kindergefühle warten jetzt auf Erfüllung, endlich wird alles richtig schön. Ein gesunder Partner ist dagegen eher uninteressant, weil die fixierten Gefühle nicht berührt werden. Außerdem hat man es sich ja schon zeitig abgewöhnt, mit sich selbst was anfangen zu können. Die Mischung von tiefer Sehnsucht und unbedingter Hilfsbereitschaft, gepaart mit fehlendem Überblick - wird dann zur Einbahnstraße Co-Abhängigkeit. Die Psychoanalyse nennt diese Bereitschaften Wiederholungszwänge.
Wenn man nun an die Fixierungsstellen kommt, in die Szenen, in denen der Schalter umgelegt wurde, ist ein tiefgreifender Neuanfang möglich. Da wo wir früher überfordert (traumatisiert) wurden, stagniert das Wachstum der Persönlichkeit. Wenn das berührt wird, auch wenn wir schon Vierzig sind, fühlen wir uns wieder wie Fünfjährige, oder wir haben das Gefühl die Beine reichen nicht vom Stuhl bis zum Boden oder die Stimme bleibt weg. Wir wollen nun aber erwachsen werden, auch und besonders an den verletzten Stellen. In der Aktualisierung im Erwachsenenalter geraten wir in der Beziehung zum Süchtigen leicht in diese infantile Ohnmacht.
Der "Trick" bei Pesso ist nun, das gute Erinnerungen gemacht werden, neurobiologisch. Man weiß natürlich trotzdem danach noch was im Leben schlimm gewesen ist. Ein Beispiel: X hat immer für seine depressive Mutter gesorgt, bis zur Selbstverleugnung. (Die reale Mutter ist egal, sie ist ein inneres Objekt geworden das X jetzt lenkt). Im Psychodrama, einer vom Patienten gestalteten Szene mit Gruppenmitgliedern wird das Geschehen von einst in Szene gesetzt und die Erinnerung komplettiert. Dann kann X formulieren, welchen Mangel die Mutter mit sich herumschleppte. In einer einfühlsamen Moderation kann X eine Lösung für die Mutter finden. Sie bekommt in der "ersehnten Szene" das, was sie gebraucht hätte. Aber, und das ist wichtig, diesmal nicht von X , sondern von Gruppenmitgliedern, die "ideale Eltern" für die Mutter sind. X kann aufatmen, er kann die Rolle verlassen und sich endlich um sich selbst kümmern, die Mutter ist ja jetzt gut versorgt. Das Besondere hier ist das Zusammenspiel von verinnerlichten Objekten, Körper, Szene, Projektion nach außen, Lösung und Rückwirkung auf den Protagonisten = Heilung. Das Ganze braucht natürlich sehr erfahrene Therapeuten und einen unbedingt geschützten Rahmen. Mein Anliegen ist es hier nicht, Werbung für eine bestimmte Therapieform zu machen, sondern die fortdauernden Wirkungen des infantilen im Erwachsenen aufzuzeigen und die Verstrickungen ohne einen autoritären Zeigefinger aufzuzeigen. Ein Verstehen kann schon manchmal etwas entlasten oder weiterhelfen. Die Therapieform ist übrigens leider (noch?) keine Kassenleistung und es gibt nur wenige Orte in Deutschland, wo sie verfügbar ist.
Ich hoffe, der Zusammenhang von Beziehungsmustern in der Kindheit und unserem Thema wird für einige von Euch etwas durch meinen Beitrag erhellt. Therapeutisch führen viele Wege zum Ziel. Für meinen Zweck hier ist das Pesso Boyden System Psychomotor besonders geeignet.
Ich wünsche Euch, dass ihr nicht zu streng mit Euch seid. Wer sich besser versteht, hat es vermutlich auch leichter sich mit seinen problematischen Seiten zu lieben.
Viel Erfolg beim Abenteuer der Selbstentdeckung wünscht
HIOB