Das ist ein sehr interessantes Thema!
Warum bin ich in die Sucht gerutscht? War ich Opfer?
Ich habe mich lange damit beschäftigt, was die Gründe dafür waren, dass ich abhängig wurde. Sicher sind viele Dinge in meiner Kindheit und Jugend nicht gut gelaufen und lange habe ich mich tatsächlich als Opfer gesehen. Quasi „das Universum hat was gegen mich“. Selbstmitleid hat lange eine ziemlich große Rolle in meinem Leben gespielt. Und ich weiß auf jeden Fall, dass ich dann irgendwann (mit)getrunken habe um die Situation zu Hause ertragen zu können. Bzw., als ich dann älter und in meiner Sturm-und Drangphase war, jedes Wochenende und oft auch noch unter der Woche feiern gegangen bin mit unglaublich viel Alkohol um zu vergessen oder zu verdrängen. Also damals war es weniger so, dass ich mir eingeredet habe, dass ich aufgrund der „schlimmen Situation / meiner Mutter / den vermeintlichen Ungerechtigkeiten in meinem Leben etc. trinken muss, sondern ich habe einfach gemerkt, dass ich, wenn ich angetrunken oder betrunken war, für kurze Zeit die Sorgen weggeschoben bekommen habe. Natürlich hat das nicht längerfristig gehalten, aber das war mir damals egal. Und dann war es halt irgendwann so, dass ich abhängig war und trinken MUSSTE. Da hat es dann eigentlich angefangen, dass ich Gründe oder Rechtfertigungen (mir selbst gegenüber) gesucht habe um zu trinken. Das, was wir alle kennen - weil der Tag so blöd, toll, anstrengend, entspannend, etc. etc war. Und je tiefer ich in der Sucht gesteckt bin, desto größer wurde dann auch das Selbstmitleid.
Auch als ich dann endlich aufhören konnte zu trinken, hab ich mich ziemlich oft im Selbstmitleid gesuhlt. Und ich habe angefangen nach der Ursache für die Sucht zu suchen. Weil ich einerseits einfach dachte, das „macht man so“, andererseits aber auch, weil ich schon der Meinung war (und teilweise das auch noch für sinnvoll erachte), dass es wichtig sein kann, bestimmte Traumata aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, damit man in Zukunft andere Strategien entwickeln kann damit umzugehen als den (in meinem Fall) „Verdrängen-Wollen“- Modus.
Zum Glück hat sich in den letzten Jahren sehr viel verändern dürfen in meinem Leben. Meine Denkweise und Einstellung zum Leben hat sich sehr verändert. Ich sehe mich nicht mehr als „Opfer“. Es war halt das Leben mit seinen Hochs und (durchaus vielen) Tiefs. Und es macht für mich keinen Sinn, verstehen zu wollen, wieso „schlechte Dinge“ passiert sind. Denn dafür gibt es wohl einfach keine Erklärung.
Ich habe sehr lange gebraucht um zu verstehen, dass es sich bei der Alkoholabhängigkeit um Sucht handelt. Also zu begreifen, dass ich für Sucht keine Begründung oder Erklärung finde. Dass die Ursache für das Trinken nicht in irgendwelchen fadenscheinigen Gründen lag, sondern dass es die Sucht war. Also muss ich jetzt auch nicht mehr irgendwelche vermeintliche Gründe oder Ursachen erforschen und analysieren oder aufarbeiten. Ich bin suchtkrank, das reicht mir inzwischen. Und ich weiß, dass ich die Krankheit nur stoppen, aber nicht heilen kann. Und mir aus diesem Grund immer des Risikos bewusst bin, rückfällig werden zu können. Deshalb passe ich auf mich auf. Jeden Tag.
Und „nebenbei“ freue ich mich, dass ich mein Leben inzwischen selbst gestalten kann und mir alle Möglichkeiten offen stehen. Denn ich bin kein Opfer (mehr). Und ich sie aber nur nutzen kann, wenn ich trocken bleibe.
LG Sue