Beiträge von inbetween

    Das stimmt, Miriel - man muss die eigenen Probleme bearbeiten. Meine Therapeutin hat mir damals allerdings zu diesem Thema auch etwas gesagt, was mir sehr zu denken gegeben hat: Man kann Beziehungsverhalten nicht prophylaktisch "ändern". Man kann Verhaltensweisen erlernen, um sich in bestimmten Situationen bewusst nicht so zu verhalten, wie man es gerade unbedingt möchte.
    Aber die Situationen im realen Leben sind so unterschiedlich, dass man unmöglich alle vorher so durchspielen kann, dass man sie auf jeden Fall wiedererkennt.
    Beziehungsverhalten - destruktives, unbefriedigendes - Beziehungsverhalten kann man am besten am akuten Fall bearbeiten.
    Und es ist so: wenn ich solo bin, komme ich prima klar! Alles super. Die Probleme kommen - und kamen - erst in den Beziehungen. Das war auch davor schon so, obwohl kein Alk im Spiel war.
    Bevor aber jetzt ein falscher Eindruck entsteht: sie hat mir mit keiner Silbe dazu geraten, die Beziehung weiter zu führen - genauso wenig, wie das Gegenteil. Sie hat mir auch nicht gezeigt, was sie darüber denkt.

    Sie hat damit einen Wunsch von mir angesprochen, meine Muster in meinem Beziehungsverhalten ein für alle Mal "zu heilen". Dafür ist es ja eine Sucht/Abhängigkeit. Aber ich glaube, richtig verstanden, was sie meinte, habe ich erst viel später.

    Wie sehr mich sein Rückfall belastet hat, habe ich an der unmittelbaren Reaktion meines Körpers gemerkt.
    Magenkrämpfe ... usw.
    Ich habe ihm da schon klipp und klar gesagt, dass es keine gemeinsame Zukunft gibt, wenn er trinkt.
    Dadurch, dass wir eine Fernbeziehung führen und das Zusammenziehen noch nicht absehbar war, konnte ich das ganz gut wegschieben - es war ja noch "Zeit" ...
    Jetzt, wo die Frage akut war, kamen all diese körperlichen Symptome zurück, und die nehme ich sehr ernst.

    Wie war es bei dir, Nici - habt Ihr beide auch noch weiter an Euch gearbeitet, nachdem Entzug und Therapie durch waren?
    Wir haben das nicht gemacht - beide nicht.

    Ja, das kann ich - aber wenn ich heute mit dem Abstand drauf zurückblicke, war mein Verhalten damals zugleich selbsterhaltend und selbstschädigend. Ich weiß, das klingt kompliziert, ich versuche es mal zu erklären.
    Aufgrund bestimmter Aspekte meiner Biographie war bei mir manches von Anfang an "anders" und nicht so selbstverständlich wie bei anderen. (Genauer möchte ich es hier nicht beschreiben, ich hoffe, es wird auch so deutlich, was ich meine).
    Ich habe das Außenseitertum dann ab einem gewissen Zeitpunkt in der Pubertät akzeptiert und auch in einem gewissen Sinne kultiviert. Ich hatte immer einige wenige sehr gute Freunde, war aber eben nie in irgendeiner Clique. Die Sehnsucht, dazuzugehören, war trotzdem immer sehr groß. Aber ich wusste auch, dass ich dafür nicht jeden Preis zahlen wollte. Ich hatte wirklich das große Glück, dass es noch andere Menschen in meiner Umgebung gab, von denen ich dafür Anerkennung bekommen habe.
    Aber - ehrlich gesagt - hat es damals etwas damit zu tun gehabt, dass ich aus der Not eine Tugend gemacht habe.

    Ich habe ja nun aber - leider - auch die Erfahrung, dass er es schon einmal geschafft hat. Und das war eine sehr schöne Zeit. Es hat sich vieles dadurch gelöst und ist anders geworden, als er nicht mehr getrunken hat. Das ist leider auch ein Fakt.
    Aber was war, war. Was mir allerdings sehr klar ist: in die Zeit, als er noch nicht trocken war, möchte ich auf keinen Fall zurück. - Und ich werde mir eine solche Zeit auch nicht noch einmal sehenden Auges zumuten.

    Ich glaube, du kannst deine Kinder davor nicht schützen. Die Angebote kommen an allen möglichen und unmöglichen Stellen, nicht nur in Sportvereinen. Ich hatte mein eindrücklichstes Erlebnis in dieser Richtung im Rahmen meiner Konfirmation. Ich bin in einem eher ländlichen Raum aufgewachsen, da war es Sitte, dass die Konfirmanden anlässlich der Konfirmation reihum die Eltern aufsuchten, wo dann alkoholische Getränke angeboten wurden (mit 14!).
    Für mich war das ein Schlüsselerlebnis, denn ich habe in der Situation "Nein" gesagt - und mich damit in die Außenseiterposition gebracht. Das war nicht leicht, trotzdem war ich froh, dass ich so reagiert und es ausgehalten habe, die olle "Spaßbremse" zu sein.
    Es hätte aber auch mein Einstieg in selbstverständliches Trinken sein können ...

    Ja, es hat sich in den letzten Tagen für mich einiges geklärt. In manchen Beiträgen habe ich mich dabei ertappt, dass ich über ihn in der Vergangenheit schreibe, das hat mich überrascht. Aber es zeigt mir, dass sich innerlich etwas festigt.
    Ich habe auch keinen Drang mehr, mit ihm zu sprechen und zu erfahren, was er tut und ob er was tut.
    Das ist eine konstante Entwicklung in den vergangenen Tagen, auch wenn ich es so deutlich noch nicht geschrieben habe -. Ich warte da auch bei mir erst mal ab.

    Natürlich habe ich trotzdem zwischendurch auch mal immer wieder "Sehnsuchtsrückfälle", vielleicht scheinen die in meinen Beiträgen durch, da kannst du sehr richtig liegen! Aber ich muss dann nicht mehr blind agieren, verstehst du, was ich meine? Ihm keine Zusage abringen, usw.

    Ein Vorteil ist vielleicht, dass sich in meinem Leben unabhängig von ihm gerade etwas bewegt. Ich habe mich, um das mit der beruflichen Umorientierung zu stemmen, finanziell in den letzten Monaten ziemlich einschränken müssen. In ein paar Monaten wird es mir in der Hinsicht viel besser gehen, und ich kann mir dann auch eine größere Wohnung leisten, werde also so oder so, was die äußeren Umstände betrifft, einen Neuanfang starten, ob mit oder ohne ihn.

    Bitte schreib mir trotzdem weiterhin, was du denkst, das hilft mir sehr!

    Vielen Dank!!
    Lea

    Liebe Nici,

    danke für deine offenen Worte. Es stimmt. Beide müssen sich bewegen. (Das hat Clärchen ja auch als "Schlüssel" beschrieben). Es ist auch nicht so, dass ich hier nur sitze und abwarte. Ich habe selbst vor einigen Jahren, vor der ersten LZT meines Freundes, eine Verhaltenstherapie gemacht - und ich bin mit dem, was ich dort gelernt habe, auch einen großen Schritt weiter gekommen. Es ist nicht so, dass ich mein Leben nach meinem Partner ausrichten würde.
    Ich bin aus der gemeinsamen Stadt weggezogen, um mich beruflich zu verändern. - Das war noch in der Zeit, als er ein Jahr trocken war.
    Es stand aber fest, dass wir zusammenziehen wollen in absehbarer Zeit. Inzwischen hatte er einen Rückfall und ich habe angesichts des anstehenden Zusammenziehens gemerkt, dass auch ich in alte Verhaltensweisen zurückfalle, deshalb habe ich mich hier angemeldet. Ich habe mich selbst und ihn unter Druck gesetzt. Ich habe ihm gesagt (auch schon, als ich von seinem Rückfall erfuhr), dass es keine gemeinsame Zukunft gibt, wenn er trinkt. Trotzdem war das eine große Enttäuschung, und ich habe im Vorwürfe gemacht, das ganze Programm.
    Ich weiß auch, dass es ihm nicht gut geht mit dem Trinken, und dass er davon weg will. Aber er muss die Initiative ergreifen.

    Seit ich hier im Forum schreibe, ist mein Druck weg.
    Ich habe mir auch schon Wohnungen angeschaut und mache für mich Pläne, was sein wird, wenn er nichts unternimmt. Wenn er sich nicht bewegt, bewege ich mich. Das steht für mich fest.

    Lieber Gruß,
    Lea

    Liebes Clärchen,

    ich finde es sehr berührend, deinen Thread zu lesen - ich selbst habe die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit meinem alkoholkranken Partner auch noch nicht begraben.
    Seit ich innerlich wirklich akzeptiert habe, dass der entscheidende Schritt von ihm ausgehen muss und ich nichts erzwingen kann, geht es mir besser und ich kann einfach abwarten, was passieren wird.

    Dazu haben dieses Forum und Beiträge wie deiner sehr viel beigetragen. Danke dafür!
    Lea

    Hey Julchen,
    das Problem kenne ich auch - andere in den Arm nehmen, weil man selbst in den Arm genommen werden möchte, sich aber nicht traut, zu fragen oder denkt, der andere müsste doch was merken.
    Bin selbst meistens so ein "tough cookie" und fühle mich damit auch in den meisten Situationen ganz wohl.
    Wenn ich selbst das "heulende Elend" kriege, kann ich mittlerweile (meistens) andere bitten, mich zu trösten oder aufzubauen. Aber immer kriege ich's auch nicht hin - dann greife ich zu anderen "Aufrichtungsmitteln", z.B. Musik oder Dinge, bei denen ich wieder Kontakt zu meinen Gefühlen bekomme. Manchmal trauere ich dann auch um Dinge, die mir gerade fehlen oder mal gefehlt haben. Es klingt zwar komisch, aber das hilft.

    Lieber Gruß und eine dicke Umarmung unbekannter Weise,
    Lea

    Liebes Julchen, herzlich willkommen!

    Also - trösten und helfen finde ich in solch einer Situation erst mal relativ "normal". Was hat dir denn das Gefühl gegeben, dass es unangemessen gewesen sein könnte?
    Die Reaktionen derer, die du getröstet hast?
    Oder hast du - wie soll ich es formulieren - das eigentliche Ereignis (die "Katastrophe") bzw. die Gefühle, die dadurch in dir ausgelöst wurden, mit deinen Aktionen versucht zu unterbinden/wegzuschieben?

    Lieber Gruß, Lea

    Ja, diese "ist mir egal"-Phasen von seiner Seite gab es bei uns auch immer wieder, da war er auch emotional nicht erreichbar oder ansprechbar. Da gabe es definitiv einen Zusammenhang mit seinem Alkoholkonsum.
    Während des einen Jahres, in dem er trocken war, hat er fast mehr Unternehmungen vorgeschlagen als ich.
    Aber die Planung von Urlauben, Ausflügen usw. war mehr oder weniger "gleichberechtigt".

    So kenne ich das von mir nicht - aber das liegt vielleicht daran, dass mir eine gewisse Streitkultur wichtig ist, wenn ich eine Beziehung eingehe.
    Zugegeben, mit "Streitkultur" hatten manche Auseinandersetzungen irgendwann nichs mehr zu tun, aber es war nie so, dass ich mich nur nach den Wünschen meines Partners gerichtet hätte oder er sich nach meinen. Es gibt Schnittmengen, aber auch Dinge, zu denen wir eine ganz unterschiedliche Einstellung haben.
    Das Hauptproblem war und ist, dass von beiden Seiten Hoffnungen bestanden, die teils geteilt wurden, teils nicht.
    Mir war schnell klar, dass mein Partner in mir anfangs so etwas wie einen rettenden "Engel" gesehen hat. Unser erster Streit (bereits in der ersten Woche, in der wir fest zusammen waren), rührte genau daher, dass ich ihm gesagt habe, dass ich nicht die Fee mit dem Zauberstab bin, die alles über Nacht schön machen kann, weil ich sehr stark gespürt habe, dass das seine Sehnsucht ist. Da ist er wutschnaubend aus der Wohnung gestürmt. Ich musste mir dann anhören, unter Partnerschaft stelle er sich etwas anderes vor, usw. usw. - es war sehr schwer, diese Hoffnungen immer wieder zu enttäuschen, und das ist es auch heute noch.
    Umgekehrt hatte ich auch Hoffnungen/Sehnsüchte, die er nicht erfüllen wollte/konnte.
    Trotzdem gab und gibt es unter dem Strich immer noch viele Dinge, die ich an ihm schätze und er an mir.
    Das macht es so schwer - auch, weil wir beide um die Nöte und Sehnsüchte des anderen wissen, auch wenn sie nicht erfüllbar sind.

    Danke, Miriel! Im Moment sind es aber nur Vorschusslorbeeren (Stärke ...), innerlich bin ich mir in Bezug auf ihn noch nicht klar.

    Prima, dass du dir auch Noten besorgen willst! Ich freue mich sehr, dass ich da etwas in dir angestoßen habe :D Ich finde, Musik ist genial - Gefühl ohne Worte, besser als ich es je formulieren könnte.
    Und ich höre gerade mal wieder ganz viel Fiona Apple - sie hat so eine herrlich selbstironische Art, über Gefühle der (Co-)Abhängigkeit zu singen, ohne dass das Wort fällt.
    Ach, so oder so ist das Leben schön, auch wenn's mal wehtut ...

    Bei mir ist das Klavierspielen in "Krisen"- oder Umbruchsituationen eigentlich ausgeprägter als sonst.
    Ich mag den Zustand zwischen Konzentration und Entspannung, wenn ich ein neues Stück lerne, manchmal improvisiere ich auch nur, bei mir unterstützt das die Prozesse, die im "Stillen" ablaufen. Vielleicht ist das aber auch ein Grund, warum ich so lange schon "durchhalte".
    Ich habe viele Dinge, von denen ich weiß, dass sie mich - eigentlich egal in welcher Situation - über Wasser halten und mich wieder in Kontakt mit mir selbst bringen, wenn die Welle kommt. Dafür bin ich einerseits dankbar, aber manchmal habe ich den Eindruck, mal so richtig tief fallen könnte beim Aufwachen helfen.
    Erzwingen kann ich da nichts, das weiß ich sicher.

    Ein großer Punkt, der mir den Abschied wahrscheinlich noch schwerer macht: ich hätte gerne - wäre er trocken - eine Familie mit ihm gegründet.
    Das geht so definitv nicht.
    Es ist verrückt, aber man kann sich auch in seinen Schrägheiten sehr vertraut werden. Ich kenne seine, er kennt meine.
    Ich kann mir - wenn ich mir eine alternative Zukunft vorzustellen versuche - nur schwer vorstellen, dieses ganze Kennen- und Vertrauenlernen wieder von vorne anzufangen. Klingt bescheuert, ist aber wohl die berühmte Angst vor der Veränderung.
    Es wäre sicher auch spannend.
    Oh well.

    Wir haben gerade eine Kontaktpause. Ich habe ihm geschrieben, dass ich nicht mit ihm zusammenziehen möchte unter diesen Umständen und dass er sich überlegen soll, ob er eine eigene Wohnung hier nehmen wollen würde. Ich warte jetzt einfach ab, was passieren wird. Er hat noch nicht reagiert.
    Mir geht es ganz gut damit im Moment. Ich bin viel draußen und heute sind Klaviernoten gekommen, die ich bestellt hatte - denen werde ich mich morgen widmen, ich freue mich schon drauf. (Heute geht's nicht mehr, wegen der Nachbarn).
    Ich habe noch zwei Wochen Urlaub und lasse mir einfach Zeit, meine Gefühle an mir vorbeiziehen zu lassen. Sie wechseln immer noch oft, und vieles arbeitet im "Stillen" ... ich versuche auch, ganz konkret Abschied von den vielen Vorstellungen einer gemeinsamen Zukunft zu nehmen und mir Alternativen zu überlegen. Naja. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen ... und kommt hoffentlich doch über den Winter.

    Ich fand die Verhaltenstherapie auch sehr sinnvoll.
    Die Sache ist halt - was war, kann man nicht ändern, nur das, was ist.
    Topas, weißt du, ob man bei der analytischen Therapie den Therapeuten im Prozess auch wechseln kann? Ich habe gelesen, es wird viel mit Übertragung und Gegenübertragung gearbeitet. - Da muss es ja dann schon noch besser "passen" als bei einer Verhaltenstherapie.

    Gut gemacht! He, du bist kein Roboter. Du hältst prima durch!
    Stelle dir dein Leben in ein paar Wochen - Monaten - Jahren vor. Dann wird es besser sein. Es wird morgen schon ein bisschen besser sein.
    Ich weiß, wie schwer das ist. Ich habe es noch nicht geschafft. Aber du bist auf einem guten Weg!!!