Zitat von Calida78
Siehst Du, genau das meine ich.
Ich bin selber schuld!
Wie konnte ich nur so dumm sein und kapieren, dass ich das alles gar nicht mitmachen muss?
Ich hätte doch meine arbeitslosen Mann verlassen können und mir einen reicheren suchen.....
Oder keine Kinder kriegen.
Genauso wie immer - es ist jetzt voll egal, ob ich und warum genau ich zur Trinkerin geworden bin.
Es geht darum, dass man in dieser Gesellschaft eben nicht in jedem Fall die Freiheit hat, sich für etwas zu entscheiden -
wenn man nicht von Natur aus reich ist und wenn man nicht im schlechtesten Stadtteil leben will....
Die Zeit, in der es Freiheit gibt, ist längst vorbei - wenn sie jemals dagewesen ist.
Zwang und Druck verkraftet dann nicht jeder gleichermaßen. Alkoholismus ist für mich da nicht viel anders als Burnout -
Letzteres hat den Vorteil, dass es Heilungschancen gibt.
Alles anzeigen
Moin Calida,
das klingt ziemlich verbittert bei Dir. Ich denke, so machst Du es Dir selber noch schwerer, als es eh schon ist.
Schuld ist im Zusammenhang mit Alkoholkrankheit ein ziemlich unpassendes Wort, auch wenn ich es selbst öfter mal in diesem Zusammenhang verwende.
Schuld impliziert irgendwie, man wäre ganz bewußt alkoholkrank geworden. Das ist natürlich Blödsinn, auch wenn es sicher Menschen gibt, die sich ganz bewußt zu Tode saufen wollten.
Alleine die Tatsache, daß wir User hier aus den unterschiedlichsten Gründen mit dem Saufen angefangen haben, zeigt doch, daß es wenig Sinn macht, Verantwortlichkeiten zu verteilen...weder an uns noch an die Gesellschaft.
Mir gefällt der Gedanke, für mein eigenen Leben verantwortlich zu sein, es beeinflußen zu können, sowohl positiv als auch negativ, insofern muß ich mir natürlich auch den Hut aufsetzen und sagen: Tja, als Alkoholiker bist Du sicher nicht auf die Welt gekommen, da mußt Du schon einige falsche Entscheidungen in Deinem Leben getroffen haben, daß es soweit kommen konnte.
Und ich denke, das ist es, was Rattenschwanz ausdrücken will. Ein gewisses Maß an Selbstverschulden an unserer Krankheit können wir nicht leugnen (puh, Selbstverschulden klingt schon wieder irgendwie nach Schuld).
Witzigerweise ist genau das die Lösung. Wir selbst hatten unseren Anteil dran, daß wir zum Alkoholiker wurden, genausogut können wir jetzt unseren Anteil daran haben, mit dieser Wahrheit zu leben, auf diese Wahrheit zu reagieren und zukünftig ein selbstbestimmtes Leben ohne Alkohol zu leben.
Wir sind nicht gänzlich fremdbestimmt, wir haben immer noch die Wahl, unser Leben in eine positive Richtung zu lenken...und viele hier haben das auch wirklich realisieren können.
Deine Einschätzung der Gesellschaft könnte glatt von mir stammen...in meiner Zeit, als ich noch gesoffen habe und bevor ich irgendwann kapiert habe, daß mir die Gesellschaft gar nix kann, wenn ich selbst es nicht zulasse.
Natürlich haben es reiche Menschen in mancher Hinsicht leichter als arme Menschen. Aber diese Tatsache verhindert nicht, daß auch reiche Menschen saufen und koksen und ihr Leben wegwerfen...wenn auch aus anderen Gründen.
Ich hoffe, ich trete Dir nicht zunahe, wenn ich Dir aus eigener Erfahrung sage, daß Wut und Zorn auf eine undefinierbare Gesellschaft einen nicht weiterbringen. Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können und der Versuch, sie trotzdem ändern zu wollen, kann ziemlich frustrierend sein.
Aber Deine eigene Situation kannst Du ändern...und niemand sonst. Was zunächst wie eine ziemliche Bürde klingt, ist gleichzeitig beruhigend...es liegt in Deiner Hand, was nicht zwangsläufig bedeutet, daß Du es ganz alleine schaffen mußt...aber Du kannst entscheiden, was und wer Dir helfen kann. Wenn das Deiner Meinung nach eine Therapie ist, dann zieh die Therapie durch, egal, was andere dazu sagen.
Es macht absolut Sinn, sich Ratschläge und Tipps erstmal anzuhören und wirken zu lassen...aber dann müssen wir selbst entscheiden, was wir daraus mitnehmen und wie wir aus diesem Wissen heraus handeln...niemand sonst.
Schönen Gruß und schöne Zeit Dir
Andreas