Guten Morgen Andreas,
Du beschämst mich, obwohl ich mich natürlich auch über Deinen Kommentar sehr gefreut habe. Andere würden sagen: „Die Olle hat wohl nix Besseres zu tun als hier herumzuschwafeln!“ *g.
Viel verblüffender
sind allerdings meine Träume, in denen ich im Detail volle Kanne erst letzte Nacht wieder einen vor den Latz geknallt bekam.
Ich träume ja bunt und mit Geruch und habe bedauerlicherweise genügend Wachphasen, um mich konkret an jede Einzelheit, an jeden Satz und die damit verbundenen Gefühle zu erinnern. So brauche ich weder eine Glaskugel noch einen Therapeuten, sondern muss nur ernst nehmen, was mein Unterbewusstsein mir flüstert.
Ich habe im Laufe der Zeit einfach festgestellt, dass die eine Hälfte der Menschheit immer oberflächlicher und egozentrischer und damit auch auf eine Art härter wird, während die Anderen vermehrt unter Einsamkeit und Störungen oder Süchten in jeglicher Form leiden.
Der Gedanke, nicht (mehr) in diese Welt zu passen, Gleichgesinnte/Freunde zu finden, die Angst, bei vielem nicht mithalten zu können, der zunehmende Stress in dieser Zeit, lässt sie ein Mittel finden, um sich bei ihrem Rückzug zu trösten.
Neulich las ich zu dem Thema Selbsthilfebücher (die in diesen Zeiten übrigens reißenden Absatz finden): „Wenn Sie Angst vor großen Hunden haben, gehen Sie ihnen doch einfach aus dem Weg!“ Da habe ich ordentlich lachen müssen :-).
Natürlich ist es nicht ratsam, nun allen Dingen aus dem Weg zu gehen, denn leben bedeutet ja auch zu lernen, aber vielleicht hilft es, wenn man sich bewusst macht, dass derselbe Mann, der gerade mit seinem Moped von der Schanze aus durch brennende Reifen fliegt, über 30 Autos hinwegsetzt und währenddessen seine Memoiren schreibt, in Ohnmacht fällt, wenn er zum Blutabnehmen antreten soll.
Jeder von uns hat Stärken und Schwächen und die lassen sich nun mal nicht in Schablonen pressen. Wir sollten uns bloß nicht von Bildern und eigenen (falschen) Vorstellungen ins Abseits drücken lassen.
Ich denke auch, dass Du aus dem üblichen Rahmen fällst, schon immer gefallen bist. Glücklicherweise bist Du jetzt schon groß
und vor allem abstinent und kannst es akzeptieren. Und Andere akzeptieren, die anders sind als Du, was genauso wichtig für mich ist. Ob es bei Dir eher eine Selbsterhöhung und Abgrenzung vom Normalbürger darstellen sollte, kannst nur Du selbst beurteilen. Vielleicht wolltest Du nur ein Ausrufezeichen hinter Dein „Anders sein“ setzen, Dir selbst bewusst machen, dass Du das Recht hast, anders zu sein.
Fakt ist, dass ich ein liebes, nettes, höfliches, freundliches, friedliches, aufmerksames und hilfsbereites Mädchen war, das nie rumgezickt hat oder auffällig wurde. Das lag wohl zum größten Teil daran, dass ich mich mit 10 Jahren in die Welt der Bücher gerettet habe und die Schotten so gründlich dichtgemacht habe, dass mich niemand mehr erreichen konnte. Als wir bei Windstärke 10 auf einem kleinen Kutter nach Helgoland übersetzten und mein Vater als normaler Passagier das Steuer übernehmen musste, weil der Kapitän sturzbetrunken war, hat sich Jeder an Bord wegen des Sturms die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich saß friedlich unter Deck und las und bekam von der ganzen Chose wieder mal nix mit, hatte mich komplett weggebeamt mit meinem Buch.
Mit 16 Jahren stellte ich dann fest, dass ich anders war als Andere. Was für eine Überraschung :D. Ich hatte übrigens auch vorher bereits die ganze Zeit das Gefühl, dass ich nicht mal in meine eigene Familie passte. Meine Mutter hatte offensichtlich dasselbe Gefühl und es verstärkte sich im Laufe der Jahre. Eine „Erhöhung“ oder bewusste Abgrenzung war es bei mir also nicht, denn ich habe sehr darunter gelitten.
Mit der mir (manchmal) eigenen Gründlichkeit ging ich dann aber brachial ans Werk, um mich umzuprogrammieren. Am meisten behinderte mich (und meine Geschwister natürlich ebenfalls) die anerzogene Einstellung zum eigenen Körper. Körper waren komplett tabu und alles, was damit zusammenhing außer essen, trinken und schlafen war bäh bäh.
Waschen war erlaubt, allerdings nur mit Hilfsmitteln wie Waschlappen.
Der Sport, vor allem meine Mitgliedschaft in zwei Schwimmvereinen (von meinem ahnungslosen Vater gefördert), wurde zu einem echten Eiertanz und ich war vorwiegend damit beschäftigt, einen einsamen Platz zum Umziehen zu finden, um den Vorgaben gerecht zu werden. Mein Vater war zu selten da, um diesem Schwachfug Einhalt zu gebieten.
Ich trainierte also das Ausziehen. Ich schwänzte die Schule, schilderte Schulfreundinnen kurz und knapp mein Problem und lud mich bei ihnen und mit ihnen zusammen zum Baden ein, da ihre Mütter arbeiten gingen. Ich weiß noch, dass ich Kakao und Tee in die Wanne kippte und wir nach Apfelringen und Weintrauben tauchten, damit es nicht langweilig wurde, während ich mich an das Gefühl gewöhnte, vor Anderen keine Klamotten anzuhaben.
Als ich das absolviert hatte, suchte ich Kneipen in der Umgebung auf und lud wildfremde Jungs zum Baden ein, denn die fehlten mir noch in meinem Programm.
Es ging mir einzig und allein darum, mein Ziel zu erreichen und es war – obwohl es seltsam erscheinen mag – nie auch nur die kleinste Anzüglichkeit dabei. Es ging rein um Technik und ich bin heute noch froh, dass sie mich unterstützt haben (ich muss grad schmunzeln, denn vielleicht war das „Opfer“ dann doch nicht soooo groß :D).
Danach war ich frei in der einfachsten und grundlegendsten Bedeutung des Wortes und fühlte mich wesentlich gesünder. Manchmal ist es halt ein langer Weg…
Mich muss niemand fragen, ob ich anders bin, denn mir ist total bewusst, dass weder meine Erziehung noch mein geschildertes „Nothilfeprogramm“ der Norm entspricht.
Ich war nur so verzweifelt, dass ich gezwungen war, unorthodoxe Wege zu beschreiten und so sage ich für mich aus eigener Erfahrung: „Ich bin so wie ich bin, aber ich muss ja nicht so bleiben!“
Krass wurde es dann erst später, als ich lange Zeit völlig genervt war, weil mich jeder fragte, ob ich mein Haar gefärbt hätte (rot war damals grad „in“). Ich schnitt es ab und färbte es grün. Danach kamen keine Fragen mehr. So neige ich vielleicht zu Extremen, aber der Alkohol kam erst viel später. Er hat es mir aber erleichtert, diese Extreme auch zu leben.
Im Gegensatz zu Dir werde ich mich wohl auch noch länger äußeren Zwängen beugen müssen, aber sie werden nur außen an mir herumperlen wie Wassertropfen auf einem Entenrücken. Privat allerdings und in meiner Freizeit bestehe ich nach wie vor auf das Beste: Auf Menschen mit (liebenswerten) Schwächen, Ecken und Kanten, die dazu stehen können.
Für mich ist es übrigens auch völlig verständlich, dass man sich im nassen Zustand Menschen annähert, mit denen man sonst keine zwei Minuten zusammensitzen würde.
Der gemeinsame Nenner ist der Alkohol und welche Erleichterung ist es, wenn Andere durch Ihr Mittun den Exzessen eine Legitimation verschaffen. Wir müssen uns nicht entschuldigen, nicht erklären, denn in diesem Dunstkreis säuft ja schließlich jeder und niemand ist besser als der andere, es ist alles völlig „normal“. So wundert es mich nicht, dass Abhängige in Beziehungen den Partner oft drängen, doch mitzutrinken: „Wenn Du das tust, ist es ja nur halb so schlimm, wenn ich es auch tue…!“
Besonders spannend finde ich es, wenn der eigene Partner auch nach Jahren meine Gedanken nicht nachvollziehen kann. Früher – stets auf der Suche nach der verlorenen Einheit – hat mich das Unverständnis, die Differenzen in der Denkweise, bedrückt und belastet.
Heute würde ich mich fragen, wie viele Überraschungen mir der Andere wohl noch bereiten wird, mir neue Ein-Sichten vermittelt, um mich zu bereichern.
Das wird sich – vermute ich mal – erst ändern, wenn ich feststellen sollte, dass man die gleichen Trainingsanzüge oder Regenjacken trägt, die gleichen Fahrräder hat, sich schweigend durch einen 14-tägigen Urlaub schleppt, beim Essen nebeneinander sitzt und sich im Alter plötzlich immer ähnlicher sieht :-). Soviel also zu meinen eigenen Vorurteilen ;-).
Vielleicht finde ich dann ja auch noch den Knopf bei Dir, der, wenn ich ihn drücke, alles heraussprudelt, was in Dir drin ist bezüglich Deiner Vorbehalte gegenüber Therapien und realen SHG´s ;-). Es passt irgendwie nicht ganz zu dem Bild, das ich über eine lange Zeit von Dir gewonnen habe, etwas gefühlsmäßig abzulehnen, was Du selbst noch nie mitgemacht hast.
Ich finde es schön, dass DU hier bist, denn kaum Jemand hat hier in so kurzer Zeit eine solche Zufriedenheit und Ausgeglichenheit für sich schaffen können in seinem abstinenten Leben.
Da bist Du ganz weit vorn, auch wenn das Leben manchmal zickt, und Du machst damit ganz sicher vielen Menschen auch Hoffnung. Man muss abstinent halt nicht als Tränentier in einer dusteren Ecke vor sich hinschimmeln, es geht auch anders.
Schon wieder ein halber Roman *soifz. Viel Persönliches. Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, hier so ausführlich zu werden. Eigentlich. Mein Lieblingswort. Pilze wachsen neuerdings in dem Topf mit den Ringelblumen. Sieht irgendwie dekorativ aus. Am besten gedeiht allerdings das Unkraut in dem Topf daneben. Ich hielt es für eine Pflanze und habe es liebevoll gepflegt. Da hat man über mich gelacht. Ich kann das aushalten ;-). Eine Nachbarin kam extra gestern Abend zu mir und fragte, wie es mir geht und ob ich Hilfe brauche. Das hat mich umgehauen, fand ich total süß von ihr. Sie hat mir versprochen, Morgen mit mir zum Einkaufen zu fahren. Obst und Gemüse ist höllisch schwer zu schleppen. Ein anderer Mensch hat mir auch etwas versprochen, nämlich dass er mir den Mors versohlt, wenn ich versuchen sollte, die Fenster zu putzen. Hm. Gut, dass ich alt genug bin, um zu wissen, was gesund ist für mich. Ich mach´ mich also wieder lang und lass die Fenster in Ruhe. Besser is… 
Herzliche Grüße und Dir ein möglichst entspanntes Bergfest.
Katha
PS: Spanngurte…DAS will ich sehen 