Überübermorgenland - Postfach :-)

  • Hallo Susanne,

    als ich las, was Du geschrieben hast über Deine Verletzung, packte mich richtiggehender Hass und eine enorme Wut nach dem ersten Entsetzen.
    Es erinnerte mich an den Tag, als ich zum ersten Mal im Gesicht eines Menschen eine stille Freude entdeckte, als er gewalttätig wurde.

    Das einzige, was mir bei Deiner Erzählung Hoffnung macht für Alle in einer ähnlichen Lage, ist die Tatsache, dass Du dich nach diesem Erlebnis so verändern konntest, denn ich erlebe Dich hier vor allem klar, stark, mutig und konsequent, jederzeit bereit, Deine Meinung zu äußern. Diese Haltung würde ich mir für jeden Menschen wünschen, daran hat sich nie etwas geändert.

    Ich habe fast vergessen, auf wie viele verschiedene Arten Menschen sich gegenseitig ver@rschen können, denn ich habe kaum noch Kontakte.
    Einige Beziehungen zu Menschen, von denen ich mich aus unterschiedlichsten Gründen noch nicht trennen wollte, sind jetzt während meines Aufenthaltes im Krankenhaus den Bach hinuntergegangen. Ich ertrage dieses ewige und ausschließliche oberflächliche Kreiseln um die eigene Achse einiger meiner Mitmenschen nicht mehr, nicht das ewige Misstrauen und nicht die stumpfsinnige Verurteilung Anderer, die nicht in die Schablone passen, die sie sich von ihrem Leben zurechtgebastelt haben, nicht die leicht durchschaubaren Manipulationsversuche, nicht die Non-stop-Nölerei wegen Kinkerlitzchen. Auch liebe ich Tiere, aber mir kommt niemand mehr über die Schwelle, für den das eigene Tier wichtiger ist als alle Menschen.
    Da bleibt nicht mehr viel, aber mir wurden gerade die Prioritäten mal wieder neu sortiert ;-).

    Es tut mir so leid, dass Du jetzt so dermaßen enttäuscht worden bist. Es klang wirklich traumhaft, was Dir in Deiner neuen Wohnung in Aussicht gestellt wurde. Ich denke, dass das Zuhause für die meisten Menschen einen der wichtigsten Eckpfeiler im Leben darstellt, eine Art Basis, wo sie sich wohlfühlen können müssen und sicher, und sich erholen dürfen, um die Akkus wieder aufzuladen. Dein zerplatzter Traum ist in meinen Augen keineswegs eine Lappalie, auch wenn Du sicher recht hast: Schlimmer geht immer, das wissen wir wohl beide.

    Meine Neugier ist ja in vieler Hinsicht erstaunlich wenig ausgeprägt (auch wenn ich heute noch gern wissen würde, ob die Libelle, die sich im Sommer auf meinem Buch niedergelassen hatte und dann mit dem winzigen frechen Käfer im Gepäck wieder durchgestartet ist, der sich plötzlich auf ihrem Rücken niedergelassen hatte, wohl überhaupt bemerkt hat, dass sie einen Passagier hatte), aber bei Deiner Erzählung überlege ich immer noch, wie es anderen Menschen möglich war, das, was Dir in Aussicht gestellt wurde, so komplett über den Haufen zu schmeißen. Nichts davon erschien mir abwegig oder so außergewöhnlich/extravagant, dass es nicht umzusetzen gewesen wäre. Es klang einfach nach einer guten Gemeinschaft.
    Es müssen wirklich dreiste Lügen gewesen sein, um das zu erreichen und vermutlich kannst Du hier auch nicht ins Detail gehen, um mir das für mich kaum Nachvollziehbare zu erläutern.

    Es freut mich aber total, dass Du trotz dieses Rückschlags die Entscheidung treffen konntest, dort wieder auszuziehen anstatt zu resignieren und auszuhalten und vor allem, dass Du die schönen Dinge in Deinem Leben bei all dem Frust nicht aus den Augen verloren hast.

    Meine Versorgung läuft übrigens bestens. Ich hatte ja Vorräte angeschafft wie ein Eichhörnchen im Herbst und so benötige ich momentan nur sehr wenig.
    Alle paar Tage kommt ein Freund vorbei und versorgt mich mit frischen Sachen, die ich noch nicht allein schleppen kann. Ansonsten sehe ich zurzeit keinen Menschen. Ich kann mir noch keinen Besuch einladen, da ich nie im Voraus weiß, wann ich wieder umfalle wie ein komatöser Maikäfer. Das spielt momentan aber keine Rolle, denn die meisten Fragen, die ich habe, werden gerade im Inneren beantwortet und nicht im Außen ;-). So fühle ich mich wie eine Schneebedeckte Landschaft und es herrscht Ruhe und eine Stille, die mir längst keine Angst mehr macht und auch kein Kribbeln auf der Haut.

    Die einzige Nickligkeit grad ist der Umstand, dass ich meine „touch-me“-Stehlampe gekillt habe, die so ein gemütliches Licht gezaubert hat :-). Ich lag schon in der Horizontalen, was ja vor wenigen Tagen noch eine Ewigkeit dauerte, und stellte dann fest, dass meine Arme nicht lang genug waren, um die Lampe auszuschalten, als ich schlafen wollte. Ich habe dann kurzerhand mit der Fernsehbedienung drauflos gedroschen, weil auch meine Zange nicht in greifbarer Nähe war. Nun liege ich abends herum und werde von der grellen Deckenleuchte bestrahlt, gemütlich ist also anders. Auch ein Luxusproblem, denn schließlich muss ich hier wenigstens nicht im Dunklen herumtapern ;-).

    Über Deinen letzten Satz habe ich geschmunzelt :-). Es ist jedenfalls genügend Mut da, um zuzugeben, dass ich gerade das Gefühl habe, in der Mitte durchzubrechen und mich jetzt wieder hinlegen muss, um mich auszuruhen ;-).

    Ganz liebe Grüße und Dir einen schönen Sonntag.
    Katha

    PS: Und ja, vielleicht kannst Du einen eigenen Faden aufmachen. Ich würde so gern mehr von Dir lesen!

  • Hallo Katha,
    was hast du denn gestern und heute noch so kaputt gemacht? 8)
    Hauptsache, DU wirst wieder heile, alles andere ist ja nicht so tragisch, finde ich.

    Ich danke dir sehr für deine einfühlsame Antwort, sie hat mich getröstet und mein Gefühl des "Alleine gegen Windmühlen rennen" etwas abgemildert.

    Ich möchte dir heute nur kurz auf eine Frage antworten, das Bett ruft und da bin ich konsequent :)

    Nach langem Studium meiner Vermieter ( ich MUSSTE das einfach verstehen), habe ich folgende Antwort:
    es gibt Menschen, die leben eine Illusion und merken nicht, dass sie nichts mit der Realität zu tun hat.
    Weil sie aber so fest daran glauben, kommunizieren sie anderen total überzeugend, dass es sich eben um die Realität handelt und nicht um eine Illusion.
    Daran wird um JEDEN Preis festgehalten.

    Ich erlebe das übrigens nicht zum ersten mal :?
    der Herr, der den Hass in den Augen hatte, glaubte auch, sich in einem ganz anderen Film zu befinden.

    Nachdem ich dies erkannt hatte, erinnerte ich mich an das, was zu tun ist: Abstand, Abstand, Abstand.
    Kommunikation unmöglich.

    Ich hab mich auch gefragt, ob irgendwelche Drogen im Spiel sind, was aber letztlich auch egal ist für mich.

    Und jetzt wünsche ich dir eine gute Nacht ohne Festbeleuchtung.
    LG
    Susanne

  • Guten Morgen Andreas,

    von Größenwahn würde ich im Zusammenhang mit einer Nierenbeckenentzündung ja nun nicht ausgehen :D und ich kann mich auch nicht erinnern, herumgelegen und immer „hier!“ gebrüllt zu haben ;-), aber es kommt halt wie es kommen muss.

    Ich habe vor meiner Terrassentür ein großes Spinnennetz hängen und verteidige es mit allen Mitteln gegen jeden Ordnungsfanatiker, der bei mir einfällt.
    Es glitzert nämlich auch ohne Tautropfen immer wunderschön in der Sonne und hat eine faszinierende Form. Außerdem wohnt darin noch Jemand.
    Das erste Eichhörnchen ist auf meiner Terrasse aufgetaucht. Im letzten Jahr hing eines an der Stange unter einem der Gartenstühle. Es sah aus, als ob es Klimmzüge übt :D.
    Vor einigen Tagen wäre mir fast der Kaffeebecher aus der Hand gefallen als ich sah, dass gegenüber in der großen Tanne ein fetter Graureiher oben in der Spitze schaukelte. Ich bin so schnell gerannt wie seit Wochen nicht mehr, um ein Foto davon zu machen.
    Und dann denke ich, was für ein Glück ich habe, so wohnen zu können, dass ich das alles sehen kann.
    Den meisten Besuch erhalte ich von Vögeln. Die schieben ihre dicken Bäuche über die Stufe zu meinem Wohnzimmer und plieren mich entrüstet an, weil ich Futtertechnisch noch nichts vorbereitet habe. Sie werden sich gedulden müssen, bis der erste Schnee fällt oder alles gefroren ist, die kleinen Faulsäcke :-).

    Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Tierheim aufgesucht, weil ich ganz genau weiß, was das für Konsequenzen hätte. Ich würde es einfach nicht fertigbringen, ein Tier mit zu mir nach Hause zu nehmen und alle anderen zurückzulassen.
    Allerdings habe ich damals, als die Kinder noch klein waren, einen Terrier eingesammelt, der aussah wie eine verdreckte laufende Wurst, da er nur Abfälle aus einem Restaurant zu fressen bekam und keinen Auslauf. Den haben wir wieder hingebastelt und als Komplizen bekam er einen Golden Retriever zur Seite gestellt. Ich hatte immer den Verdacht, dass die beiden zusammen sich mehr amüsiert haben als das ganze übrige Volk ;-).

    Spannend, was Du über den Wuffel aus dem Tierheim schreibst. Vielleicht säge ich doch noch ein paar Löcher in meine Hecke, um den Weg frei zu machen, denn man soll die Hoffnung ja nie aufgeben :D. Da ich die Vorstellung Eurer Tiere verpasst habe, weiß ich natürlich jetzt nicht, welcher Gattung Mia entspringt, habe aber die leise Ahnung, dass sie auch in 20 kalten Wintern nicht schreiben lernen wird und somit auch weiterhin keine schriftlichen Beschwerden zu erwarten sind ;-).

    Mit meiner Genesung ist es ein rechter Eiertanz: Einerseits haben sie uns im Krankenhaus nach wenigen Tagen bereits gesagt, wir sollten nicht in eine Schonhaltung verfallen, andererseits haben sie mit Eigen- und Fremdmaterial herumgebastelt, was ja erst einmal zusammenwachsen muss. So höre ich jetzt einfach auf meinen Körper, der mir schon Bescheid sagen wird, wie seine Bedürfnisse jeweils aussehen.
    Der geplante Spaziergang am Sonntag ist jedenfalls ausgefallen. Ich fiel um und erwachte erst wieder nachmittags um 17 Uhr.
    Gestern war der erste Tag, an dem ich tagsüber nicht schlafen musste und über dieses Stück Normalität hab ich mich total gefreut. Alles in allem ist es aber leichter als gedacht, weil ich mich darauf einlassen konnte.

    Euch wünsche ich eine schöne Woche mit dem Zuwachs und auch den „alteingesessenen“ Familienmitgliedern.

    Herzliche Grüße
    Katha

  • Liebe Thalia,

    Du kannst Dir sicherlich vorstellen, wie gut mir Deine Worte getan haben und wie sehr ich mich über Deinen Besuch gefreut habe.

    Vor vielen Jahren hat mir Jemand mal den Unterschied erklärt zwischen Mitleid und Anteilnahme und so will ich auf keinen Fall, dass Andere mit mir mitleiden (reicht ja auch völlig, wenn mir das ständig noch trotz Erläuterung passiert ;-)). Was ich mir wünsche, ist eher Verständnis. Es ist nun mal grad so, wie es ist, und ich möchte sagen können, dass ich Telefonate unterbrechen muss, weil ich mich wieder in die Horizontale begeben muss oder meine Leute bitte, mich nicht anzurufen, sondern mich anrufen zu lassen, wenn ich fit bin, ohne dass ich mich unnötig absabbeln muss für eine weitere Erklärung. Das klappt ja auch nicht bei Allen *soifz*.

    Nachdem ich gelesen hatte, was Du mir geschrieben hast, habe ich überlegt, ob ich nicht doch immer schon ein bisschen seltsam war :-).
    Ich erinnerte mich z.B. wieder an die Geburten meiner Kinder. Ich habe für jedes jeweils 48 Stunden benötigt, bis meine Geschenke an die Welt fertig gestellt waren ;-).
    Beim zweiten Kind war ich jedenfalls mit meinem Köfferchen und mitten in den Wehen schon an der Tür. Der erstaunten Hebamme habe ich freundlich lächelnd erklärt, ich hätte jetzt wirklich keinen Bock mehr und würde wieder nach Hause fahren :D.
    Gegen ihre unbezwingbare Logik („Es ist noch kein Kind einfach drinnen geblieben“) gab es allerdings wenig Gegenargumente und so waggelte ich widerwillig zurück.

    Um mir die Sache zu erleichtern, schlug sie mir vor, ich könne doch nach Herzenslust schreien und weinen. Ich starrte sie daraufhin verblüfft an und fragte allen Ernstes, wozu das gut sein sollte. Irgendwie erschloss sich mir wohl der praktische Nutzen dabei nicht, denn an der Situation hätte es ja nicht das geringste geändert.
    Heute kann ich darüber nur lachen und den Kopf schütteln, aber Reste davon sind wohl immer noch vorhanden.

    Als ich allerdings nach Hause kam, dachte ich kurz an alles, was ich im Krankenhaus wieder bei Anderen gesehen und auch selbst erlebt hatte und mir stiegen die Tränen in die Augen.
    Mein Gegenüber sah sofort das Glitzern und sagte sachlich und etwas missbilligend: „Jetzt aber nicht in Selbstmitleid verfallen, das hilft ja nix!“
    Der Anflug war dann auch prompt vorbei. Also… wenn das „Auffangen“ war, dann habe ich die volle Packung bereits erhalten ;-).

    Das Buch. Meine Freunde haben mich Jahrelang gedrängt, doch endlich zu schreiben, doch ich hatte keine Lust auf Geschichten rein für die Kurzweil, davon gibt es genug.
    Erst, als ich mich selbst mit meiner Alkoholkrankheit beschäftigt habe und dazu einige Bücher und Biographien (Erfahrungsberichte) von Betroffenen las, die allesamt erschütternd deprimierend waren mit ausschließlich negativem Tenor, konnte ich mich endlich aufraffen.

    Ich habe es hier mal erwähnt – Andreas ging es offensichtlich ähnlich :-): Wenn die in diesen Büchern beschriebenen Erfahrungen die unausweichliche Konsequenz eines abstinenten Lebens darstellt, dann fang ich lieber das Saufen wieder an :D.
    Dann ist das nämlich das Leben in dem Moment vorbei, in dem wir abstinent werden können. Wir sind nicht mehr gesellschaftsfähig, passen in keine Gruppe hinein, finden nie wieder eine/n Partner/in oder einen Job, der Freude macht, oder auch Freunde oder Verständnis, laufen fortan depressiv unter dem Teppich und Spaß war gestern. Und natürlich krümmen wir uns ununterbrochen wegen unseres Verhaltens während der nassen Zeit, haben deshalb sämtliche Rechte verspielt und Achtung und Respekt gleich mit und können uns den Rest unseres Lebens mit Wiedergutmachung herumschlagen.
    Alkoholismus ist eine anerkannte Krankheit. Oder etwa doch nicht?

    Zufällig habe ich immer noch Spaß und vor allem Freude, auch wenn ich abstinent lebe. Zufällig empfinde ich es als völlig normal, dass ich manche Dinge mag und andere nicht. Und zufällig entspreche ich nicht unbedingt der Norm, habe aber herausfinden dürfen, dass irrsinnig viele Menschen für sich dasselbe empfinden, ohne jemals in irgendeiner Form abhängig gewesen zu sein und ohne psychische oder physische Schäden in der Kindheit oder später im Leben erlitten zu haben, etc.
    „Sei Du selbst, denn alle Anderen gibt es bereits“ – das gefällt mir und so möchte ich am liebsten Jedem sagen: „Hey, Du darfst!“ ;)
    Du musst nicht versuchen, so zu sein, wie Andere und auch wenn das Gros der Menschheit Dich vielleicht nicht versteht, es wird immer den ein oder anderen Menschen geben, der weiß, wovon Du sprichst… und natürlich massenweise Leute, die Dich für Deine Denke und Dein Verhalten verurteilen. Na und?! ;-). Ich möchte nicht zum Schluss in die Kiste hüpfen in dem Bewusstsein, dass ich in Wirklichkeit am Ende des Lebens anderer Menschen stehe, die mir vorgeschrieben haben, wie ich mein Dasein gestalten soll.

    Es gibt auch noch andere Aspekte: Ein abstinentes Leben bedeutet nicht, dass man von jetzt auf gleich ununterbrochen glücklich und euphorisch durch die Gegend hüpft und keinerlei Probleme mehr hat. Den Zahn kann man sich gleich mal ziehen lassen.
    Doch sich die Selbstachtung zurückzuerobern, die größtmögliche Unabhängigkeit, sich selbst wieder zu respektieren, der aufrechte Gang – das alles ist unbezahlbar.
    Mich muss man nicht unbedingt verstehen und/oder alles für gut befinden, was ich tue oder denke, aber man sollte meine Meinung und Haltung respektieren, weil ich ein Mensch bin. Und wieder klar im Kopf.
    Dies und vieles mehr möchte ich seit ewigen Zeiten sagen, wollte meinen Eltern aber immer ersparen, meinen Weg in der Rückschau verfolgen zu müssen.
    Es soll etwas werden, was eventuell Mut machen kann und Hoffnung. Ich nenne es jetzt noch „ein humoriges Pamphlet für Feiglinge und Vermeider“ ;-), aber nur im Stillen und bei mir, denn man muss schon eine ausgeprägte Fähigkeit haben, um über sich selbst, die eigenen Illusionen und Pläne, die ganzen grauen Theorien und eigenen Ein- und Ausfälle auch mal lachen zu können, mit denen man so im Laufe der Jahre gestolpert ist, denn sonst muss sich diese vorläufige Bezeichnung für Andere anfühlen wie eine Beleidigung und das soll es keinesfalls sein.

    Es geht mir nicht jeden Tag merklich besser, aber glücklicherweise habe ich mir bereits im Krankenhaus selbst eintrichtern können, dass ich mich damit werde abfinden müssen.
    Es gibt gute Tage und solche, an denen ich daran zweifle, dass sich mein Zustand jemals bessern wird, aber dadurch, dass ich mich mental im Voraus darauf einstellen konnte, kann ich es überwiegend besser akzeptieren.
    Der Gedanke an Alkohol kam zwischendurch tatsächlich auf. Ich bin trotz der Medis nie schmerzfrei und die Überlegung, mich komplett wegzubeamen, um tatsächlich wenigstens einmal nichts mehr zu spüren, schien für Sekundenbruchteile doch verlockend.
    Ich konnte allerdings den Gedanken, was es mit mir anstellen würde, wenn ich auf pfundweise Medikamente auch noch Alk kippen würde, nicht einmal wirklich zu Ende führen, da war er wegen der katastrophalen Folgen bereits wieder aus meinem Oberstübchen entfleucht.

    Im Moment beschäftigt mich allerdings ein ganz anderer Gedanke: Ich habe hier von Menschen gelesen, die Jahrelang unter Alkoholikern (oder doch eher ebenso wie diese?) gelitten haben als Co-Abhängige oder EKA´s. Dass Alkoholismus eine anerkannte Krankheit ist, müsste doch den Menschen, die sich gezwungenermaßen lange mit Alkoholkranken Familienangehörigen oder Partnern auseinandersetzen mussten (oder wollten), noch eher bewusst sein als allen anderen Menschen, die mit dieser Krankheit nie in Berührung gekommen sind.
    Trotzdem lese ich, dass einige der Ansicht sind, der Alkoholkranke hätte sich schließlich selbst für die Sucht „entschieden“ und müsse komplett fallengelassen werden.
    So versuche ich in den letzten Tagen so objektiv wie irgend möglich zu prüfen, ob ich mich jemals bewusst für die Sucht entschieden habe oder irgendwann an einem Punkt dazu überhaupt in der Lage war. Bislang war ich davon überzeugt, die plötzliche Erkenntnis, Alkoholabhängig zu sein, hätte mich mitten im Geschehen getroffen wie ein Blitzschlag, wohingegen die Entscheidung, ein abstinentes Leben führen zu wollen, eine ganz bewusste war und sein konnte, auch wenn ich unzählige Versuche dafür benötigte.

    Es interessiert mich sehr, wie andere Alkoholiker dies für sich sehen. Es geht mir nicht darum, auf der Opfer-Schiene zu reiten („Ich konnt ja nix dafür *hoil*“), sondern um die rein sachliche Überlegung.
    Mir kam nämlich gerade in den Sinn, dass meine Geschwister auch immer sehr viel getrunken haben, was für uns völlig normal war auf Feiern und wir anscheinend öfter Grund zum Feiern hatten als Andere ;-). Meiner Schwester fiel aber irgendwann selbst auf, dass der Kasten Bier, der am Wochenende besorgt wurde, „damit man mal was im Haus hat, wenn Gäste kommen“, am nächsten Samstag stets leer war, auch wenn gar keine Gäste zu Besuch gekommen waren. Es war ein Selbstläufer geworden und die Gewohnheit, mit ihrem Mann zusammen ein „Feierabend-Bier“ zu trinken, schlich sich total schnell ein, denn der Stoff war ja immer vorrätig.
    Sie strich den Kasten Bier also von der gewohnten Einkaufsliste und kaufte Alkohol nur noch dann ein, wenn tatsächlich Feiern geplant waren. Sie ist nie Alkoholabhängig geworden und war danach auch vollkommen weg vom massiven Alkoholmissbrauch. Das wirft bei mir gerade Fragen auf…
    Daran, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, habe ich allerdings absolut keinen Zweifel.

    Oops, ich wollte gar keinen Roman schreiben (es ging alles ein bisschen durcheinander heute) und werde wohl jetzt den Rest des Tages liegend verbringen müssen ;-).

    Dir ganz liebe Grüße und noch einen entspannten Nachmittag.
    Katha

  • Zitat

    Trotzdem lese ich, dass einige der Ansicht sind, der Alkoholkranke hätte sich schließlich selbst für die Sucht „entschieden“ und müsse komplett fallengelassen werden.

    Hallo Katha,

    ich bin zwar alkoholkrank, aber entschieden habe ich mich für die Sucht ganz sicher nicht.
    Das war bei mir ein schleichender Prozess. Fröhliche Feiern, gemütlich bei einem Glas Wein plaudern, ein erfrischendes Bier genießen, da war noch alles gut.

    Schritt für Schritt ging es dann nicht mehr ohne.

    Zwischen der vagen Erkenntnis und der Einsicht, dass mein Trinkverhalten nicht mehr "normal" war, verging viel Zeit. Irgendwann schmeckte das Zeug überhaupt nicht mehr. Der tägliche, grässliche Kater, die Übelkeit am Morgen, die ständige Suche nach Nachschub, die depressive Stimmung bis hin zum totalen Lebensüberdruss brachten mir, völlig am Ende, schlagartig die Einsicht, JETZT IST SCHLUSS!!!

    Heute muss ich nicht mehr trinken, ich lebe, bin frei von allen Abhängigkeiten und dies Freiheit genieße ich seit 6 Jahren.

    Gruß

    PB

    Es nützt nichts Jemandem eine Brücke zu bauen, der gar nicht auf die andere Seite will.

  • glück auf kata

    zuerst will ich wiederhole, dass ich jeden tag an dich denk ... (meist les ich auch jeden tag bei dir).
    dann - weil dir meine Hilfsmittel so gut getan haben ... hier ne tüte schlafsand, damit du morgens das aufwachen geniesen kannst.

    Zitat von Katharsis

    Bislang war ich davon überzeugt, die plötzliche Erkenntnis, Alkoholabhängig zu sein, hätte mich mitten im Geschehen getroffen wie ein Blitzschlag, wohingegen die Entscheidung, ein abstinentes Leben führen zu wollen, eine ganz bewusste war und sein konnte, auch wenn ich unzählige Versuche dafür benötigte.

    bei mir kam vor der "erkenntnis" ne reihe "verdachtsmomente" - ich hab mich einfach "anders verhalten, als ich das vom "typischen alkoholiker" zu wissen meinte.
    was nu das "in liebe fallenlassen" angeht - das kann u.u. die anzahl der "trocknungsversuche" verringern und'/oder zu ner schnelleren "erkenntnis" helfen.

    - umärmelung -

    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

  • Hallo Pellebär,

    ganz herzlichen Dank für Deine Antwort.
    Ich empfinde den Verlauf meiner zweifelhaften „Karriere“ ähnlich wie Du.
    Zwischendurch habe ich natürlich auch gestutzt – ich hätte auch total merkbefreit sein müssen, um nicht zu begreifen, dass der Flachmann morgens nun wirklich nicht mehr als normales Verhalten durchgehen konnte, aber trotz allem habe ich mir tatsächlich eingebildet, ich könne jederzeit wieder aufhören, es wäre nur eine Phase und was dergleichen krause Gedanken mehr waren.

    Was mich eventuell auch davon abgehalten hat, früher schon die Reißleine zu ziehen, war wohl die Tatsache, dass ich noch all meinen Pflichten nachkommen konnte (obwohl das Resultat zweifelsfrei nicht so ausfiel wie im nüchternen Zustand) und meine eigene Einstellung zum Alkohol: Ich betrachtete ihn wohl als eher harmlose Droge im Gegensatz zu allem Anderen, was man sich durch die Nase zieht, als Pille einklinkt oder durch die Venen jagt.
    Überall erhältlich war er auch stets zugegen, ob es Firmenfeste waren oder ein ganz normaler Besuch bei ganz „normalen“ Menschen. Es war Usus, Besuchern ein alkoholisches Getränk anzubieten und Jemand, der nicht mithalten mochte, wurde in allen Kreisen von Anderen bedrängt und als „Spaßbremse“ bezeichnet.
    Von Alkoholikern hatte ich meine ureigenste Vorstellung, für die ich mir heute noch an den Kopf fassen möchte. So kam ich quasi zur Welt, als ich das erste Mal eine reale Gruppe besuchte und mich ebenfalls ganz „normale“ Menschen empfingen.

    Deinen letzten Satz habe ICH genossen :-), klingt total schön.

    Viele Grüße und ein entspanntes Wochenende
    Katha

  • Ganz lieben Dank, Matthias (aka Sandmann) :)

    Ich habe nicht nur supergut geschlafen, sondern auch echt interessante Dinge geträumt :-).
    Der „typische Alkoholiker“, da sagst Du was.
    Es hat mir gefallen, dass Du geschrieben hast, was Du „zu wissen meintest“. Das trifft es verdammt gut und sicher ist es auch wichtig für die Menschen da draußen, die mit einer Jolle vor dem Monitor hocken und noch an den Illusionen über ihr eigenes Trinkverhalten basteln.

    Ich war selbst Co-Abhängig und das „fallen lassen“ war nicht als negative Kritik gemeint.
    Ob nun Jemand „in Liebe fallen lässt“ oder „einfach nur“ die Beine in die Hand nimmt und rennt, um seinen eigenen Mors in Sicherheit zu bringen, ist letztendlich für mich auch egal.
    Ich glaube nämlich nicht, dass ein Mensch verpflichtet sein könnte, sich für einen anderen komplett selbst aufzugeben.

    Die Kunst besteht für mich später darin, zu differenzieren zwischen Co-Abhängigkeit und ganz normaler (heute hab ich´s aber echt mit diesem Begriff :D) menschlicher Hilfeleistung.
    So frage ich mich immer wieder mal: Würde ich diesem Menschen in dieser Situation auch helfen, wenn er kein Suchtproblem hätte?

    Ich bekomme am WE Besuch von einem guten Freund. Eine Langzeittherapie hat er hinter sich gebracht und es danach versemmelt. So überlege ich gerade, wie wichtig es manchmal sein kann, offen zu bleiben und erst einmal anzunehmen, denn sortieren kann man später immer noch (frei nach Dieter Nuhr ;-)). Individualität macht zumindest mein Leben bunter, aber ich lege eine Notbremsung ein vor dem Gedanken, dass es Alkoholiker verschiedener Klassen gibt und man sich selbst aus der Sucht befreien kann, weil man anders ist als alle Anderen.

    Heute bin ich wieder im Schneckentempo aber Unfallfrei ins Dorf geeimert und habe jetzt Quarkbällchen vor der Nase stehen. Das riecht schon fast nach Glück :) oder doch zumindest mächtig nach guter Laune, weil die noch ins Mieder passen ;-).

    Dir wünsche ich ein schönes Wochenende.

    Liebe Grüße
    Katha

  • Zitat von Katharsis

    Zufällig habe ich immer noch Spaß und vor allem Freude, auch wenn ich abstinent lebe. Zufällig empfinde ich es als völlig normal, dass ich manche Dinge mag und andere nicht. Und zufällig entspreche ich nicht unbedingt der Norm, habe aber herausfinden dürfen, dass irrsinnig viele Menschen für sich dasselbe empfinden, ohne jemals in irgendeiner Form abhängig gewesen zu sein und ohne psychische oder physische Schäden in der Kindheit oder später im Leben erlitten zu haben, etc.
    „Sei Du selbst, denn alle Anderen gibt es bereits“ – das gefällt mir und so möchte ich am liebsten Jedem sagen: „Hey, Du darfst!“ ;)
    Du musst nicht versuchen, so zu sein, wie Andere und auch wenn das Gros der Menschheit Dich vielleicht nicht versteht, es wird immer den ein oder anderen Menschen geben, der weiß, wovon Du sprichst… und natürlich massenweise Leute, die Dich für Deine Denke und Dein Verhalten verurteilen. Na und?! ;)

    Moin Katha,

    es ist verblüffend, in welcher Quantität und Qualität Du momentan wichtige und richtige Dinge hier aufschreibst. Obiges Zitat soll deshalb nur mal als ein Beispiel dafür herhalten...ich könnte deren noch viel mehr bringen.

    Sich verbiegen, sich anpassen war bei mir ein Teil der Saufgeschichte. Ich hab schon relativ früh erkannt, daß ich nicht wie die Mehrheit denke und fühle...nicht mal diesselbe Musik wie die Mehrheit höre. Oft hab ich mich gefragt, ob dieses "Anders sein" einfach da war oder ob ich mir dieses "Anders ein" selbst gebastelt habe, um eben nicht wie die anderen Menschen zu sein. Eine Abgrenzung, eine Überhöhung...

    Nun isses aber Fakt, daß ich immer noch anders denke, anders fühle, andere Musik höre und ich bin inzwischen in einem Alter, in dem ich mich nicht mehr durch äußere Zwänge beeinflussen lasse...ich muß niemanden mehr was beweisen außer mir selbst.

    Die Sauferei hat bei mir mit dazu beigetragen, mich anderen Menschen wieder anzunähern, denen ich mich im Grunde gar nicht annähern wollte. Pervers, das Ganze, aber irgendwo auch logisch...der Mensch ist eben selten gerne alleine...selbst rationale Denkweisen verhindern nicht, daß man sich allein fühlen kann.

    Schwer zu erklären, aber meine Abstinenz hat mir wieder die Fähigkeit verliehen, meine eigene Position zu beziehen, meine Denkweise in den Vordergrund zu stellen und nicht andere Denkweisen zu adaptieren. Selbstverständlich bin ich immer noch überrascht, weil andere Menschen meine Denkweise nicht nachvollziehen können (wo sie für mich selbst doch absolut logisch zu sein scheint), wohl manchmal auch noch etwas enttäuscht, aber ich fühl mich gut auf diesem Weg, der, wie ich spüre, wieder zu mir selbst führt.

    So, nun hab ich wieder genug über mich gelabbert, aber Deine Posts ermöglichen mir manchmal Ansätze zu finden, um mich selbst ausdrücken zu können. Du drückst manchmal meine Knöpfe, von denen ich gar nicht weiß, wo sie sind :)

    Ich wünsch Dir gute Besserung und ein schönes, einigermassen mobiles WE

    Schön, daß Du hier bist...

    Schönen Gruß

    Andreas

  • Hallo Katha,

    ich würde Dich gerne sehen wie Du so durch's Dörflein wackelst um Deine Leckereien abzuholen. :shock:

    Ja, anders sein, anders denken, nicht zum Gleichklang verpflichtet fühlen und trotzdem sein eigenes Leben führen.

    Ich konnte am Ende mit meinem Alkoholkonsum damit nicht mehr umgehen, der Zorn / Groll war einfach zu groß, schreiende Ungerechtigkeiten zu ersaufen ist der falsche Weg, klar, aber als (nasser) Alkoholiker fehlten mir die Optionen damit umzugehen, war der Griff natürlich wieder sehr sehr nahe. Das war mein Muster, in guten Zeiten hat sich der Suff ein wenig versteckt in schlechten Zeiten hat er gnadenlos zugeschlagen, bis dann eines Tages nur noch schlechte Zeiten da waren.

    Es geht in der Tag um Selbstliebe, darum dass alte Konditionierungen aufgebrochen werden, negative Muster endlich in positive Dinge gewandelt werden. Das es geht, lese ich hier bei vielen trockenen Alkoholikern.

    Ich werde durch meine Trockenheit kein "anderer" Mensch, all das gute & sinnliche steckt in mir, in meiner Seele, in meinem Geist, in meinem Körper, ich fütterte einfach die böse Seite in mir mit dem Teufel Alkohol. Alles war wir zum Glück benötigen steckt tief in uns drinnen, wir müssen es nur füttern und zwingende Voraussetzung dafür ist die Trockenheit. Punkt!

    Grüße, tian

    Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.
    (Michel Focault)

  • Guten Morgen Andreas,

    Du beschämst mich, obwohl ich mich natürlich auch über Deinen Kommentar sehr gefreut habe. Andere würden sagen: „Die Olle hat wohl nix Besseres zu tun als hier herumzuschwafeln!“ *g.
    Viel verblüffender ;) sind allerdings meine Träume, in denen ich im Detail volle Kanne erst letzte Nacht wieder einen vor den Latz geknallt bekam.
    Ich träume ja bunt und mit Geruch und habe bedauerlicherweise genügend Wachphasen, um mich konkret an jede Einzelheit, an jeden Satz und die damit verbundenen Gefühle zu erinnern. So brauche ich weder eine Glaskugel noch einen Therapeuten, sondern muss nur ernst nehmen, was mein Unterbewusstsein mir flüstert.

    Ich habe im Laufe der Zeit einfach festgestellt, dass die eine Hälfte der Menschheit immer oberflächlicher und egozentrischer und damit auch auf eine Art härter wird, während die Anderen vermehrt unter Einsamkeit und Störungen oder Süchten in jeglicher Form leiden.
    Der Gedanke, nicht (mehr) in diese Welt zu passen, Gleichgesinnte/Freunde zu finden, die Angst, bei vielem nicht mithalten zu können, der zunehmende Stress in dieser Zeit, lässt sie ein Mittel finden, um sich bei ihrem Rückzug zu trösten.

    Neulich las ich zu dem Thema Selbsthilfebücher (die in diesen Zeiten übrigens reißenden Absatz finden): „Wenn Sie Angst vor großen Hunden haben, gehen Sie ihnen doch einfach aus dem Weg!“ Da habe ich ordentlich lachen müssen :-).
    Natürlich ist es nicht ratsam, nun allen Dingen aus dem Weg zu gehen, denn leben bedeutet ja auch zu lernen, aber vielleicht hilft es, wenn man sich bewusst macht, dass derselbe Mann, der gerade mit seinem Moped von der Schanze aus durch brennende Reifen fliegt, über 30 Autos hinwegsetzt und währenddessen seine Memoiren schreibt, in Ohnmacht fällt, wenn er zum Blutabnehmen antreten soll.
    Jeder von uns hat Stärken und Schwächen und die lassen sich nun mal nicht in Schablonen pressen. Wir sollten uns bloß nicht von Bildern und eigenen (falschen) Vorstellungen ins Abseits drücken lassen.

    Ich denke auch, dass Du aus dem üblichen Rahmen fällst, schon immer gefallen bist. Glücklicherweise bist Du jetzt schon groß :) und vor allem abstinent und kannst es akzeptieren. Und Andere akzeptieren, die anders sind als Du, was genauso wichtig für mich ist. Ob es bei Dir eher eine Selbsterhöhung und Abgrenzung vom Normalbürger darstellen sollte, kannst nur Du selbst beurteilen. Vielleicht wolltest Du nur ein Ausrufezeichen hinter Dein „Anders sein“ setzen, Dir selbst bewusst machen, dass Du das Recht hast, anders zu sein.

    Fakt ist, dass ich ein liebes, nettes, höfliches, freundliches, friedliches, aufmerksames und hilfsbereites Mädchen war, das nie rumgezickt hat oder auffällig wurde. Das lag wohl zum größten Teil daran, dass ich mich mit 10 Jahren in die Welt der Bücher gerettet habe und die Schotten so gründlich dichtgemacht habe, dass mich niemand mehr erreichen konnte. Als wir bei Windstärke 10 auf einem kleinen Kutter nach Helgoland übersetzten und mein Vater als normaler Passagier das Steuer übernehmen musste, weil der Kapitän sturzbetrunken war, hat sich Jeder an Bord wegen des Sturms die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich saß friedlich unter Deck und las und bekam von der ganzen Chose wieder mal nix mit, hatte mich komplett weggebeamt mit meinem Buch.

    Mit 16 Jahren stellte ich dann fest, dass ich anders war als Andere. Was für eine Überraschung :D. Ich hatte übrigens auch vorher bereits die ganze Zeit das Gefühl, dass ich nicht mal in meine eigene Familie passte. Meine Mutter hatte offensichtlich dasselbe Gefühl und es verstärkte sich im Laufe der Jahre. Eine „Erhöhung“ oder bewusste Abgrenzung war es bei mir also nicht, denn ich habe sehr darunter gelitten.

    Mit der mir (manchmal) eigenen Gründlichkeit ging ich dann aber brachial ans Werk, um mich umzuprogrammieren. Am meisten behinderte mich (und meine Geschwister natürlich ebenfalls) die anerzogene Einstellung zum eigenen Körper. Körper waren komplett tabu und alles, was damit zusammenhing außer essen, trinken und schlafen war bäh bäh.
    Waschen war erlaubt, allerdings nur mit Hilfsmitteln wie Waschlappen.
    Der Sport, vor allem meine Mitgliedschaft in zwei Schwimmvereinen (von meinem ahnungslosen Vater gefördert), wurde zu einem echten Eiertanz und ich war vorwiegend damit beschäftigt, einen einsamen Platz zum Umziehen zu finden, um den Vorgaben gerecht zu werden. Mein Vater war zu selten da, um diesem Schwachfug Einhalt zu gebieten.

    Ich trainierte also das Ausziehen. Ich schwänzte die Schule, schilderte Schulfreundinnen kurz und knapp mein Problem und lud mich bei ihnen und mit ihnen zusammen zum Baden ein, da ihre Mütter arbeiten gingen. Ich weiß noch, dass ich Kakao und Tee in die Wanne kippte und wir nach Apfelringen und Weintrauben tauchten, damit es nicht langweilig wurde, während ich mich an das Gefühl gewöhnte, vor Anderen keine Klamotten anzuhaben.

    Als ich das absolviert hatte, suchte ich Kneipen in der Umgebung auf und lud wildfremde Jungs zum Baden ein, denn die fehlten mir noch in meinem Programm.
    Es ging mir einzig und allein darum, mein Ziel zu erreichen und es war – obwohl es seltsam erscheinen mag – nie auch nur die kleinste Anzüglichkeit dabei. Es ging rein um Technik und ich bin heute noch froh, dass sie mich unterstützt haben (ich muss grad schmunzeln, denn vielleicht war das „Opfer“ dann doch nicht soooo groß :D).
    Danach war ich frei in der einfachsten und grundlegendsten Bedeutung des Wortes und fühlte mich wesentlich gesünder. Manchmal ist es halt ein langer Weg…

    Mich muss niemand fragen, ob ich anders bin, denn mir ist total bewusst, dass weder meine Erziehung noch mein geschildertes „Nothilfeprogramm“ der Norm entspricht.
    Ich war nur so verzweifelt, dass ich gezwungen war, unorthodoxe Wege zu beschreiten und so sage ich für mich aus eigener Erfahrung: „Ich bin so wie ich bin, aber ich muss ja nicht so bleiben!“
    Krass wurde es dann erst später, als ich lange Zeit völlig genervt war, weil mich jeder fragte, ob ich mein Haar gefärbt hätte (rot war damals grad „in“). Ich schnitt es ab und färbte es grün. Danach kamen keine Fragen mehr. So neige ich vielleicht zu Extremen, aber der Alkohol kam erst viel später. Er hat es mir aber erleichtert, diese Extreme auch zu leben.

    Im Gegensatz zu Dir werde ich mich wohl auch noch länger äußeren Zwängen beugen müssen, aber sie werden nur außen an mir herumperlen wie Wassertropfen auf einem Entenrücken. Privat allerdings und in meiner Freizeit bestehe ich nach wie vor auf das Beste: Auf Menschen mit (liebenswerten) Schwächen, Ecken und Kanten, die dazu stehen können.

    Für mich ist es übrigens auch völlig verständlich, dass man sich im nassen Zustand Menschen annähert, mit denen man sonst keine zwei Minuten zusammensitzen würde.
    Der gemeinsame Nenner ist der Alkohol und welche Erleichterung ist es, wenn Andere durch Ihr Mittun den Exzessen eine Legitimation verschaffen. Wir müssen uns nicht entschuldigen, nicht erklären, denn in diesem Dunstkreis säuft ja schließlich jeder und niemand ist besser als der andere, es ist alles völlig „normal“. So wundert es mich nicht, dass Abhängige in Beziehungen den Partner oft drängen, doch mitzutrinken: „Wenn Du das tust, ist es ja nur halb so schlimm, wenn ich es auch tue…!“

    Besonders spannend finde ich es, wenn der eigene Partner auch nach Jahren meine Gedanken nicht nachvollziehen kann. Früher – stets auf der Suche nach der verlorenen Einheit – hat mich das Unverständnis, die Differenzen in der Denkweise, bedrückt und belastet.
    Heute würde ich mich fragen, wie viele Überraschungen mir der Andere wohl noch bereiten wird, mir neue Ein-Sichten vermittelt, um mich zu bereichern.
    Das wird sich – vermute ich mal – erst ändern, wenn ich feststellen sollte, dass man die gleichen Trainingsanzüge oder Regenjacken trägt, die gleichen Fahrräder hat, sich schweigend durch einen 14-tägigen Urlaub schleppt, beim Essen nebeneinander sitzt und sich im Alter plötzlich immer ähnlicher sieht :-). Soviel also zu meinen eigenen Vorurteilen ;-).

    Vielleicht finde ich dann ja auch noch den Knopf bei Dir, der, wenn ich ihn drücke, alles heraussprudelt, was in Dir drin ist bezüglich Deiner Vorbehalte gegenüber Therapien und realen SHG´s ;-). Es passt irgendwie nicht ganz zu dem Bild, das ich über eine lange Zeit von Dir gewonnen habe, etwas gefühlsmäßig abzulehnen, was Du selbst noch nie mitgemacht hast.
    Ich finde es schön, dass DU hier bist, denn kaum Jemand hat hier in so kurzer Zeit eine solche Zufriedenheit und Ausgeglichenheit für sich schaffen können in seinem abstinenten Leben.
    Da bist Du ganz weit vorn, auch wenn das Leben manchmal zickt, und Du machst damit ganz sicher vielen Menschen auch Hoffnung. Man muss abstinent halt nicht als Tränentier in einer dusteren Ecke vor sich hinschimmeln, es geht auch anders.

    Schon wieder ein halber Roman *soifz. Viel Persönliches. Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, hier so ausführlich zu werden. Eigentlich. Mein Lieblingswort. Pilze wachsen neuerdings in dem Topf mit den Ringelblumen. Sieht irgendwie dekorativ aus. Am besten gedeiht allerdings das Unkraut in dem Topf daneben. Ich hielt es für eine Pflanze und habe es liebevoll gepflegt. Da hat man über mich gelacht. Ich kann das aushalten ;-). Eine Nachbarin kam extra gestern Abend zu mir und fragte, wie es mir geht und ob ich Hilfe brauche. Das hat mich umgehauen, fand ich total süß von ihr. Sie hat mir versprochen, Morgen mit mir zum Einkaufen zu fahren. Obst und Gemüse ist höllisch schwer zu schleppen. Ein anderer Mensch hat mir auch etwas versprochen, nämlich dass er mir den Mors versohlt, wenn ich versuchen sollte, die Fenster zu putzen. Hm. Gut, dass ich alt genug bin, um zu wissen, was gesund ist für mich. Ich mach´ mich also wieder lang und lass die Fenster in Ruhe. Besser is… ;)

    Herzliche Grüße und Dir ein möglichst entspanntes Bergfest.
    Katha

    PS: Spanngurte…DAS will ich sehen :D

  • Hallo Tian,

    nun wackele ich ja nur durchs Dörflein, um mir Brot und Brötchen oder eine Zeitung zu kaufen oder eben Kippen. Letzteres lasse ich mir nie von Anderen mitbringen, denn wenn ich schon rauchen muss, dann muss ich eben dafür auch selbst los schleichen. Eingebaute Schikanen müssen da sein ;-).
    Meine „Leckereien“ sind keine Süßigkeiten oder Kuchen und damit auch viel schwerer zu schleppen, aber die Quarkbällchen haben mich so freundlich angelächelt und ich wollte nicht unhöflich sein ;-).

    Ich könnte steinalt werden und würde immer noch auf die Barrikaden gehen, wenn ich Ungerechtigkeiten begegne, und da ist es wurscht, ob ich trinke oder nicht, denn es gehört einfach zu mir. Es gibt Dinge, die werden wir an (und in) uns selbst nicht ändern können und mittlerweile kann ich es akzeptieren. Abstinent habe ich allerdings in vielen Situationen die Ruhe und Geduld, eine Nacht darüber zu schlafen, mir zu überlegen, ob es an mir ist, etwas zu ändern (ich muss ja nicht überall mitmischeln) oder ob ich überhaupt die Möglichkeit habe, etwas zu ändern und wie ich das dann am besten erreichen kann.
    In Akutsituationen stürme ich allerdings nach wie vor los, da konnte mich auch das Mieder nicht aufhalten.

    Ob das nun gut ist oder schlecht, kann ich nicht beurteilen, Fakt ist jedoch, dass meine Kinder mich übereinstimmend für die Gerechtigkeit in Person halten. Ich kann kaum sagen, wie sehr mich das immer beruhigt hat und ich bin dankbar dafür, dass ich ihnen dieses Gefühl vermitteln konnte, auch wenn ich getrunken habe.
    Meine Kinder haben mir quasi Absolution erteilt, als ich aufhören konnte, zu trinken. Sie sagten beide: „Kümmere Dich jetzt nicht um verschüttete Milch, sondern guck nach vorn und tu endlich mal etwas für Dich selbst“. Das gelingt überwiegend, jedoch nicht immer, denn manchmal holt mich die Erinnerung ein. Dann denke ich, dass ich noch viel mehr hätte geben müssen, sollen, können und werde traurig wegen der verlorenen Zeit und der verpassten Gelegenheiten.

    Es macht für mich trotz allem keinen Sinn, nun den Rest des Lebens unter dem Teppich zu laufen und sich zu krümmen wegen einer Vergangenheit, die wir nicht ändern können.
    Es muss einen Punkt geben, an dem wir nach vorn gucken können, denn der Weg in ein abstinentes Leben erfordert eine Menge Kraft. „Nur“ nicht mehr zu trinken hat mir persönlich auch nicht gereicht, aber zurück zu blicken macht für mich nur Sinn, um sich bewusst zu machen, wie dreckig es uns ging, als wir noch getrunken haben oder auch um bestimmte Muster und Verhaltensweisen zu erkennen, damit wir sie eben ändern können, falls sie uns auf unserem Weg noch behindern.

    Dieses „Füttern“ der verschiedenen Seiten in Dir, von dem Du schreibst, erinnert mich an die Geschichte von dem Indianer, der seinem Sohn von dem Kampf zwischen zwei Wölfen erzählt - dem guten und dem bösen – der im Innern eines jeden Menschen tobt. Der Sohn fragt daraufhin, welcher der beiden Wölfe gewinnen würde, woraufhin der Vater sagt: „Der, den Du fütterst.“
    Das kann man jetzt als esoterischen Quark abtun oder mal darüber nachdenken ;-). Für mich ist es jedenfalls stimmig. Es bringt mich z.B. zum Loslassen, eine der schwierigsten Übungen überhaupt. Werde ich dauerhaft verletzt, beleidigt, respektlos behandelt, vorgeführt, belogen, benutzt oder ausgenutzt, entwickeln sich bei mir natürlich negative Gefühle. Entziehe ich mich dieser Situation nicht, halte ich diese negativen Gefühle am Leben. Selbstachtung, Selbstwertgefühl, der Respekt für die eigene Person gehen u.U. komplett flöten und machen Hass, Abneigung, Verzweiflung, Ohnmacht, Bedürftigkeit, falscher Hoffnung, Verbitterung, Enttäuschung etc. Platz. Das ist etwas, was auch auf andere Menschen ausstrahlt und wir müssen uns nicht wundern, wenn sie uns dann eher aus dem Weg gehen, bis wir dieses Gift aus uns herausschaffen konnten.

    Selbstliebe. Ich glaube fast, die muss ich richtiggehend lernen. Netter zu mir sein, mich nicht so durchzuprügeln durch Situationen. Nicht aushalten wollen, wenn´s gar nicht nötig ist.
    Mir bewusst machen, dass ich niemandem etwas wegnehme, wenn ich mich auch ganz allein an einem Sternenhimmel freue. Ich aste mir oft noch einen ab, während Andere selbstverständlich irgendwelche Hilfe annehmen. Bloß niemandem zur Last fallen, alle schonen wollen. Es gibt noch viel zu tun und aussitzen ist da keine Option :-).

    Es geht irgendwie immer weiter, auch wenn die Probleme sich manchmal Himmelhoch auftürmen. Wenn ich so richtig tief am Boden war, mich aber wieder aufrappeln konnte, habe ich mich jedes Mal hinterher gefragt, was zur Hölle ich dort unten eigentlich zu suchen hatte?!
    Kaleu´s Beispiele von dem Plumpsklo und dem Karussell halte ich da für überaus anschaulich und hilfreich :-), obwohl einer meiner damaligen Freunde immer grübelte: „Wenn mir die Shice nicht bis zum Hals steht, wird mir wohl irgendwie kalt“. Er ist nicht besonders alt geworden.

    Ich lese bei Dir ja auch immer mit und freue mich, dass Du auf einem so guten Weg bist.
    Schmunzeln musste ich aber doch, als Du den Alkohol als „eiskalten Sadistenfreund“ personalisiert hast. Mein Humor ist zugegebenermaßen etwas strange und so hatte ich sofort das Bild im Kopf, wie ein riesiger Flachmann an meine Tür klopft und sich heftig und auch im Namen all seinen kleinen Brüder darüber ausheult und mir bittere Vorwürfe macht, dass ich ihn Jahrelang nur benutzt habe ;-).

    Sei auch Du bitte nicht allzu streng mit Dir selbst.

    Herzliche Grüße
    Katha

  • Zitat von Katharsis

    ...Selbstliebe. Ich glaube fast, die muss ich richtiggehend lernen.
    Netter zu mir sein, mich nicht so durchzuprügeln durch Situationen.
    Nicht aushalten wollen, wenn´s gar nicht nötig ist...


    Guten Morgen Katha,

    falls Du hierzu einen Verein gründen solltest, würde ich auch gerne eintreten.
    Vielleicht können wir dann in die Satzung auch noch aufnehmen,
    dass wir uns weniger selbst im Weg stehen sollten.
    Darin bin ich Meister. Und das, ohne Meister sein zu wollen.

    Viele Grüße
    Correns

  • Hallo Correns :)

    Du hast mich heute schon zum freudigen Schmunzeln gebracht,
    als ich sah, dass Du eine Sonderschicht eingelegt hast :-).
    Ich genieße Deine Art der Formulierung total und im
    Zusammenhang mit dem wertvollen Inhalt Deiner Kommentare
    denke ich stets: „Ein feiner Mensch“ (also feinsinnig, was ich sonst
    nur sehr selten über Menschen denke).

    Seltsam ist es, dass ich – die ich auf (ausgeprägten) Egoismus
    ja nicht besonders gut kann – Dich nie als egoistisch empfunden
    habe, obwohl Du dich selbst öfter so siehst.
    So wie Du Nutznießer von Samara´s Thread bist, bin ich Nutznießerin
    Deiner Gedanken.

    Wenn Du es zur Meisterschaft gebracht hat in der Disziplin „sich
    selbst im Weg zu stehen“, müsste es Dir andererseits ebenfalls
    gelingen, negative Glaubenssätze auch wieder aufzulösen. Es gibt
    im I-Net ein paar interessante Denkansätze dazu aus dem Business-Bereich,
    die jedoch im privaten Bereich ebenso Anwendung finden, wie z.B.:
    Wenn wir X tun, wird unweigerlich (negativ) Y eintreffen. Sagt uns
    oft unser Kopf, den ich nach wie vor für den gefährlichsten Ort der
    Welt halte.
    Als hätten wir alle eine Glaskugel und könnten übers Wasser
    laufen, meinen wir, das negative Ergebnis bereits im Voraus zu kennen.
    Nur um dann festzustellen, dass wir uns geirrt haben.
    Was macht diese Erkenntnis oft mit uns? Nichts!
    Beim nächsten Mal basteln wir uns dasselbe halbgare Gedanken-
    Konstrukt.

    Den Verein gründe ich gern. Die Zahl der Mitglieder würde sich aber
    wohl auf die halbe Weltbevölkerung belaufen ;) wegen der - vielen
    Menschen eigenen - negativen Erwartungshaltung und damit das
    Fassungsvermögen des Bürgerhauses meines Dörfchens sprengen :-).
    Das bedeutet, dass wir die Gründung des Vereins auf den Sommer
    verlegen müssen und es ein Sit-in auf den Wiesen hier werden wird :-).

    Vermutlich bin ich als Vereinsgründerin aber nicht wirklich geeignet,
    denn ich neige ja auch heute noch manchmal zu lächerlichen Trotz-
    reaktionen: Wenn´s richtig dicke kommt, setze ich entschlossen noch
    einen oben drauf. Das sind die seltenen Momente des Schwarz-Weiß-
    Denkens bei mir, die ich dann wohl benötige, um glasklare Fronten
    zu schaffen und mir die aktuelle Situation bewusst zu machen.
    Dass ich mir mit dieser Methode stets nur ins eigene Knie schieße,
    muss ich wohl nicht extra betonen ;-).

    Dir wünsche ich einen weiterhin entspannten und redlich verdienten
    Freitag und warte inzwischen Deinen nächsten Bericht darüber ab,
    ob Du in Sachen Lampenfieber noch fündig geworden bist ;-).

    Herzliche Grüße
    Katha

  • Zitat von Katharsis

    ...Sagt uns oft unser Kopf, den ich nach wie vor
    für den gefährlichsten Ort der Welt halte...


    Guten Morgen Katha,

    wo kann ich unterschreiben?
    Obwohl auf dem Hals befestigt, steht mir mein Kopf oft im Weg.
    Was der alles zu wissen meint...

    In letzter Zeit gewinnt oft mein Bauchgefühl.
    Und damit liege ich genauso oft erstaunlich richtig.
    Früher habe ich jeden ausgelacht,
    der mir sagen wollte, dass es neben Logik noch was anderes gibt.
    Heute ist mir bewusst, wie eindimensional ich unterwegs war.

    Jedoch bin ich noch nicht vollständig geheilt.
    Immer wieder falle ich ins Eindimensionale zurück.

    Viele Grüße
    Correns

  • glück auf katha

    Zitat von Katharsis

    „Der, den Du fütterst.“

    gefällt mir

    Zitat von Katharsis

    Selbstliebe. Ich glaube fast, die muss ich richtiggehend lernen.

    ja natürlich :wink:
    vielleicht machst du ne schule auf (statt n verein zu gründen) ich meld mich schon mal an, als schüler.

    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

  • Habe gerade beschlossen, das Jahr 2014 ersatzlos zu streichen.
    Das Jahr der Trainingshosen.
    Vier Monate allein wegen der Leisten-OP und jetzt noch ein paar dazu wegen des Mieders.
    Am Freitag bin ich wieder mit dem Taxi zum Doc gezuckelt wegen einer neuen Nierenentzündung. Als würde ich verdammte Treuepunkte sammeln beim Internisten.
    Das Antibiotikum hat mir allerdings der Apothekenchef am Samstag trotz meiner automatisierten Abwehrhaltung höchstpersönlich vorbeigebracht. Mein Beitrag dazu: „Das kann ich Ihnen wirklich nicht zumuten!“ war schon raus, bevor er mich über(ge)redet hat. Ich lern´s wohl nie!

    Das angeschlagene Kind macht mir Sorge. Tapfer und augenscheinlich gelassen hat sie beschlossen, die Zeit der medikamentösen Behandlung erst einmal abzuwarten, bevor sie in Panik verfällt. Da warte ich natürlich mit ohne Wellen zu schlagen.
    Im nächsten Satz fragt sie mich dann aber, ob ich was dagegen hätte, wenn sie mich besuchen kommt.
    Was für eine Frage! von einem Kind, das sich immer in meine Klamotten kuschelt, wenn´s richtig eng wird und danach allein losmarschiert und Dinge erledigt, bei denen Andere längst in die Knie gegangen wären. Es beruhigt mich, dass sie weiß, dass sie nie wirklich allein ist. Nur die Alleingänge wären doch nicht nötig. Von wem hat sie das bloß? (Meine Fenster sind jetzt übrigens geputzt…)

    Die Nachbarin hat mich zum Einkaufen mitgenommen und mir komplett das Schleppen auch noch abgenommen. Danach hat sie mich noch zu Kaffee und Kuchen eingeladen und ich war tatsächlich sprachlos. Wenn ich gerührt bin, dann aber mit vollem Programm.

    Als wir wieder zu Hause waren, kam ein anderer Nachbar auf mich zugesprungen. Er bat mich, mein Auto umzuparken, damit er mit seinem kleinen Hutschefidel besser in seine Einfahrt fahren kann. Musst ich schon wieder schmunzeln, da ich im Moment so beweglich bin wie ein Geldschrank. Da grinst mich die Nachbarin an: „Da fahr ich doch eben Ihr Auto ein Stückchen weiter, wenn man mit solchen Kleinigkeiten andere Menschen so glücklich machen kann ;-). Natürlich wird sich umgehend ein Anderer in die Lücke stellen, aber wir haben unseren Part erledigt!“ Die Frau gefällt mir immer besser :)

    Manchmal bin ich verwirrt. Ich verordne mir freundlich aber regelmäßig aufs Neue gesunde Mahlzeiten, die nötige und mögliche Bewegung (die Fenster waren ein Verhaltensrückfall) und vor allem Ruhezeiten. Auch das Sitzen ist ja oft noch anstrengend. Oft bin einfach nur erleichtert, dass ich die Situation überwiegend ruhig durchstehen und ertragen kann.

    Andererseits bekomme ich aus der feindlichen Welt ständig seltsame Aufforderungen wie: „Da müssen Sie sich persönlich vorstellen“ oder „Kommen Sie doch eben mal vorbei“ oder „Reichen Sie die Unterlagen heute noch bei uns ein“.
    Gepaart mit pfundweise Fehlinformationen oder der Aussage der Helfershelferin meines Orthopäden: „Wir wissen ja gar nicht, ob Sie nun operiert wurden oder nicht!“ ist das nichts für Leute mit schwachen Nerven ;-).
    Ich zumindest weiß jetzt, dass Entlassungsberichte, Untersuchungsergebnisse und Röntgenbilder völlig vergebens von Kliniken an weiterbehandelnde Ärzte übermittelt werden, aber vielleicht tue ich Ärzten und Sachbearbeitern auch Unrecht und der Rest der Bevölkerung bastelt verbissen Röntgenbilder nach Wahl und verbringt die damit erschlichene gesamte Freizeit dann auf Hawaii. Vom Krankengeld *rofl*.
    Interessant jedenfalls immer wieder das ewige Gerangel darum, welche Stelle nun tatsächlich für die Belange zuständig ist. Ringelpiez mit Anfassen…

    Ich trinke jetzt nachmittags immer viel Tee. Ist ja nicht so, dass ich so gar nicht vorankommen würde in meiner persönlichen Entwicklung *g. Ich kann Euch, Correns und Matthias, gern demonstrieren, wie das funktioniert – zu mehr reicht es für heute einfach nicht mehr ;-).

    Kopf und Bauch, Correns. Über die Hälfte meines Lebens hielt ich mich für einen ausgeprägten Kopfmenschen. Dann bin ich nach meinem Entzug in eine Entzugsklinik gegangen. Sehr sinnig, ist mir bewusst, aber beim Mikado habe ich immer gewonnen ;-).
    Dann kritisierte der Therapeut während einer Gruppensitzung einen älteren Mann wegen seiner mangelnden Körperhygiene. Ich konnt´s noch nie leiden, wenn Menschen vor versammelter Mannschaft runtergeputzt wurden und kam in Nullkommanix schwer aus der Hüfte. Da wird der Therapeut plötzlich laut und schreit fast: „Ja, genau, Frau X! Endlich denken Sie auch aus dem Bauch heraus, das sprüht ja richtig, gucken Sie sich nur mal an!“
    Ich muss gestehen, dass ich zurückgebrüllt hab: „Ich hab´ ja gar keinen Bauch!“ :D, nur um dann verblüfft zu schweigen, weil ich selbst spüren konnte, wie warm mir plötzlich geworden war. Spannend. Leidenschaft für die Sache.
    Ich habe nie wieder von mir selbst geglaubt, ich wäre ein Kopfgesteuerter Mensch, denke aber, die richtige Mischung machts :-).

    Herzliche Grüße
    Katha

  • Hallo, liebe Katha,
    wieso beschreibst du so detailliert MEIN Jahr 2014??? :shock:

    Mein Chef hat mir soeben 1 Woche Auszeit verordnet, nachdem ich etwas umständlich angedeutet habe, dass ich ...ziemlich am Limit bin.
    Alleine kriege ich es eben auch nicht immer hin.

    Es ist ziemlich heftig, sein Leben in gesundem Zustand auf die Reihe zu kriegen...durch Krankheit eingeschränkt ist es eine unglaubliche Herausforderung.
    Hilfe kommt oft von daher, wo man sie nicht erwartet und da, wo sie selbstverständlich sein sollte, passiert nix oder wird einem K(r)ampf aufgezwungen.

    Nicht zu verzweifeln, Härte zeigen, wo nötig, weich sein, wo möglich, das ist alles schwierig.
    Schön für mich zu wissen, dass ich nicht alleine bin in meinen Bemühungen.
    So hat mich dein Beitrag getröstest, obwohl er beschreibt, dass du im Moment echt viel zu bewältigen hast.

    Eine schöne Zeit mit deiner Tochter!

    LG
    Susanne

  • Liebe Susanne,

    mit Dir würde ich gern mal ein paar Jahre Kaffee trinken, denn ein Nachmittag würde wohl kaum ausreichen, um alle Themen abzuhandeln :-). Über Deinen ersten Satz muss ich jetzt noch lachen, obwohl der Anlass natürlich nicht besonders komisch ist.

    Wie ich bereits bei Correns schrieb, bewundere ich jeden Menschen aufrichtig, der sich Hilfe und Unterstützung holen kann oder – in Deinem Fall – eine dringend benötigte Auszeit.
    Es ist für mich ein Zeichen von Stärke, auch zugestehen zu können, dass man manchmal überfordert ist oder sich hilflos fühlt, gerade dem Arbeitgeber gegenüber, aber auch im privaten Bereich.

    Meine Tochter z.B. war grad total enttäuscht. Die Diagnose, die sie kürzlich bekam, hat sie natürlich erschreckt und ihr Angst gemacht. Sie hätte sich gewünscht, dass ihr Freund an diesem Abend bei ihr bleibt, doch der verabschiedete sich und ging zur geplanten Bandprobe.
    Ich habe ihr geraten, zukünftig in einfachen, klaren und vor allem direkten Sätzen zu sprechen und ihre Bedürfnisse zu äußern.

    Der Mann als solcher ist in der Regel Pragmatiker. Sieht er im Augenblick keine Möglichkeit, etwas Produktives beizusteuern, zieht er los und tut, was Männer halt so tun müssen :-). Nach der Ansage, dass abgewartet werden muss, schiebt er häufig die Angelegenheit auf der to-do-Liste nach hinten, denn es macht für ihn keinen Sinn, sich vorher schon verrückt zu machen, bevor das Ergebnis fest steht. Durchaus logisch.

    In der Zwischenzeit gehen Frauen die Wände hoch, fühlen sich allein gelassen und/oder bekommen Wutanfälle und gehen auf ihn los (was ihn dann wiederum total verblüfft) und zuletzt wird noch an der Beziehung am allgemeinen gezweifelt oder an seiner Liebe oder überhaupt am Sinn des Lebens ;-).

    Nach meinem diesbezüglichen Erklärungsversuch herrschte erstmal Funkstille am Telefon. Dann kam ihre erstaunte Frage: „Mama, sind die echt so?“. Ja, ich fürchte schon ;-).
    Natürlich nicht alle, obwohl mir persönlich keine Ausnahmen bekannt sind *g.
    Probates Mittel dagegen sind die einfach Sätze: „Ich brauche Dich heute Abend, weil ich nicht allein sein möchte und Angst habe. Ich wünsche mir, dass Du bei mir bleibst!“

    Ich hänge noch bei: „Du gehst jetzt / hast heute keine Zeit? Ah, okay!“, aber vielleicht kann sie schneller umsetzen als ich und es hilft ihr ;-).

    In der Zwischenzeit konnte ich die Orthopädengang zumindest dazu bewegen, mir alle benötigten Formulare auszustellen und zuzuschicken. Die telefonischen Erklärungen dazu, was nun ausgefüllt werden konnte und was nicht, habe ich ausgeblendet. Darum kümmere ich mich, wenn ich die Unterlagen vor Augen habe, denke aber, dass ich mir Hawaii endgültig abschminken kann ;-).

    In puncto Hilfeleistung kann ich Deine Meinung voll unterschreiben. Umso wichtiger ist es für mich, mir die Hilfe, die ich unerwartet erhielt, immer wieder bewusst zu machen und auch zurückzugeben. Es wird immer wieder auch positive Überraschungen geben und das bringt mich nach vorn.
    Ganz gewiss bist Du nicht allein in Deinen Bemühungen und wenn Alle die Schotten ein wenig mehr aufmachen könnten, würden wir ganz schnell feststellen, dass es noch viel mehr Menschen gibt, die in ähnlicher Lage sind. Oft reicht es doch schon, wenn man sich einfach mal kurz Luft machen kann und da Jemand ist, der zuhören mag.

    Die unnötigen Diskussionen gestern haben mich deprimiert, zumal ich meine Termine schließlich einhalten muss. Ansonsten habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich so wahnsinnig viel aushalten muss, ich muss mich nur kümmern und dran bleiben.
    Schwieriger ist es mit der Selbstdisziplin und ich musste mit mir motzen, weil ich das ganze Wochenende nicht über die Hügel gekrochen bin. Alles andere funktioniert schon viel besser und ich habe letzte Nacht bereits eine 90°-Drehung auf meiner neuen Matratze hinlegen können ohne die üblichen Zwischenstopps und das Gezerre :-).

    Herzlichen Dank für Deinen Besuch, hat mich so gefreut!

    Liebe Grüße und eine entspannte Woche
    Katha

  • Hi Katha,

    du junge Gipfelstürmerin! :lol:

    Na, das Jahr 2014 würde ich noch nicht komplett streichen, wer weiß, welche feinen Dinge noch auf dich warten, gelle.

    Ich grüße Dich, tian

    Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.
    (Michel Focault)

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