„Ich selbst würde mich heute nicht in Kneipen begeben. Ich sehe das aber nicht als Verzicht, sondern, ich habe da einfach keine Gemeinsamkeiten mehr mit den Menschen.
Früher gehörte ich dazu, weil ich trank.“ [Karsten]
„Ja Karsten, aber Du machst das doch weil Dir da gar nichts anderes übrig bleibt als so zu handeln. Der Alkohol ist nicht der eigentliche Verzicht.
Das normale Leben, so wie es ein nicht süchtiger Mensch führt, dass ist für mich schon ein Verzicht. Aber ich bin ein Alkoholiker und deshalb muss ich auf dieses "normale" Leben eben verzichten und einen anderen Weg gehen.
Da gibts kein wenn und aber. Unter schön stell ich mir aber trotzdem was anderes vor.“ [Maik]
Hallo Maik,
neulich musste ich schon schmunzeln, als ich Deinen Kommentar las, denn im Prinzip hast Du recht: Abstinenz ist weder vergleichbar mit einer neuen Religion noch mit der Teilnahme an einem Klöppelkurs. Sie ist nichts, was man sich vollkommen unvorbelastet und aus freien Stücken einfach so aussucht, weil man vor Langeweile nicht in den Schlaf kommt oder generell auf der Suche nach neuen Interessen oder einem neuen Inhalt ist.
Menschen verändern sich, ihr Leben und ihre Gewohnheiten doch ausschließlich, wenn die Notwendigkeit dazu besteht. Warum sollte ich auch etwas verändern wollen, wenn es für mich so passt wie es ist?!
Abstinenz ist aber auch kein Zwang. Ich hatte auch hier die freie Wahl zwischen der Entscheidung, leben zu wollen oder weiterhin vor mich hinzuvegetieren bis zu einem ziemlich qualvollen Tod.
Ich mache keinen Hype aus dem abstinenten Leben. Ich komme auch nie auf die Idee, es Nichtsüchtigen zu empfehlen oder es in den schönsten Farben zu schildern.
Wie jeder unheilbar Kranke versuche ich, mich mit den Gegebenheiten abzufinden und das Beste aus der Situation zu machen.
Alkoholismus mag eine unheilbare Krankheit sein, aber ich muss weder fiese Medikamente nehmen noch bin ich ans Haus gefesselt. Alle Begleiterscheinungen der meisten unheilbaren Krankheiten bleiben mir erspart. Ich bin in der Lage, immer soweit es die körperliche und psychische Verfassung erlaubt, all das zu tun, was Menschen ohne Suchtproblem Spaß und Freude macht.
Ich muss „nur“ aufhören zu trinken und kann somit die Krankheit zwar nicht heilen, aber doch zum Stillstand bringen.
Das macht mich dankbar.
Es ist aber nur die Basis. Danach gilt es, dieses Leben mit Inhalt zu füllen, aber gilt dies nicht für jeden Menschen?!
Als ich trocken wurde, war ich – wie bereits mal erwähnt – direkt persönlich beleidigt, dass die Probleme und negativen Stimmungen nicht weniger wurden.
Ich lebte in dem Wahn, doch nun „belohnt“ werden zu müssen für die Mühen, die ich auf mich genommen hatte, um trocken zu werden und ich hab damals verdammt hart kämpfen müssen.
Und niemand kam vorbei und servierte mir ein problemloses angenehmes Leben mit einem vorgefertigten Plan von netten Freizeitaktivitäten, einem sinnvollen, entspannten Job und einer Horde netter Mitmenschen für tiefschürfende Gespräche und Hobbies.
Es hat gedauert bis ich mich mit dem Gedanken abfinden konnte, dass von mir erwartet wurde, dass ich mich selbst einrichte, übrigens wie jeder andere Mensch auch, mit oder ohne Suchtproblem ;-).
Die Welt ist voll von Leuten, die vor sich hindümpeln, sinnlos, ewig gelangweilt, tottraurig, ohne Träume. Dafür muss man sich nicht vorher durch ein Suchtproblem „qualifizieren“, das geht auch ohne.
Ich will zugestehen, dass ein Mensch ohne Alkoholproblem nicht unter Suchtdruck leidet, der trifft uns ja mehr oder weniger mit unvermittelter Härte.
Ein Mitglied unserer Gruppe damals ging in den Garten und hackte Holz wie ein Berserker, wenn es ihn erwischte. Ich hatte leider keine hauseigenen Birken zur Verfügung und habe eine ganze Reihe abscheulicher ägyptischer Stickbilder hergestellt und die Rahmen dafür selbst gezimmert. Jedes Mittel war legitim, um da durch zu kommen.
Und wenn die letzten Jahre, Jahrzehnte alles nur so irrsinnig toll war, weil wir dabei gesoffen haben, frage ich mich, was wir verkehrt gemacht haben…
Kneipen waren früher toll. Viel früher! Als die Leute auf dem Dorf und in Stadtteilen noch zusammen kamen und sich unterhalten haben. Oft wurde sogar an Wochenenden getanzt, ich kenne das noch von meinen Eltern.
Da ich heute das Gefühl habe, dass Leute grundsätzlich nur noch zum Trinken in Kneipen gehen und nebenbei oberflächlich geschwafelt wird, meide ich Kneipen. So einfach ist es. Ich kann mit dem Gesülze einfach nichts anfangen und lege keinen Wert darauf, von Jemandem angebaggert zu werden, der mit 1,7 im Turm zugange ist.
Ich habe eine Menge Selbstversuche hinter mir in jeder Disziplin. Doch wenn ich mit 100 Leuten auf einer Klippe stehe, die alle gemeinschaftlich beschließen, sich in den Abgrund zu stürzen, dann trete ich gern lächelnd einen Schritt zurück in dem Bewusstsein, dass ich mich nicht der Masse anpassen und auch nicht alles selbst ausprobieren muss, um für mich den richtigen Weg zu finden.
Normal ist relativ oder sollte es sein. Wenn nicht, müssen wir wieder von vorn anfangen ;-).
Ausharren, durchhalten und aushalten ist nicht Jedem gegeben, wir sind alle unterschiedlich gestrickt. Ich habe irgendwann aufgehört, rumzuklingeln und angefangen, mich zu bewegen. Es geht mir besser damit.
Ich wünsch Dir was.
Gruß
Mitch