Guten Morgen Estadox,
das klingt ja schon ganz anders :-). Manche von uns müssen wirklich immer wieder sämtliche Grenzen überschreiten, bis sie endlich von Anderen ausgezählt werden. Es ist kein Leben mehr, wenn wir abhängig trinken müssen, weder für uns noch für unsere Partner oder Angehörigen.
Ich denke, Du kannst aufhören zu hoffen. Du hast das Ruder in der Hand, Du bestimmst, wo es lang geht – vertraue Dir selbst und lass Dich nicht weiter beherrschen.
Wir haben immer mindestens zwei Möglichkeiten: Wir können uns in den Ecken herumdrücken, verschämt Menschen unseres Vertrauens eingestehen, dass wir Alkoholiker sind und uns den Rest unseres Lebens bedauern, weil wir uns quasi selbst eine Fluchtmöglichkeit genommen haben und nun nicht mehr trinken „dürfen“. Davon halte ich persönlich ja gar nichts ;-).
Wir können uns aber auch gerade machen, etwas für uns tun, für den Kopf, die Seele und den Körper und uns all die Vorteile bewusst machen, die es hat, wenn wir nicht abhängig trinken müssen.
Ich erinnere mich z.B. mit Schaudern an stundenlange Diskussionen an Wochenenden, wo krampfhaft überlegt wurde, wer nun mit Kutschieren dran ist, damit der Rest sich volllaufen lassen kann. Das artete teilweise direkt in Zickereien und Streit aus. Heute setze ich mich in mein Auto, fahre, wohin ich will und kann vor allem jederzeit wieder fahren, wenn es mir nicht mehr gefällt. Das ist für mich ein Stück Freiheit.
Hat man keine körperlichen Schäden davongetragen, fühlt man sich nach spätestens 14 Tagen um ein Vielfaches besser. Dies wirkt sich natürlich auch auf das Selbstbewusstsein aus – das hast Du bei Deiner Trinkpause sicherlich selbst bereits bemerkt.
Ein Freund moserte neulich herum wegen all der trockenen Alkoholiker, die dauernd davon faseln, was für ein schönes Leben sie jetzt hätten, nur weil sie mit dem Trinken aufhören konnten. Ich musste zwar schmunzeln, weil er teilweise recht hat: Ein schönes Leben bekommst Du nicht automatisch serviert, wenn Du abstinent lebst, dafür muss jeder Mensch etwas tun, ob er suchtkrank ist oder nicht, aber ich habe ihn auch gefragt, ob er sich nicht bereits besser fühlt, wenn das Zittern der Hände, der glasige Blick, das aufgedunsene Gesicht, das Trockenkot*en, etc. wegfällt und er sich nicht mehr notfallmäßig ins Krankenhaus einliefern lassen muss, weil ihm seine Bauchspeicheldrüse um die Ohren fliegt.
Als Antwort kam: „Na ja, schon…, aber…“
Da lehne ich mich zurück und warte geduldig weiter, bis er sich vielleicht doch noch mal für das Leben entscheidet, aber ich spare mir die Puste und zähle ihm nicht weiterhin die Vorteile auf.
Genauso wenig würde ich Dich „zerreißen“ wollen wegen Deiner Eigenmedikation, denn ich bin nicht für Dich verantwortlich.
Ich kann nur für mich sprechen: Ich weiß, was Alkohol in Verbindung mit Psychopharmaka anrichten kann, denn ich habe es oft genug bei Anderen gesehen.
Mir ist bewusst, dass selbst Ärzte und Fachkräfte oft erstaunlich wenig wissen über die Alkoholkrankheit und die Gefahren des kalten Entzuges und würde da gar nichts riskieren, auch wenn Jemand sagt, dass er das Ganze bereits 27 Mal erfolgreich durchgezogen hat. Beim 28. Mal setzt vielleicht seine Atmung aus und er stirbt. In meinen Augen ein lächerlicher Tod, der vermeidbar wäre. Ich mache den kontrollierten Entzug ja schließlich, um zu leben, für die Alternative müsste ich mich vorher nicht so quälen.
Für mich war es zudem unglaublich wichtig, anderen Menschen im realen Leben mitzuteilen (mitteilen, nicht bekennen, zugeben, gestehen, sich outen, etc.), dass ich Alkoholikerin bin, damit ich mir selbst diese Tatsache bewusst machen kann. Das war für mich der schwierigste Schritt, da ich mich zunächst geschämt habe, weil ich nicht allein aus der Sucht aussteigen konnte.
Vom Arzt benötigte ich medizinische Hilfe, Freunden wollte ich mich anvertrauen und in den SHG´s habe ich erfahren dürfen, dass viele Menschen betroffen sind, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Beruf. Ich war mit meinem Problem nicht allein und konnte mich dann an die Arbeit machen, anstatt mich mit irgendwelchen Ängsten oder dem Schamgefühl herumschlagen zu müssen. Dieser Schritt hat mir mehr weitergeholfen als alles Andere, denn versteckt hatte ich mich vorher zur Genüge mit meinem Problem.
Ich sehe den Alkohol auch nicht als Feind an. Zuverlässig und immer griffbereit hat er mich auf meinen eigenen Planeten gebeamt. Nur habe ich ihn letztendlich missbraucht und dafür forderte er Teile meines Körpers, meines Geistes und meiner Seele, meine Würde und mein Selbst-Bewusstsein wollte er ganz. Ich bin nicht mehr bereit, diesen Preis zu zahlen und mich zu einem selbstmitleidigen Jammerlappen degradieren zu lassen.
Nun muss man wieder mit mir rechnen, kann aber auf mich auch zählen und handzahmes Schäfchen, das aus lauter Schuldbewusstsein brav hinterher trabt und sich auf platteste Art manipulieren lässt, war gestern.
Abstinenz ist nur der Anfang, dann kommt erst der Brocken Arbeit, aber es lohnt sich, versprochen ;-). Das einzig Schöne an unserer Krankheit ist ja, dass wir sie selbst stoppen können.
Dir einen schönen Sonntag.
Liebe Grüße
Katha