Mein Körper war jetzt frei vom Gift, aber nicht mein Kopf. Die wirkliche Arbeit stand mir jetzt bevor und Probleme gab es mehr als genug. Das erste nahm mich gleich bei meiner Entlassung in Form meiner Schweigermutter in empfang. Den ganzen Weg nach hause hagelte es Vorwürfe. Wie ich meinen Mann so blossstellen konnte indem ich mit meiner Sauferei ins Krankenhaus gehe anstatt einfach damit aufzuhören.
Zuhause empfing mich ein Kasten Bier gleich hinter der Tür. Mein Mann war arbeiten, die Grossen in der Schule die Kleinste bei meiner Mutter. Ich habe mich umgezogen, bin zum Bus gedackelt und erst mal zu meiner Mutter die Kleine abholen. Dann habe ich mich um meine Termine gekümmert.
Bei der Suchtberatung war mir sehr schnell klar das ich eine ambulante Therapie wollte, schon wegen der Kinder. Davon war der Therapeut nicht sehr begeistert nachdem er hörte das mein Mann auch säuft. Hat dann aber nachgegeben weil ich stur und dumm wie ich damals war sonst sicher nicht gegangen währe. Auf einer Option hat er aber bestanden, das, sollte ich trinken die Therapie sofort in eine stationäre gewandelt wird. Damit konnte ich leben, ich wusste zwar nicht was ich wollte, aber dafür sehr genau was ich nicht wollte und das war je wieder Alkohol trinken.
Bis die Therapie beginnen konnte wurde ich in einer sogenannten Auffanggruppe betreut. Wir trafen uns ein mal die Woche. Ich stolperte zwar täglich über irgendwelche Flaschen blieb aber eisern. Ich hatte das Gefühl das mein Mann noch mehr Alk als sonst nach hause schleppte um mich zum Rückfall zu verleiten. Dieser Gedanke hat mich richtig wütend gemacht und nun wollte ich es Ihm erst recht zeigen das ich ohne kann. Wie oft habe ich meinen Sohn gebeten die Flaschen zu verstecken das ich sie nicht sehen musste.
Die Therapie lief dann so ab, das ich jede Woche 3 Stunden Gruppengespräche hatte, dazu kamen noch alle 14 Tage Einzelgespräche, bei Bedarf öfter, und 1 mal im Monat ein Gespräch mit den Angehörigen. Dahin kam mein Mann natürlich nie mit. Ich bin da 1 Jahr lang brav hingedackelt und habe mit meiner Diskutiererei und Sturheit die Therapeuten jede menge Nerven gekostet. Sie waren so manches mal der Meinung ich bin kurz vor einem Rückfall, schon erst recht wenn zu hause immer Alkohol rumsteht.
Mir war schon klar das es sehr viel einfacher gewesen wäre wenn ich mich damals schon von meinem Mann getrennt hätte. Ich hatte damals die Hoffnung ihn doch noch zu überzeugen auch aufzuhören.
Ich habe lange rumgeeiert, aber nicht getrunken. Kurz vor Ende der Therapie ist dann etwas mit mir passiert es hat irgendwie klick gemacht. Ich weiss nicht wie ich das beschreiben soll. Von Heute auf Morgen habe ich meine Art zu denken geändert. Die Krankheit also solche akzeptiert. Ich habe begriffen das es Dinge gibt die ich einfach nicht ändern kann, egal was ich tue, die ich einfach so hinnehmen muss. Von da an brauchte ich nicht mehr gegen den Alkohol zu kämpfen, er war mir egal geworden. Es störte mich nicht mehr, wenn jemand neben mir stand und trank, kein Neid mehr das ich das nicht mehr darf. Keine Verzichtsgefühle mehr. Es gab nur noch "ich will nicht, weil ich es nicht mehr brauche."
Ich hatte mein Ziel erreicht, ich war zufrieden trocken. Die Therapie war zu ende, den Führerschein bekam ich danach auch schnell zurück. Mein Leben normalisierte sich. Ich habe noch ein Jahr lang versucht nun auch meine Mann zur Therapie zu bewegen, aussichtslos, er war seiner Meinung nach ja nicht abhängig. So haben wir uns schliesslich getrennt. Er hängt immer noch an der Flasche.
Es war natürlich nicht einfach die erste Zeit allein mit den Kindern. Das Geld war knapp, aber auf jeden Fall besser als der ewige Streit. Ich fand bald wieder einen Minijob und es wurde leichter. Meine Grossen fingen an mich mit in die Disco zu nehmen, ein sehr kleiner, fast familiärer Laden. Ich habe mich dort sehr schnell mit den Stammgästen und dem Personal angefreundet, meine Krankheit habe ich nicht verheimlicht. Keiner hat ein Problem damit das ich nicht trinke. Die Meisten setzen sich mit einem Kaffee oder einer Kola zum klönen zu mir weil ich immer ein offenes Ohr habe und nie benebelt bin.
Ich habe heute wieder einen grossen Freundeskreis, das alter reicht von 18-80. Ich habe Selbstvertrauen, weiss wer ich bin, kann über mich selbst lachen. Ich muss es niemandem mehr recht machen, ich bin nur noch für mich und meine Kinder verantwortlich. Ich bin glücklich. Dazu trägt auch mein neuer Lebensgefährte bei den ich vor gut einem Jahr in "meiner" Disco kennen gelernt habe. Er ist mir ein aufmerksamer Gefährte und meinen Kindern ein liebevoller Vater. Einfach ein Traummann.
Es war ein sehr langer harter weg bis hier her, ich bin glücklich ihn gegangen zu sein.
Mein grösster Dank gilt meiner Nachbarin, danke Marianne, du hast mir das Leben gerettet.