Danke dir, Matthias. 
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Da ich nicht mehr genau weiß, an welchem Tag vor drei Jahren ich zum letzten Mal Alkohol getrunken habe und mit welchem Datum dementsprechend mein trockenes Leben begann, ich aber für meine RL SHG ein Datum nennen sollte, damit mir dort gratuliert werden kann :), habe ich mir vor einer Weile bereits diesen Tag ausgesucht, den fünften November. Ich weiß, dass ich vor drei Jahren am 31.10. noch getrunken habe und in der Woche darauf mit meiner Hausärztin gesprochen habe. Der 05.11.2013 ist daher der Tag, den ich als den Beginn meines trockenen Lebens gesetzt habe und als solchen auch feiere, innerlich.
So ein Jahrestag ist ja auch immer eine Gelegenheit, um zurückzuschauen, obwohl ich langsam begreife, dass Zurückschauen manchmal das Heute zu kurz kommen lässt. Was ich aber nicht möchte ist, die Augen zu verschließen vor dem, was war, weil ich es schlimm und schrecklich finde und mich schäme. Ich möchte mich erinnern und Trauer und Mitgefühl und Verantwortung spüren, nicht Versagen, Ekel und Schuld.
Ich merke, dass mein Gefühl für mich als Alkoholikerin sich wandelt im Laufe meiner ja erst dreijährigen Trockenheit. Und das tut es erstaunlicherweise (scheinbar) ganz von selbst, wenn ich den Raum und die Zeit dafür bereitstelle. Die Zeit: indem ich trocken bleibe, und den Raum: indem ich mich nicht verschließe sondern öffne für die Erfahrungen anderer und für meine eigenen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, die Raum haben dürfen, die sein dürfen ohne Bewertung.
Es scheint paradox: Durch das Annehmen dessen, was ist, ermögliche ich Veränderung. Indem ich Ja sage zum Hier und Jetzt, bewege ich mich im Fluss des Lebens. Durch das "anders sein wollen" und kämpfen, verleugnen, schämen, verhindere ich Veränderung, spüle mich quasi selbst ans Ufer und wundere mich, dass ich nicht vom Fleck komme, sondern im Schlamm steckenbleibe. (Um mal bei dem Bild vom Fluss zu bleiben :))
Genauso, wie das heute für mich gilt, galt das auch für die Anfänge des Trockenwerdens. Indem ich mich jahrelang im Kampf befand gegen das, was ist (Ich bin Alkoholikerin), verhinderte ich die Heilung.
Bei mir war das Loslassen, das Annehmen, (die berühmte Kapitulation) nicht ein einzelner Moment, sondern ein Prozess, der noch immer andauert. Wenn ich also heute mit einem Freund spreche, der ganz am Anfang steht und Angst hat, loszulassen, der immer noch im Kampf ist und sich festklammert ("vielleicht bin ich gar kein Alkoholiker") dann kann ich das gut verstehen, weil es mir selber lange so ging. Aber ich kann ihm jetzt erzählen, dass ich nicht fortgespült worden bin, sondern dass ich mich getragen fühle, umso mehr, je mehr ich annehmen kann, was ist, und wer ich bin.
Thalia