Tausend Dank ihr beiden! Ich freue mich sehr, dass ich verstanden werde und dass Girasole, die den Weg ja schon so viel länger gemeistert hat, mich auch nachempfinden kann! Danke an dieser Stelle, ich habe dein Tagebuch gelesen und in so vielen Punkten gedacht - gruselig! Das ist ja wie bei mir!! Lach, aber es hat mir damals sehr weitergeholfen, mir auf die Schliche zu kommen.
Andererseits ist mein Labertalent auch ein Fluch. Ich schaffe es, mich damit so derartig selbst zu belügen und mir das dann auch noch zu glauben ... sagenhaft.
Eigentlich ist es schade, dass die meisten hier aufschlagen, wenn die Beziehung schon schwer am Kippen ist, denn dadurch wirkt alles so viel dramatischer, als es anfangs oft ist.
Ich knöpf mir deshalb mal den Abschnitt über deinen Ex vor, Kalliope. Bitte bedenke: Ich schreibe subjektiv geprägt, setze meine Erfahrung und Gedanken ein, aber weiß, dass du ganz andere Motive und Gefühle haben kannst. Ich mache es, weil ich die von dir beschriebene Situation so gut zu kennen meine. Bei mir war ja auch nicht immer alles rabenschwarz. Also nicht übel nehmen, wenn du dich nicht richtig getroffen fühlst. Alles was ich schreibe ist von meinem persönlichen Bild geprägt. Und manches scheint sich dennoch auch in anderen Suchtbeziehungen wiederzufinden.
Ein paar Dinge, die mir als schleichender Beginn in deinem Co-Denken auffallen. (Ohne Gewähr - nur als Denkanstoss, ob da was dran sein könnte)
Zitat von Kalliopi
Okay. Ich versuche mal ein bisschen konkreter zu werden, auch wenn ich es sehr ernstnehme, im www nicht über jemanden anderen zu schreiben. Das, was er tut, sind viele kleine, manchmal auch nur ganz winzige Schritte. Zum Beispiel das, was ich einige Posts weiter oben beschrieben habe: Er sagt eine Party ab, die für ihn früher ein sehr willkommener Anlass gewesen wäre. Heute geht er den alten Kumpanen, die er dort getroffen hätte, lieber aus dem Weg. Und: Er hat, dadurch dass er sich mit dem Geburtstagskind nun irgendwann einfach mal so treffen will, aus dem Verzicht auf etwas (die Party und den Alkohol) auch noch einen Mehrwert gemacht (ein entspanntes Treffen mit einer lieben Bekannten).
Sowas sind zwar nur Mini-Schritte, aber im Vergleich zu dem Verhalten, was er früher an den Tag gelegt hat, ein himmelweiter Unterschied.
Was mir auffällt: Du stilisierst seine Partyabsage zu einer kleinen Heldentat ... im Rahmen einer Therapie wäre es das vielleicht auch. Aber so beseteht ebenfalls die Möglichkeit, dass er eh keine Lust hatte und es zu einem Akt des Verzichts erklärt. Das mag sein, muss aber nicht. Ist auch nicht wichtig. Es geht um die Selbsttäuschungsfallen des Partners.
Es ist ist auffällig, wie stolz du darauf bist, wie viel Hoffnung dir diese Tat macht und was du in sie interpretierst: Er hat nicht nur verzichtet, nein er hat sich auch was Gutes getan! das ist doch ein gutes zeichen!
Bedenke, er ist nicht in professionellen Händen. Entzug und Trockenbleiben auf eigene Faust, bewährt sich leider, leider nur sehr, sehr selten und ist selbst von Profis begleitet, harte, konsequente, andauernde Arbeit an sich.
Du möchtest aber gerne, dass seine Strategien aufgehen, das beeinflusst deine Interpretation und führt leicht in eine selektive Wahrnehmung. Rückfälle können dadurch verzerrter wahrgenommen werden, denn der arme Schlupp hat sich ja so eine Mühe gegeben, das hat man ja live und in Farbe miterlebt ... Und die Sucht ist so stark. das muss man doch verzeihen! Nur ein Unmensch würde gehen, wenn der Geliebte am Boden ist.
Zitat von Kalliopi
Er verlor seinen Job. Wegen des Alkohols. Da war mir schlagartig klar: Das sind nicht einfach nur seltsame Trinkgewohnheiten. Niemand geht "freiwillig" besoffen zur Arbeit, da steckt ein Zwang dahinter. Eine Sucht. Danach hat er sich mir komplett anvertraut, erzählt, dass er Jahre zuvor schon einmal eine Therapie gemeistert hat und ein Jahr trockengeblieben war. Er weiß also ganz genau, was los ist. Und wie es geht.
So wie du alles theoretisch über Co-Abhängigkeit weißt ... 
Sucht hat nichts mit Wissen zu tun. Sucht in den Griff zu bekommen bedarf einer Sache nicht: Halbherzigkeit.
Wenn du krank bist, gehst du zum Arzt. Zur Therapie. In den Entzug. Fünf Monate, wenns sein muss. Genausowenig, wie man ein ausgerissenes Auge auf eigene Faust sinnvoll kuriert, kann man die Alkoholkrankheit mit einem Strauß guter Vorsätze kurieren. Es ist keine Willenschwäche! Es ist eine Krankheit!
Ob er das sieht ist seine Sache. Mich interessiert eigentlich nur, ob du es erkennen kannst. In deinem eigenen Interesse. Ihn kannst du im Zweifel ohnehin nicht retten.
Aber du bist jetzt seine Vertraute, wie du schreibst ... das nimmt dich in die Pflicht, seine autodidaktischen Hampeleien mit Lob und mildem Tadel oder wütendem Geschrei zu unterstützen. Oder du spaltest dich ab, weils sonst unerträglich wird. Flüchtest dich Selbstbetrug und Hobbies. Geht doch! Und wieder sind sechs Monate verstrichen.
Als Vertraute ist man ein besonderer Mensch, ein Mittelpunkt für denjenigen, der sich schwertut, zu vertrauen. Mit Geheimnissen geht man achtsam um, und das Vertrauen verletzt man nicht durch Abgrenzung. Wenn du jemandem vertraust und er dir, dann kannst du dich nicht mehr abgrenzen. Denn dann glaubst du, ohne zu wissen. Das heißt Vertrauen nämlich.
... Und bewährt sich leider nicht so gut in Beziehung zu einem Süchtigen. Es verändert den Filter, durch den du siehst und kann ein Schritt in Richtung Co-Verhalten sein. Co fängt nämlich im Kopf an.
Zitat von Kalliopi
An diesem Punkt also hat er sich vorgenommen, einen neuen Versuch in ein trockenes Leben zu wagen. Seitdem bemüht er sich, große und kleine Probleme nicht mehr runterzuschlucken (oder vielmehr zu spülen), sondern er redet endlich darüber, er geht die Dinge an und setzt sich damit auseinander. Er versucht immer mehr wahrzunehmen, was ihm gut tut und was ihm nicht gut tut. Ich glaube ihm auch, dass er sich nüchtern wohler fühlt, dass er sich inzwischen etwas erarbeitet hat, auch in seinem neuen Job, das er eigentlich nicht wieder gefährden will.
Kein Süchtiger will seine Existenz willentlich gefährden. Und solange sie können, führen Alkoholiker oft ein funktionierendes Leben. Die wenigsten sind obdach- und zahnlos.
An einem Alkoholiker zerren auch zwei Bedürfnisse, zwischen denen er wählen muss. Und Ethanol ist ein verdammt starker Löwe. Oft stärker als Liebe, Job, Kind und Auto.
Siehst du es? Er redet endlich! Und das vermutlich bevorzugt mit seiner Vertrauten. Das ist ein so großer Fortschritt und kostet ihn so viel Mühe. Und du rückst in den Mittelpunkt. Allerdings kostet ihn das Reden über die Unbilden des Lebens nicht ganz so viel, wie den unbequemen Weg einer Therapie und ärztlicher Begleitung zu gehen. Er hat bestimmt viel gelitten. Seine Probleme, seine Vergangenheit zu kennen - verändert das deinen Blick? Oder kannst du noch ungetrübt das Suchtschema erkennen, das uns alle gleich macht, ob schlimme oder gute Kindheit? Das, was er tut und nicht, was er redet?
Wir sind verführbar, wenn wir verliebt sind. Wir fühlen mit. Wir werden hereingesaugt. Wir erzählen uns die Geschichte über uns zwei, die wir gerne hören wollen. Tatsache ist: Ein bisschen mit nicht-Abhängigen über die Gefühle aus der schweren Kindheit zu reden, heilt nicht vom Alkoholismus.
Hier bei den trockenen Alkoholikern, vor denen ich einen Riesenrespekt habe, kannst du lesen, welche Maßnahmen wirklich Erfolg haben. Vergiss das nicht, egal wie sehr er dich hypnotisiert.
Wenn du nach statistischen Werten gehst und dein Freund vermutlich nicht in Eigenregie seine Krankheit stoppen wird - ändert das etwas an deinem Bild von eurer Zukunft? Bist du bereit einen Weg mit ihm zu gehen, der zu einem guten Prozentsatz nichts bringen wird? Bist du bereit dich darüber nicht zu belügen?
Ich spreche aus Erfahrung und bin wahrlich kein Vorbild
ich bin so lange mitgegangen, war Coach und Mülleimer, auf-Händen-Getragene und chronisch Belogene. Ich nehme es nicht persönlich. Er wollte mir nicht schaden, aber noch weniger wollte er seiner Sucht schaden. Denn im Leben eines Abhängigen steht der Stoff an allererster Stelle. Das ist das Wesen der Sucht. Kommst du mit Platz zwei klar?
Zitat von Kalliopi
Eigentlich. Denn: Es fehlt, so empfinde ich es zumindest, die letzte Konsequenz. Also das bedingungslose Azeptieren, dass es nie wieder ein kontrolliertes Trinken geben kann. Das weiß er zwar ganz genau, aber ich glaube, tief in seinem Inneren steckt da noch ein Fünkchen Hoffnung, dass das vielleicht doch irgendwann wieder möglich wäre. Und so gibt er der Sucht in unregelmäßigen Abständen von mehreren Wochen und Monaten doch wieder mal einen Abend lang nach.
Richtig. Und solange diese Konsequenz fehlt, sind seine Versuche nicht Abstinenz, sondern Trinkpausen.
Ein Krebskranker würde vermutlich drei Monate in ein Erdloch gehen und sich von Bienen ernähren, während ein Irrer guatemaltekischer Gefangener ihn durchkitzelt, wenn er dadurch gesund würde. Dem Tod durch den Tumor entginge.
Die Bereitschaft alles dafür zu tun, die Krankheit aufzuhalten, muss da sein. Ich habe einige trockene Alkoholiker in der SHG kennenlernen dürfen - bei denen spürst du das. Die verteilen auch selten mehr die Schuld (böse Eltern, böse Exfrau, böse Welt. Darauf kam ich durch dein "endlich". Er hatte es wohl schwer und hat dich in seine Probleme, die erklären und Mitgefühl wecken eingeweiht. Macht die innere Abgrenzung nicht leichter.)
Ich glaube, die Verstrickung ist schon da. Vermutlich per se durch das Wesen der Partnerschaft gegeben.
Warum schreibe ich das Alles? Ich möchte gar nicht an dir rumzerren und tu es doch. Aber du scheinst so aufmerksam zu sein, dass du hierher kommst, obwohl deine Liebe noch relativ frisch und die Wunden noch gar nicht so groß und das Denken noch gar nicht jahrelang so eingefahren sind. Du hast ein gutes Gespür für Unstimmigkeit und dich. Mach was draus! Ich finde es schön, ein bisschen daran teilzuhaben.
Ich habe oft überlegt was ich der zwanzigjährigen Ahoi sagen würde, wenn ich sie heute träfe. Vermutlich das, was ich dir schreibe. ich würde ihr sagen: "Wenn es sich ungut anfühlt, ist es das auch. Glaub deinem Gefühl und deinem Körper und nicht deiner verpeilten eigenen Laberbirne! Und egal was er dir wie überzeugend erzählt, schreibs dir hinter die grünen Matrosinnen-Ohren: Ohne Therapie geht es nicht!"
Pass auf dich auf!
Ahoi