Hallo atze!
Das liest sich ja schon mal gut. Glückwunsch.
Gruß Carl Friedrich
Hallo atze!
Das liest sich ja schon mal gut. Glückwunsch.
Gruß Carl Friedrich
Um nicht den Kopf zu verlieren?
Arbeit: Planen und sortieren in eilig, weniger eilig und kann bis nächstes Jahr warten. Pausen machen, am besten an frischer Luft und allein, keinen schwätzenden Kollegen mitschleppen.
Freizeit: Abschalten durch ein paar sportliche Einheiten und wenn es nur ein längerer Spaziergang ist, mind. 2x die Woche ins Fitnesstudio und am Wochenende mal für ein paar Stunden in die Sauna, egal ob mit Familie oder allein, ich brauch das einfach.
Mein Fazit: Arbeit, Freizeit und Erholung ins rechte Maß bringen. Auszeiten sind das A und O und zwar ohne Handy! Ausschalten das nervige und nur scheinbar so wichtige Teil.
Nur zur Klarstellung: Ich war nicht auf dem Markt, ich bin am Rand an ihm vorbeigekommen, da es der kürzeste Weg nach Hause war. Der betreffende Markt befindet sich bei uns auf einem eigens zu diesem Zweck abgesperrten nahezu quadratischen Parkplatz in der Innenstadt. Diesen haben wir gar nicht betreten. Das ist für mich was anderes, als ein Besuch "auf" dem Markt. Da wir zu Fuß unterwegs waren, war es der kürzeste Weg nach Hause, vergleichbar mit der einen oder anderen Kneipe, an der ich vorbeikomme, aber nicht rein gehe.
Wir sind am Wochenende am frühen Abend am örtlichen Weihnachtsmarkt vorbeigekommen, da er auf unserem Weg nach Hause liegt. Schon um die Buden am Rand wehte ein deutlich wahrnehmbarer Geruch von Glühwein, nein Gestank ist zutreffender. Der Anblick ließ mich kalt, aber die Ausdünstungen des billigen Fusels waren unerträglich. Dank des Windes mittlerer Stärke wehte es auch ordentlich um alle Hütten herum.
Mein Therapeut meinte nur, dass trockene Alkoholiker eine verdammt sensible Nase für den Stoff entwickeln. Er hat Recht.
Wie ließen den Markt links liegen. Suchtdruck löste er nicht aus, nur war mir sofort klar: "Hier bin ich komplett verkehrt". Der Gestank rief innere Unruhe und Unwohlsein hervor. Gleichzeitig wunderte ich mich, dass mir so was früher gar nichts ausgemacht hat.
Weihnachtsmärkte habe ich in meinem Leben genug gesehen, auf sie kann ich bis auf weiteres gut verzichten.
Bei vielen muss der Anstoß von außen kommen, bei mir von der Familie, bei anderen durch den Arbeitgeber oder Freunde bzw. der anstehende Besuch beim Psychologen aufgrund einer angeordneten MPU. Ab dem Zeitpunkt ist man demaskiert. Die Wahrheit, die man selbst nur zu genau weiß, ist raus. Man kann sich nicht mehr verstecken. Das hat bei mir den Stein ins Rollen gebracht.
Aber wie Karsten völlig zu Recht schrieb, gehören stets 2 dazu, einer der hilft und einer der Hilfe empfangen will. Ich meine aber nicht, dass man so tief gesunken sein muss, dass man auf der Straße vegetieren oder gar der Tod bereits heftig an die Pforte geklopft haben muss, um als Süchtiger für Hilfe zugänglich zu sein.
Vielleicht kann thalia , ihrem/ihrer Bekannten anbieten, einen Kontakt zur Suchtberatung herzustellen? Auch ein Hinweis auf dieses Forum käme in Betracht. Das fällt mir dazu ein. Und dann kann sie nur abwarten und ggf. gut zureden. Dann liegt der Spielball in der Hälfte des Betroffenen, um es mal bildlich auszudrücken.
Hallo Pipboy!
Die Nummer mit dem Weihnachtsmarkt heute war für einen gerade mal notdürftig trocken gelegten Alkoholiker schon eine gewagte Nummer. Es geht nicht darum, dass Du mannhaft und vor Kraft strotzend an den Saufbuden vorbeigehst getreu dem Motto, der Alk kann mich mal. Die dort anzutreffende Atmosphäre bestehend aus Düften und Personen nebst vorweihnachtlicher Stimmung kann enormen Suchtdruck auslösen. Nicht unbedingt sofort auf dem Markt, sondern ggf. später.
Auch deine sonstige Vorgehensweise ohne Doc solltest Du noch mal in aller Ruhe überdenken.
Jetzt sind mehr als 7 Monate meines neuen Lebens rum. Ich genieße es, bei klarem Verstand ohne morgendlichen Kater zu sein. Die Vorweihnachtszeit lässt mich (noch) kalt. Auch die zahlreichen Spezialangebote in den gängigen Prospekten berühren mich nicht. Ich staune nur, wie hoch der Anteil an alkoholischen Getränken in denen ist. Keine Sorge, ich blättere stets rasch weiter und merke, noch mehr von dem Zeug. Früher hätte ich ausgiebig verglichen, um mich dann im Übermaß einzudecken. Was ich da so alles einspare, kaum zu glauben. Ich schätze mal, allein im Dezember 2014 habe ich mindestens 400€ für Stoff ausgegeben. Den Betrag habe ich gleich mal zur Seite in die Urlaubskasse gesteckt.
In meiner Therapiegruppe sind mehrere Herren, die nach mehreren Jahren Abstinenz rückfällig geworden sind. Warum? Sie waren nicht mehr klar und eindeutig auf ihre Trockenheit fixiert und sind dem Suchtteufel erlegen, der ihnen erfolgreich suggerierte, sie könnten doch mal ab-und an ein Gläschen trinken. Alle schilderten, dass sie rasch wieder bei der alten Schlagzahl und drüber gelandet waren. Warum ist ihnen zumindest jetzt klar: Das ist der Kontrollverlust.
Der trockene Alkoholiker ist niemals geheilt. Er kehrt nie wieder an den Punkt zurück, an dem er früher stand, bevor er seine "Alkoholkarriere" begann. Sie versicherten mir allesamt und sehr glaubhaft, nach den ersten Gläsern und spätestens nach ein paar Tagen, lasse sich der Konsum nicht mehr stoppen und in kleinen Mengen dosieren. Dank der Unterstützung der Familie bzw. von suchtsensiblen Freunden knüpften sie wieder Kontakt zur Suchtberatung. Erst anschließend konnten sie ihre Re-Abstinenz umsetzen, z.T. mit stationärer Entgiftung bzw. zumindest unter ärztlicher Aufsicht.
Die Schilderungen dieser Herrschaften habe ich nicht nur in den Ohren, sondern sehe sehe sie auch bildlich vor mir. Ich hoffe, dieses Bild verfestigt sich bei mir als fester Bestandteil der neuen Software auf der internen Festplatte.
Gruß Carl Friedrich
Hallo Galizier!
Den Verbrecher kenne ich nur zu gut. Der meldet sich auch bei mir regelmäßig. Ich hoffe nur, es gelingt ihm nicht, mich nach der Devise "steter Tropfen höhlt den Stein" weich zu kriegen. In meiner Therapiegruppe sind mehrere Herrschaften, die dem Kerl erlegen sind. Diese "Rückfalltäter" (nicht negativ gemeint) dienen mir als warnendes Beispiel. Aufgrund des für uns typischen Kontrollverlusts sind wir nicht in der Lage "dosiert" zu trinken. Spätestens nach ein paar Tagen fallen wir in alte Trinkmuster oder gar schlimmer zurück. Wir können viel leichter ohne Alkohol leben, als den Konsum nach dem ersten Glas stoppen. Es ist also was dran an dem Spruch: "Bereits das erste Glas stehen lassen" und noch besser nach Möglichkeit gar nicht erst in unsere Nähe kommen zu lassen.
Was die Einschlafprobleme anbelangt, versuche es doch mal mit leichtem Sport an frischer Luft oder geh abends eine Stunde stramm spazieren, dass der Körper ein wenig ausgelaugt ist. Ich bin die erste Zeit noch täglich mit dem Rad größere Strecken gefahren, um mich auszupowern. Dazu 1x wöchentlich ein paar Saunagänge. Der ganze Stoffwechsel unseres Körpers muss sich erst umstellen. Bei den "Pillchen" wäre ich sehr vorsichtig, die können zur Gewohnheit werden, dann droht womöglich die sog. Suchtverlagerung zu anderen Substanzen.
Gruß Carl Friedrich
So allgemein möchte ich die bislang geäußerte Kritik an Therapien nicht stehen lassen. Diese steht und fällt mit der Qualität und Authenzität der Therapeuten. Ist halt wie in der Schule. Ist der Lehrer nicht in der Lage, sein sicherlich vorhandenes Wissen in fesselnder Weise an die Schüler zu bringen, ist der Unterricht "für die Katz".
Ich bin seit Mai in ambulanter Therapie und mit meinen bislang insgesamt 3 Therapeuten grundsätzlich zufrieden, obwohl ich gewisse Dinge sicherlich anders machen würde. Aber allein auf das Pferd Therapie zu setzen, um die Sucht in den Griff zu bekommen, wäre aus meiner Sicht verfehlt und für mich nicht zielführend.
Bislang bin ich 3-gleisig gefahren: 1.: Fachliteratur 2. Ambulante Therapie mit Einzel- und Gruppengesprächen 3. Eine SHG, sei es hier, sei es "Aug in Aug" mit anderen.
Ich sehe allmählich, wie diese Ansätze mittlerweile wie Räder einer Maschine ineinander greifen.
Jetzt zur Halbzeit meiner Therapie habe ich mich entschieden, noch einen Nachschlag zu beantragen. Wird er bewilligt, mache ich weiter, sonst läuft die Therapie im Februar/März aus. Warum ich mich für eine Verlängerung entschieden habe? Weil ich langsam merke, dass ich sie mir trotz Vorbehalten gegenüber einigen Gruppenmitgliedern -ist halt wie überall im Leben- brauche und sie mir in dem geschilderten 3-Klang weiter hilft, auch wenn ich für diese Erkenntnis Monate gebraucht habe.
Gruß Carl Friedrich
Hallo Atze!
Hast Du eine private Zusatzversicherung fürs Krankenhaus? Die könnten das übernehmen, zur Not 2 Tage einweisen lassen. Ein vernünftiger Hausarzt spielt da normalerweise mit, insbesondere, falls die niedergelassenen Spezialisten auf Monate hinaus dicht sind.
Alternativ: Kennt Dein Hausarzt keinen Spezialisten? Dann könnte er ja dort für Dich einen Termin ausmachen, ein wenig Druck ausüben, damit es zeitnah klappt.
Du hast völlig Recht, alles kein Grund zum Saufen.
Ich drück die Daumen, alles Gute.
Gruß Carl Friedrich
Kleiner Nachschlag: Eigentlich sollte man alle 18 Monate mal ein gründlichen Check machen und dazu gehört für mich auch ein Ultraschall vom Kehlkopf bis zur Blase. Macht mein Hausarzt jedes Jahr mit mir und meiner Frau (Kassenpatientin). Sicher ist sicher.
Mit dem Auto geht man zur Inspektion, nur in eigener Sache "schlampert" man manchmal etwas.
Gruß Carl Friedrich
Hallo atze!
Versuche es doch mal bei den herkömmlichen Kliniken mit Schwerpunkt "Inneres" und einer ambulanten Untersuchung. Das wird bei uns schon fast zum Standart. Allerdings habe ich als "Privater" auch leichteres Spiel. Ich rufe einfach im Vorzimmer des Chefarztes an und lass mir einen Termin geben. Klappt immer recht zeitnah.
Warum hast Du die Nieren nicht durch den Hausarzt checken lassen, Blut- und Urinwerte nebst entspr. Ultraschall. Das mache ich jedes Jahr.
In Deinem Alter, ist nicht böse gemeint, solltest Du doch eigentlich auch mal beim Urologen gewesen sein. Der ist auch für die Nieren zuständig.
LG Carl Friedrich
Ich sehe beim "Kleinen Schelm" das Problem darin, dass ihm tief im Inneren womöglich die nötige Einsicht fehlt, Alkoholiker zu sein und dies zu akzeptieren. Er marschiert in Richtung "kontrollierter Konsum". Ob er das aber hin bekommt? Nach der Praline folgt dann demnächst wohl der Glühwein oder das Bierchen mit Freunden/Bekannten und dann wird die Grenze Stück für Stück verschoben bis wieder die alte Schlagzahl oder gar mehr erreicht ist.
Ich kann nur raten, sich professionelle Hilfe zu holen.
Da greift sunshine einen Begriff aus einem der auch von mir gelesenen Bücher auf, ich meine es müsste die Suchtfibel gewesen sein, nämlich den der Kapitulation. Der hat mich schon damals gestört, da ich ihn offensichtlich etwas anders verstehe. Kapituliere ich, setzte ich mich dem Stoff und der Krankheit völlig und bedingungslos aus. Dann kann sie mit mir machen, was er will, nämlich mich zum Weitersaufen veranlassen. Dabei will ich doch gerade dessen Gegenteil erreichen.
Ich habe zum Thema Suchtdruck geantwortet. Kapituliere ich vor ihm, dann beuge ich mich ihm und fange wieder an zu konsumieren, so mein bescheidenes Verständnis dieses Begriffes.
Aber das muss halt ein jeder für sich so auslegen, wie er möchte.
Und dass Fahrten im ÖPNV eine Art Risikotest darstellen, halte ich für mich persönlich betrachtet, für eher fernliegend. Ein Bus ist keine Kneipe, kein Sektempfang und keine Brauereibesichtigung. Im Bus nähert man sich dem Alkohol nicht in riskanter Weise an. Löst er evt. Suchtdruck aus, kann man sich darauf vor Fahrtantritt mental einstellen und Gegenmaßnahmen ergreifen, z.B. eine Wasserflasche mitnehmen und trinken, ein Bonbon lutschen, in einen Apfel beißen ...
Wer aber meint, er halte keine Fahrten mit Bus und Bahn aus, der muss halt in der Tat "umsatteln".
Gruß Carl Friedrich
Hallo Panche!
Der Busvorfall: Klarer Fall von Suchtdruck aufgrund des einwandfrei funktionierenden Suchtgedächtnisses. Kenne ich von mir. In bestimmten Situationen, die früher von Alkoholkonsum begleitet waren, meldet sich genau diese Erinnerung.
Am plausibelsten ist immer noch der Vergleich mit einer Software, die langsam überschrieben werden muss.
Du hast dieser Situation erfolgreich getrotzt. Das zeigt, Du bist auf einem guten Weg. Weiter so.
Die nächsten Heimfahrten werden wahrscheinlich schon einfacher verlaufen und irgendwann verbindet Dein Gedächtnis die Fahrt nicht mehr automatisch mit Alkohol. Das heißt aber nicht, dass es sich nicht plötzlich bei einer Fahrt doch wieder meldet. Das ist halt das heimtückische an unserer Krankheit. Das Suchtverlangen kann jederzeit, auch nach Jahren, von Neuem wieder aufflackern.
Wichtig ist an so einer Situation, dass Dein Zuhause alkoholfrei ist. Sonst besteht, die Gefahr, dass Du schmachtend nach Hause kommst und meinst, doch mal ein Schlückchen probieren zu können. Und der Heimweg von Bushalte/Bahnhof sollte nicht unbedingt genau an Läden vorbeiführen, die Stoff verkaufen. Notfalls einen Umweg laufen oder wenn es gar nicht anders geht die Straßenseite wechseln. Ist auch das nicht möglich, dann Tunnelblick und schnurstracks mit Tempo an den Verkaufsstellen vorbei nach Hause.
Jede erfolgreiche Abwehr stärkt Deine Widerstandskräfte. Du gewinnst halt an Routine und um so leichter wird die zukünftige Abwehr evt. Attacken, so meine bisherige Erfahrung.
Gruß Carl Friedrich
Hallo galizier!
Schön, dass Du das Haus hier betreten hast.
Vergiss bitte nicht die Suchtberatung zu kontaktieren. Ich fahre auch mehrgleisig, Eigenstudium + ambulante Therapie + Forum hier; die reale SHG folgt gegen Therapieende.
Denk bitte daran, vor Deiner OP die behandelnden Ärzte von Deinem Problem zu unterrichten.
Und arbeite Dich durch die Grundbausteine.
Positiv ist, dass Du zumindest jetzt erkannt hast, dass es für Alkoholiker kein "kontrolliertes" Trinken geben kann, da dann der ganze Mist wieder von vorne anfängt, ist halt nur eine Frage der Zeit.
Gruß Carl Friedrich
Mit was der Suchtteufel alles seine Versuche tätigt. Meine Frau meinte heute partout, sie müsse in Anlehnung an frühere Zeiten für den mittlerweile volljährigen Nachwuchs gewisse Joghurts im 6er Kleinpack (Name lasse ich weg) einzupacken. Dessen Reaktion: "Oh die schmecken wie früher". Sogleich klingelte es im Oberstübchen: "1 Weißbier würde jetzt genau so gut wie damals schmecken." Aber ich konnte ohne Probleme widerstehen und der Gedanke an den Stoff war schnell verflogen.
Für mich heißt es, im Gedächtnis muss bei Äußerungen "schmeckt wie früher" und das an Orten, an denen ich früher getrunken habe, die Verbindung zum Alk überschrieben werden. Ich habe es auf dem Schirm.
Dann lege ich mal nach:
Heute stand in der Gruppe das Thema Weihnachtsmarkt an. Klares Fazit der beiden Therapeuten: Dort haben wir als Kranke nichts zu suchen. Punkt aus.
Ein eindeutiger Standpunkt, den ich grundsätzlich teile. Es gibt bei uns in der Nähe eh keinen wirklich schönen, sondern flexibel austauschbare mit einem hohen Anteil an "Saufbuden" und Imbissen.
Und das Risiko ist schon enorm. Man trifft diesen oder jenen, die man selbstverständlich schon ewig kennt, aber eine Zeit lang nicht gesehen hat und plötzlich ordert einer 'ne Runde und plötzlich wird einem ein Glühweinbecher in die Hand gedrückt. So war es früher, weshalb sollte es jetzt auf einmal anders sein? Und dann noch der Hinweis des Spenders: "Ach hab Dich nicht so, einen kannst Du ja ruhig mittrinken".
Daher wehre ich den Anfängen. Ist besser so, nachdem ich schon im Urlaub die eine oder andere heikle Situation überstanden habe, muss ich das Schicksal nicht noch zusätzlich herausfordern. Jetzt muss erst mal Ruhe einkehren und zwar gründlich.
Gruß Carl Friedrich
Danke für die Glückwünsche.
Klar macht der Gastronom seinen Schnitt am ehesten und am schnellsten an den Getränken. Er muss sie ja bloß ohne weitere intensive und teure Vorbereitung ausschenken.
Ja Hans, auch ich bin gerne ein Exot. Man muss sich ja irgendwie von der breiten Masse unterscheiden. Und verblüfft hat mich immer wieder die Erkenntnis, wie sehr sich das Verhalten der Menschen und Alkoholeinfluss verändert. Das mal als nüchterner Außenstehender mitanzusehen hat schon was. Und dann noch zusätzlich der Gedanke, dass man sich selbst früher auch in vergleichbarer Weise aufgeführt hat, furchtbar.
Es gibt aber noch eine Begebenheit, die ich erst heute mit meinem Therapeuten besprechen wollte, bevor ich sie poste. Dazu hat er mir ausdrücklich geraten.
Nach einem besonders guten Essen bot ich meiner Frau an, einen bestimmten spanischen Weinbrand der "besseren" Sorte zu ordern. Früher haben wir den gerne mal im Urlaub nach dem Essen getrunken. Da sie auch in bester Laune, gesättigt und zufrieden war, ließ sie sich darauf ein. Nachdem der Weinbrand mit der nötigen Zeremonie direkt vor mir serviert wurde -der Kellner dachte, er sei für mich bestimmt- ergriff ich das bauchige Glas und zog mir seinen Duft durch die Nase. Einen Trinkvorsatz hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht. Nach ca. 2 Sekunden reichte ich es dann an meine Frau weiter.
Sogleich war mir klar, das es eine sehr gewagte und leichtsinnige Nummer war, von der ich jedermann abrate. Ich habe es anschließend mit meiner Frau besprochen, dass es einem Griff in die Schlangengrube gleichkam, ich aber glücklicherweise nicht gebissen wurde.
Mein Therapeut riet mir, auf Essen und Veranstaltungen, auf denen getrunken wird, mindestens eine Armlänge Abstand vom Alkohol zu wahren, ihn nicht anzusehen, anzufassen oder auch nur weiter zu reichen, geschweige denn an ihm zu schnüffeln.
Warum habe ich so gehandelt? Das war das Suchtgedächtnis, dass mir einreden wollte, riech mal dran, um mich dann womöglich zu animieren, ihn auch zu trinken. Ich habe als Genusstrinker begonnen, in schönen und angenehmen Situationen gehörte der Stoff wie selbstverständlich dazu. Und wenn es besonders schön war, wurde ein vermeintlich edler Tropfen konsumiert. Uns ging es in der Situation zu gut. Wir waren von Trinkern umgeben. Das hat auf mein Hirn und meine Psyche eingewirkt. Da war die Gefahr der Abstinenzbeendigung exorbitant hoch.
Ich habe mir fest vorgenommen, den Ratschlag meines Therapeuten zu befolgen, so wie ich es bei weiteren Restaurantbesuchen ohnehin schon getan habe. Ein Glas Alkohol gehört nicht in die Hände eines alkoholkranken Menschen. Das habe ich in meine privaten Ergänzungsbausteine übernommen. Ich muss trotz meiner bisherigen Fortschritte noch mehr auf Risikoprävention bedacht sein.
Jetzt nach dem Urlaub stehen erst mal keine Restaurantbesuche an und die demnächst startenden Weihnachtsmärkten steuere ich dieses Jahr gar nicht erst an.
Jetzt sind ein halbes Jahr sowie der erste Urlaub rum. Hat gut geklappt. Dank konsequenter und umfassender mentaler Vorbereitung auf mögliche Drucksituationen hielt sich der Suchtdruck sogar in Grenzen. Ich hatte ihn wesentlich schlimmer, aggressiver und hartnäckiger erwartet. Sogar an meinem Geburtstag ließ er mich in Ruhe, obwohl ich mal überschlagen habe, seit wie vielen Jahren ich diesen Tag das erste Mal wieder komplett nüchtern begangen habe. Bin auf 36 gekommen, sofern ich mich noch recht erinnere.
Was mir jedoch auffiel war, dass es in gehobeneren Speiselokalen irgendwie erwartet wird, dass dort zum Essen dem Alkohol, genauer dem Wein zugesprochen wird. Wir sind ein paar Male in einem Lokal für gehobene Ansprüche eingekehrt und ich war von allen erwachsenen Gästen zumeist der einzige, der konsequent nur Wasser und zum Schluss noch einen Espresso trank. Da wird einem klar gemacht, welchen Stellenwert der Alkohol mittlerweile in der westlichen Welt hat. Als Abstinenzler wird man zu einer Art Exot, aber das hat weder mich, noch meine Frau gestört, die sich regelmäßig zum Essen ein Glas (0,2 l) Wein gegönnt hat, das jedoch außerhalb meiner unmittelbaren Griffweite positioniert wurde.
Ich werde weiter berichten.