Hallo Kerstin,
ich bin auch noch am Anfang des Weges hin zu einer hoffentlich langjährigen und endgültigen Trockenheit. Mit viel Erfahrung kann ich daher noch nicht glänzen, aber ich möchte dir trotzdem ein paar Zeilen schreiben. Meine Situation ähnelt deiner wirklich sehr. Ich habe Haus, Garten, Job, Kind, Freunde, Hobbys und eine intakte Beziehung. Warum trinkt man dann trotzdem? Weil eben nicht alles so perfekt ist, wie es scheint - oder in meinem Fall zu perfekt. Ich habe unglaublich hohe Ansprüche an mich selbst, mache mir oft zu viel Stress um einem "perfekten" Ideal hinterherzurennen, dass ich niemals erreichen werde (und das auch kein normaler Mensch erreichen möchte). Unter diesem Druck bin ich irgendwann zusammengebrochen und der Alkohol hat mir geholfen. Mein Leben ist in eine Schieflage geraten, ich habe mich viel zu wenig um mich selber gekümmert.
Auch wenn man ein scheinbar "perfektes" Leben führt, gibt es immer einen Grund, warum man trinkt. Kannst du dich noch erinnern in welcher Gefühlslage du warst, als du zur Flasche gegriffen hast? Welches unangenehme Gefühl oder welche Situation musstest du dir denn schön saufen? Wenn es dir doch immer super ging, hättest du dich ja nicht mit Alkohol betäuben müssen ...
Oftmals verlernen Alkoholiker auch Gefühle genau zu benennen und Wissen augenscheinlich gar nicht, warum sie gerade trinken. Mir fällt es manchmal auch schwer in einer Situation mit Saufdruck überhaupt erstmal zu identifizieren, welches Gefühl mich da gerade nervös macht. Ist es Langeweile, Einsamkeit, Überforderung, Wut, Angst, Trauer ... das zu erkennen fällt mir nicht immer leicht. Vielleicht hörst du ab und zu mal etwas intensiver und geduldiger in dich hinein und bekommst dann die ein oder andere Erkenntnis. ![]()
So, ein langer Vortrag ist's geworden, ich hoffe du verstehst ungefähr worauf ich hinaus wollte. ![]()
Liebe Grüße,
Ina