Liebe Thalia,
wie wunderbar, dass du auf deinem Weg und dem Prozess des ihn Gehens Glück empfindest.
Das macht Mut und den brauchen wir hier doch alle.
Mich haben deine Worte sehr angesprochen 
Ich finde auch, dass für mich manches verständlicher geworden ist seitdem ich so vieles weiß über Süchte, Verhalten, Muster, neuronale Bahnen, transgenerationaler Weitergabe von Traumata (hiermit beziehe ich mich vor allem auf die beiden Weltkriege), Bindungsverhalten, Ödipuskomplex u.s.w.....
Ich glaube, das Lesen darüber hat mir geholfen nicht durchzudrehen und es hilft mir jetzt auch, da ich eine neue Arbeit angefangen habe.
Dennoch sind in meinem Umfeld so wenige Menschen bereit, sich so wie ich, in der Tiefe mit ihren Mustern auseinanderzusetzen. Das tut mir dann weh, weil ich mich so einsam fühle und weil ich sehe, wie Menschen durch ihr Verhalten andere mit in den Sog ziehen (in meinem direktem Umfeld gerade sehe ich wie 2 Menschen ihr Kind instrumentalisieren und aus dem einst fröhlichem Kind wird ein stilles, hilfloses).
Ich selber habe ja bis vor kurzem die Liebesbeziehung zu einem lieben, doch sehr unbewussten Menschen beendet, weil er trank und sich seine Welt passend redete und ich ihm als der Buhman erschien.
Ich wünsche mir so sehr in meinem Umfeld Menschen mit denen ich reden kann, Verständnis, Empathie, Vertrauen, Innigkeit, aber auch gerechtfertigte Kritik, aneinander Wachsen, Zugehörigkeit und dennoch Freiheit.
Ich muss wohl bei mir anfangen und meinem inneren Kind das geben, was es so viele Jahre entbehrte. Gleichzeitig möchte ich auch lernen, die erwachsene Frau zu sein, auch das ist ein Prozess. Ich habe mich ja in der Co-abhängigkeit jahrzehntelang an andere Menschen geklammert, weil ich dachte, ich sei nicht viel wert und die anderen so viel mehr. Ich habe meiner Wahrnehmung nicht vertraut.
Das endete in einer Depression in die ich langsam reinrutschte. Diese Phase hielt sich über ein paar Jahre. der Zusammenbruch war unausweichlich, weil ich keine Hilfe bekam, weil ich aber auch nicht mich der Hilfe würdig befand. So entstand ein Kreislauf und ein Sog, der mich mehr und mehr in die Tiefe zog.
Und dann in der Tiefe geschah aber auch etwas Gutes, denn ich, die immer so verantwortungsbewusst war, wurde auf einmal schlampig und bockig und verweigerte die Arbeit. Ja, ich wurde zur Hartz IV Empfängerin und lange Zeit juckte es mich auch nicht, denn ich dachte: "das System ist sowieso scheisse und die können mich alle mal".
Da ich aber noch im materiellem verhaftet war, habe ich einige Versicherungen geplündert. Also befand ich mich ständig zwischen den Polen. Gesellschaft oder Einsiedlertum, Auto oder Fahrrad, Konsum oder Verzicht u.s.w...........
Das waren schlimme Jahre, aber auch lehrreiche...
Und dann kam das Tief, als die Frau vom Arbeitsamt mir sagte: "ne ne, bewerben Sie sich mal gar nicht, sie sind momentan nicht arbeitsfähig und warten Sie auf den Termin beim Psychiater"....
Ne, das war dann doch zuviel. Da bin ich wach geworden, denn ich dachte: "wer bestimmt hier eigentlich über deinen Gesundheitszustand?".
Solange ich rebellierte, war es für mich okay, aber jetzt wurde ich auf einmal abgestempelt und für unmündig erklärt und das hat mir geholfen. Da erwachten wieder meine Lebensgeister und ich besann mich auf meine Stärken und da wurde mir auch klar, dass ein Leben am Rande des Existensminimums nicht die Lösung für mich ist. Und jetzt, wo ich wieder im System drin bin, merke ich, dass es dir auch ein Stück Sicherheit und Selbständigkeit gibt. Ich hatte während meiner Zeit der "Freiheit" ja auch keine Lobby, habe das aleine durchgestanden und auch nicht gejammert, denn ich hatte mich ja dafür entschieden.
Ich wünsche mir einfach mehr Menschen, die so offen sind wie ich und bei denen ich mich fallen lassen kann. Dieses ewige alleine Kämpfen, das ist schon sehr anstrengend.
Aber ich bin auf dem Weg, merke, dass ich auch viel Kraft in mir habe und das diese Jahre der Entbehrung auch ihr Gutes hatten. In dieser Zeit habe ich meine Familienverhältnisse in Frage gestellt, habe zig Bücher gelesen, war viel mit dem Fahrrad unterwegs.
Nur, wie gesagt, ich würde meinen Schatz gerne mit anderen teilen. Noch fühle ich mich recht einsam, aber ich hoffe, dass sich Türen für mich öffnen.
Jetzt ist es doch recht lang geworden, aber es tut mir auch gut und dafür ist dieses Forum ja auch da, nicht? Denn genau das ist doch wichtig, dass ich bei mir bleibe und bei meinen Gefühlen, damit ich halt nicht wieder in die Versuchung gerate, meine Leere und Traurigkeit damit aufzufüllen, an einem anderen "du" anzudocken.
Ich bin so froh, dass es auch Menschen gibt, die sich auf ihrem Weg befinden und diesen hier teilen.
Liebe Grüße an dich Thalia...
die Wildblume