Beiträge von kamarasow

    Guten Morgen,

    die Weihnachtszeit wird für einen frisch Abstinenten einiges an Kopfarbeit abverlangen. So zumindest mein Gefühl. Feste Mechanismen und Abläufe, wie der Wein zum Fest oder vorher der Glühwein auf Weihnachtsmärkten müssen angepasst werden. Ja vor allem auch die Firmenweihnachtsfeier.
    Und da landet man unweigerlich bei Karstens Frage. Ehrlichkeit zu sich selbst. Ich denke, dass nicht wenige Menschen nicht ehrlich zu sich selbst sind. Manche schaffen das ein Leben lang, ohne es selbst zu bemerken.
    Als Beispiel die Firmenweihnachtsfeier: Hand auf Herz, wer will schon mit seinen z.T. nervigen Kollegen oder auch seinen Chef freiwillig die Freizeit verbringen. Das ist doch alles Mumpitz. Einzig die Aussicht auf Alkohol lässt die Firmenfeier in einem guten Licht dastehen. Sozusagen ein schöner Anlass sich die Rübe vollzuschütten. Damit kommt auch kein schlechtes Gewissen auf, dass man wieder säuft. Denn es machen ja alle. Oder dann der Weihnachtsmarkt. Was sind denn Weihnachtsmärkte? Ein Ort der Völlerei und des Besaufens mit haufenweise Schnulli und wenigen handwerklichen Ständen. Der ehrliche Gedanke wäre: Dort gehe ich nur wegen dem Alkohol hin. Gemütliche, besinnliche und alkfreie Weihnachtsmärkte. Gibts sowas überhaupt? Es wäre überhaupt ein tolles Experiment, einen alkfreien Weihnachtsmarkt aufzumachen. Ob da jemand hingeht?

    Viele Grüße

    .. noch ein Nachtrag zum Triggern des Suchtdrucks:
    Bisher bemerke ich drei Mechanismen:
    1. visuell (Anblick von Weinflaschen, Weingläsern, ..)
    2. situativ (Momente, in denen ich sonst Alkohol trank, bspw nach dem Sport oder in Gesellschaft)
    3. Grundlast (irgendwie ein stetiger Begleiter, der aber nach und nach an Kraft verliert)

    zu 1) Im Haushalt geht das zu lösen. Sobald man aber draußen ist, wird man damit unweigerlich konfrontiert. Hier hilft mir wegschauen und 'wegatmen' (z.B. 10 Minuten-Gedanken).
    zu 2) Situative Schübe passieren sowohl zu Hause, als auch Draußen (in Gesellschaft, Sport, ..). Zu Hause hilft mir ein großes Glas Wasser. In Gesellschaft hilft auch Wasser, aber hier ist trotzdem Kopfarbeit notwendig, da es augenscheinlich komplexer ist. Ein Trick ist für mich sich z.B. mit Cola o.ä. in diesen Situationen zu 'belohnen'. Besser ist, möglichst die Situation vermeiden.
    zu 3) Die Grundlast ist noch eine große Unbekannte.

    Insgesamt fällt es nun leichter darauf zu verzichten, da man ein paar Tricks auf Lager hat und der Druck nicht mehr so groß ist. Dennoch muss man ständig aufpassen. So zum Beispiel neulich folgende Situation: Traubensaft der Kinder, weil Apfelsaft alle, am Abend. Der erste Schluck wurde wie ein ausgehungerter Mensch reingeschlungen. Es war zügellos. Der Instinkt im Körper/Kopf dachte augenscheinlich ernsthaft, dass es Wein sei. Im Kopf kribbelte es. Der Geruch und die Optik ähnelten. So muss sich wohl ein Rückfall anfühlen. Die Lehre ist, Traubensaft ist tabu.

    Hallo Ihr Lieben,
    eure Beiträge haben mir beim Verstehen geholfen. Danke dafür. Ich gebe mir nun mehr Zeit, alles nach und nach zu sortieren. Mit dem Hauptziel auf sich selbst zu achten.

    Derzeit resümiere ich viel mein eigenes Erlebtes. Stelle gefühlt viele Dinge auf die Probe. Warum machst du jenes und dieses? Hilft dir das? Entspannt dich das? Tut dir das gut? Warum? Nun, ich glaube mein bisheriger Alltag ist zu kräftezehrend. D.h., in der Regel überwiegt das Negative dem Postiven. Das schafft man schon ein paar Jahre, aber nicht auf Dauer. So entwickelt sich bei mir die Definition für Kapitulation. Die Einsicht, dass man sich dauerhaft übernommen hat. Das wird einem abstinent nach und nach bewusst. Sobald ein Wochenende mit Verpflichtungen vollgestopft ist, dann ist das Akku schon Montags leer. Obowohl man das Wochenende aber für Entspannung benötigte. Der abendliche Alkohol half die Entspannung zu 'optimieren'.

    Im Moment habe ich mein Leben nicht komplett umgekrempelt. Ist das, auch wenn es oft geschrieben wird, wirklich nötig, um trocken zu werden?

    Mein derzeitiger Plan ist, an Stellschrauben zu drehen (Aktivitäten, die die innere Anspannung lösen und das tägliche Pensum reduzieren), um wieder ein ausgeglichenes inneres Gleichgewicht herzustellen. Phasen der Anspannung müssen Phasen der Erholung entgegengestellt werden.

    Und für alles Zeit lassen. Insbesondere den Sortierarbeiten im Hirn.

    In diesem Sinne. Viele Grüße und einen guten Wochenstart.

    Hallo Ihr Lieben,
    die folgenden Zeile schreibe ich, um den Gedanken die Macht über mich zu nehmen:
    Wenn man hier im Forum knallharte Aussagen von Langzeittrockenen liest, dann kostet mich das mitunter viel psychische Kraft. Aktuell gelesen (sinngemäß): "Viele versuchen wegen anderen Menschen aufzuhören und nicht wegen sich selbst. Und scheitern deswegen.". Bah, das saß. Denn ich glaube, die mir nahestehenden Menschen sind der hauptsächliche (nicht ausschließliche) Grund, weshalb ich versuche trocken zu werden. Daraus schließt sich der Gedanke, dass wenn ich allein wäre, ich nicht so streng mit mir sein würde. Nun, diese Gedanken freut natürlich das Suchtzentrum. Oder kommen die dorther? Ich bin nicht klar im Kopf. Auch nach 4 Wochen Abstinenz. Meine ganze Denkweise basiert im Wesentlichen auf Logik, oder wie meine Frau sagen würde: "..du mit deiner Rationalität immer..". Die aus dem Hirn sprudelnde Logik kann man aber als Alkoholiker vergessen. Da ist 1+1 mitunter 3.

    In diesem Sinne. Viele Grüße und ein schönes Wochende.

    Hallo sunshine,
    Danke für deine Zeilen. Über die Co-Sache werde ich grübeln müssen. Es ist wahrscheinlich wirklich so, dass der Partner damit hofft die Sache besser kontrollieren zu können. Hinzu kommt auch ein Schuss Unwissenheit und Naivität gegenüber der Krankheit. Jedoch, wie ist es zu erklären, dass die vermutliche Co-Abhängigkeit des Partners (die ich nicht sah, sondern nur fühlte) bei mir ein Umdenken auslöste? Das verstehe ich derzeit noch nicht. Vielleicht muss ich es auch nicht.

    Mit der Definition der Kapitulation, wie du es schreibst, kann man sich anfreunden. Okay, Alk, du bist stärker. Schön für dich. Ich muss dich trotzdem nicht trinken. Das bekomm ich klar im Kopf.

    Viele Grüße

    Guten Morgen Ihr Lieben,

    Iowa : Zur Co-Sache: Ja, ich will beide Seiten verstehen. Meine Frau meinte vor zig Monden mal, dass es eine Stärke von mir sei, mich in jemand hineinzuversetzen. Mitgefühl zu entwicklen. Jetzt blickt man ein paar Tage abstinent auf die Saufzeit zurück und muss feststellen, dass man in Fragen der Droge alles andere als Mitgefühl für den Partner hatte. Das ist im Hirn einfach ausgeschaltet, ja fast schon umgepolt. Man denkt im Suff, man hätte für den Anderen Mitgefühl, hat es aber nüchtern betrachtet überhaupt nicht. Zumindest aus meiner Alkoholiker-Sicht betrachtet bringt es für einen Partner überhaupt nichts, sich mit dem Süchtigen über seine Droge zu unterhalten. Er wird alles erzählen, auch einfach weil das Hirn durch die Droge falsch reagiert. Sprich, weil er durch das Gift psychisch krank ist.
    Dieser Gedankengang beschäftigt mich vor dem Hintergrund, wie meine Frau mit meiner Sucht umgegangen ist. Bei uns gab es kein Versteckspiel bzgl. des Konsums. Sie kaufte mir auch Flaschen. Ich musste nie was verstecken. Sie schaffte Ladungen von leeren Flaschen weg (was sie sicherlich belastete). Aber jetzt kommts: Eigentlich ist es doch falsch, wenn man einen Süchtigen auch noch mit seiner Droge versorgt. Bei mir war aber genau das ein Puzzlestück für die Entscheidung gegen den Alkohol. Am Anfang fand ich es toll, dass sie mir Wein kauft. Aber irgendwann war es mir unangenehm, dass sie es tat. Ich verlor irgendwie die Kontrolle über den Kauf der Droge. Es war immer was da. Es war mir außerdem unangenehm, dass sie manchmal die leeren Flaschen wegschaffen musste. Sie war Teil dieser Sucht und damit kein Aggressor/Feindbild von außen, der mich maßregelt/drosselt oder wie ein Luchs meinen Konsum beobachtet. Dieses Mithineinziehen von Anderen in meinen eigenen Scheiß führte u.a. zum inneren Wandel bei mir selbst. Das klingt jetzt vielleicht paradox, aber so ist es.

    viola : Das mit der Kapitulation verstehe ich noch nicht richtig. Meinst du Kapitulation im Sinne einer Selbstaufgabe oder Kapitulation im Sinne eines Nachgebens? Derzeit verstehe es als Kampf (oder nennen wir es Kraftakt) seiner Sucht zu widerstehen. Es kostet Kraft, aber man ist viel wacher und leistungsfähiger. Man kann auch wieder die eigenen Emotionen besser einordnen bzw. schöne Dinge intensiver und nicht mehr so stumpf erleben.

    Nunja, genug von mir. Euch einen schönen sonnigen Tag. Gleich hat es die Sonne ins Bürofenster geschafft und dann werden Glückshormone aufgetankt.

    Viele Grüße

    Hallo Ihr Lieben,
    Danke für eure Worte. Es hilft zu wissen, dass man mit seiner Krankheit nicht allein ist. Das erzeugt bei mir ein gewisses Gruppengefühl.

    Was gibt es zu berichten? Nun, es sind aktuell 23 Tage Abstinenz. Das Suchtzentrum verliert langsam an Kraft. Das merke ich beispielsweise daran, dass mir die Weihnachtsgans ohne Alkohol egaler ist, als ich es vor paar Tagen noch empfand. Es stellt sich ganz langsam ein inneres Schulterzucken beim Gedanken daran ein. Langsam verstehe ich auch das eigene Suchtzentrum etwas besser. Die Trigger werden deutlicher. Ein starker spontaner Trigger ist bei mir im visuellen Bereich: Sobald man irgendwo eine Weinflasche oder einfach ein Glas Wein sieht gehen die Alarmglocken im Hirn an. Heißt für mich, dass die Weingläser im Küchenschrank aus dem Blickfeld entfernt werden müssen. Im Supermarkt hilft es, wenn ich bewusst vom Weinregal wegschaue. Nach dem Motto, aus dem Auge aus dem Sinn. Alles was Risiko bedeutet, wegmachen.

    Neben den visuellen Triggern besteht noch nach wie vor ein Grunddruck. Also die immer wiederkehrenden Gedanken an Wein. Das wird aber von Tag zu Tag besser.

    Was war negativ: Nicht viel. Jedoch habe ich mich in eine Risikosituation begeben, die ich im Nachhinein etwas bereut habe. Situation: Mitfahrer im Auto mit 3 Angetrunkenen. Es roch schon arg nach Alkohol. Es war blöd von mir, aber sich sozial völlig abzukapseln ist ein Schritt, der schwer fällt. Die Jungs haben insgesamt Respekt vor meiner Entscheidung, da sie mich auch als Anti-Alkoholiker kennen. Dennoch, das werde ich meiden müssen, da es mich psychische Kraft kostet.

    Was war positiv: Meine Frau kam gestern zu mir und sagte, dass sie stolz auf mich und meine Entscheidung wäre. Das freute mich. Ich musste aber gleich die Luft aus dem Lob nehmen indem ich meinte, dass es nur ein Anfang wäre. Erreicht ist noch gar nichts. Das zeigte mir aber, dass es sie doch mehr mitgenommen hatte als ich annahm bzw. sie mir zeigte. Sie war irgendwie auch befreit. Als ob ihr auch eine Last genommen wurde. Bisher habe ich augenscheinlich zu wenig im Co-Bereich gelesen.

    Soweit von mir. Viele Grüße und viel Kraft gegen die Sucht.

    Hallo Ihr Lieben,
    Danke für eure Worte und eure Teilnahme. Mir geht es gut. Mittlerweile sind es 19 Tage Abstinenz, jedoch treibt mich die Krankheit in warme, süße Gedanken. Im Moment bin ich standhaft. Die Vorstellungen, die Weihnachtsgans ohne ein schönes Glas Rotwein genießen zu müssen oder den lauen Sommerabend ohne ein gutes Glas Weißwein zu verbringen, fühlen sich aktuell sehr hart an. Nachwievor kreiseln Gedanken wie: "Ach, so ein Glas wird doch nicht schlimm sein! Danach kann ich ja wieder abstinent sein. Das muss doch zu schaffen sein.". Diese Gedanken kommen aktuell in regelmäßigen Abständen immer wieder. Beruhigend wirkt in diesen Situationen der hier zu lesende Trick: "In 10 Minuten ist es vorbei.". Das hilft. Bis zum nächsten Gedankenschub.

    In den vergangenen Tagen gab es positive und negative Erlebnisse. Das negativste Erlebnis hatte ich mit meinem Vater, der mir trotz des Wissens meiner Absichten, mehrfach Wein anbot. Gemessen am Konsum des Vaters ist er selbst alkoholkrank. Das wird jedoch totgeschwiegen. Irgendwie glaube ich, dass seine nassen Gedanken Enttäuschung sehen, weil er einen Trinkpartner verliert. Die Weinangebote ärgerten mich mehrere Tage. Allein die vergleichende Vorstellung, dem eigenen Sohn mehrfach Zucker trotz Zuckerkrankheit anzubieten, macht mich sehr ärgerlich. Komischerweise wiegt eine Zuckerkrankheit schwerer als eine Alkoholkrankheit. Den Kontakt werde ich auf ein Minimum zurückfahren müssen.

    Nun zu den positiven Erlebnissen. Selbige überwiegten in den vergangenen Tagen. Hier nur ein paar Beispiele: Der schöne Moment am frühen Morgen, wenn die Kleinste noch völlig verschlafen ins Bett unter die warme Decke vom Papa gekrabbelt kommt ist nun viel intensiver. Früher war man oft verkatert bzw. hatte noch Restalkohol drin. Da störte die Kleine eher. Nun ist es einfach nur hell und warm im Herz. So geht der Tag auch gleich prima los. Am Abend ist man nun auch mal mit klareren Gedanken gegenüber der Frau fähig. Gefühlt habe ich seit Monaten nicht mehr so "wach" mit ihr gesprochen. Im alkoholisierten Alltag funktionierte man ganz einfach, man war eingespielt und musste nicht viel reden. Ohne Alkohol ist es wieder eine ganz andere Stufe. Für sie würde ich gar nicht so anders sein, aber für mich fühlt es sich völlig anders, irgendwie befreiter, an.

    In diesem Sinne. Auf weitere standhafte Tage.

    Viele Grüße
    Kamarasow

    .. so ähnlich ist es wohl. Das mit dem Trinken. Jeder hatte seine kleinen Maulwurfshügel. Mal größere, mal kleinere. Die Gründe fürs Stolpern sind zahlreich, mal traurig, mal erschütternd, aber oft auch stink langweilig. Die Gründe fürs Stolpern sind aber auch nur der Einstieg für die Alkohohlkrankheit. Die Krankheit selbst wird durch die Droge Alkohol erzeugt. Nicht durch die Maulwurfshügel. Das zu erkennen dauert ab und an.
    Konfuzius meint noch etwas schönes: "Wenn du die Absicht hast, dich zu erneuern, tu es jeden Tag.". Nun, das habe ich vor. Ob man es schafft wird die Zeit zeigen.
    Zu mir: Eigentlich ziemlich langweilig. Im Gegensatz zu den anderen hier stehenden Lebensgeschichten, spießig. Studiert, Familie und Kinder, Mitte 30, seit Ende 20 regelmäßig getrunken. Am Ende war es eine Flasche Wein täglich. Ich habe keinen absoluten Tiefpunkt erleben müssen. Die Grundbausteine halte ich weitestgehend ein.
    Abstinent, per kaltem Entzug, seit 13 Tagen. Die körperlichen Entzugserscheinungen waren geringfügig (Unruhe, Schlafstörungen). Die Leberwerte und die sonstigen physischen Konditionen sind gut. Die größten Schwierigkeiten bereitet mir das von der Droge beeinflusste Suchtzentrum. Am Anfang des Entzugs war es am schlimmsten. Nun wird es von Tag zu Tag besser, aber der Druck ist nach wie vor da.
    Mehrere, vom Suchtzentrum beflügelte Gedanken kreiseln derzeit durch den Kopf:
    - Wenn es so leicht war, sich auf Abstinenz zu setzen, dann kann doch weiteres Trinken nicht schaden. Hey, die Leberwerte sind gut.
    - Nur ein kleines Gläschen Wein wird irgendwann später doch nicht schaden
    - Lebenslang kein Alkohol mehr, puh

    Ich weiß, dass das keine klaren Gedanken sind. Denn bis 28 Jahre war ich Alkoholverweigerer, lebte prima damit und hatte mächtig Spaß zusammen mit den besoffenen Leuten um mich herum. Jeder aktzeptierte meine damalige Entscheidung. Darauf hoffend, dass die kreiselnden Gedanken weniger werden, durchkämpfe ich den nächsten Tag.

    In diesem Sinne und Danke fürs Lesen.