Hallo zusammen,
ich hab in letzter Zeit etwas mehr Zeit, im Forum zu schreiben. Naja, was heißt mehr Zeit? Ich versuche mir die Zeit irgendwie anders einzuteilen, weil es mir gut tut, einfach nur mal auf dem Sofa zu sitzen und zu lesen/schreiben. Anders herum sehe ich auch zu, dass ich in meiner Freizeit nicht ZU viel drinnen bin, sondern auch draussen das Wetter genieße. Jetzt, wo es wieder kühler ist, macht es auch wieder mehr Spaß, spazieren- oder laufen zu gehen und das tut mir und meiner Seele auch sehr gut.
Meine Arbeit gefällt mir wirklich gut und das finde ich überaus wichtig, denn man verbringt schließlich viel Zeit in seinem Leben auf der Arbeit 
Ich muss mich manchmal allerdings ziemlich um mich selbst drehen, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Ich arbeite ja nicht ganz Vollzeit, sondern "nur" 30 Stunden in der Woche, aber ich muss gestehen, dass mir das auch völlig ausreicht, da meine Kinder noch in einem Alter sind, wo sie noch viel Zeit von mir benötigen. Sie sind wirklich selbständig erzogen, aber man muss eben doch ein Auge drauf haben, ob in der Schule alles läuft, Hausaufgaben immer gemacht sind, für Arbeiten lernen. Naja, das Übliche halt. Fußballtraining und am Wochenende finden die Spiele statt. Im Großen und Ganzen gelingt es mir aber ganz gut, alles unter einen Hut zu bekommen, denke ich.
Ich bin immer noch jeden Tag dankbar und glücklich, dass ich nichts mehr trinke. Geht das eigentlich irgendwann einmal vorbei? Ich meine, das muss es nicht, ich finde das Gefühl schön, mich immer wieder daran zu erinnern, wie viel besser es jetzt ist.
Ich habe gerade in der letzten Zeit auch immer mal wieder vor Augen geführt bekommen, wie schlimm diese Krankheit wirklich ist. Wir haben einen in der realen SHG, der wirklich so was von stabil und motiviert wirkt. Man merkt ihm einfach an, wie sehr er vom Trinken weg möchte und er schafft es einfach nicht. Alle paar Wochen erlebt er einen Rückfall und ist dann völlig fertig mit sich selbst und mit seinen Nerven. Er rappelt sich immer wieder auf, erscheint wieder in der Gruppe (seit der Gruppe sind 2 Rückfälle passiert) und jedes Mal war der Gang für ihn schwerer, wieder da zu stehen und wieder zu sagen "JETZT will ich es wirklich JETZT hat es geklickt).
Was ich so erschreckend finde ist, dass er bereits schon mal eineinhalb Jahr nichts getrunken hat und doch eigentlich weiß, wie schön es sich anfühlt, nichts zu trinken. Und was ich noch erschreckender finde ist, dass er derjenige ist, bei dem ich vom Auftreten und vom Reden her am wenigsten gedacht hätte, dass er gefährdet ist. Nicht, weil er so stark rüber kommen will. Da gibt es ja einige, die denken, ihnen könnte nie etwas passieren (wo wir beim Thema "Schwäche zeigen" sind). Er kam wirklich immer realistisch vor. So klar in seinen Gedanken. Er hat so sinnvolle Sachen von sich gegeben, die selbst mir irgendwie gezeigt haben "der macht sich Gedanken, der will es ganz, ganz ehrlich". Und Schwups. Wieder rückfällig. Das tut mir immer sehr leid. Aber es hilft auch, einem selbst bewusst zu machen, wie tückisch diese Krankheit ist und dass man sich nie zu sicher fühlen sollte.
Dann war noch eine Begegnung, die mich persönlich in meiner Gefühlswelt weitergebracht hat. Ich habe ja berichtet, dass ich einige Jahre mit meinem Ex-Partner zusammen war. Die Beziehung endete, als ich aufhörte zu trinken und er weitertrank, obwohl er es mindestens genau so nötig gehabt hätte, aufzuhören. Ich habe im geschlossenen Bereich näher darüber berichtet, im Co.-Bereich. Denn obwohl ich selbst getrunken habe und von dieser Krankheit betroffen bin, fühlte ich mich in dieser Beziehung deutlich Co.-abhängig. Ich hab gelogen für ihn, was das Zeug hält. Hab gehofft, immer wieder darauf vertraut, das alles gut wird und habe mir Sachen von ihm gefallen lassen, wo ich mich heute ohrfeigen könnte. Viel früher hätte ich mit meinen Kindern dort weggehen müssen, aber ich hab immer wieder gehofft, dass er aufhört. Hab mich über lange Zeit auf seine Lauen eingerichtet und versucht, ihm alles Recht zu machen, damit wir bloß alle nicht die Wut und den Frust abbekommen, wenn es mal nicht so läuft. Gründe gab es immer zu trinken. Entweder, weil alles so gut lief (Belohnung) oder aber, weil alles so schlecht lief (Frustbewältigung).
Nun ja, ich will gar nicht so weit ausholen, aber ich erwische mich immer noch dabei, wie sehr ich darauf achte, was er macht und wie bei ihm der Stand der Dinge ist. Wir sind fast ein Jahr auseinander und ich habe auch äußerst selten mal Kontakt und wenn, dann auch sehr oberflächlich. Aber ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich mich innerlich fast freue, wenn ich mal höre, dass bei ihm etwas gründlich schief gelaufen ist, weil er gesoffen hat. Ich komme mir dann wirklich ätzend vor, denn im Grunde genommen empfinde ich tiefes Mitleid für ihn. Aber ich konnte es nie hören, wenn er betont hat, wie toll alles läuft, seit dem wir nicht mehr zusammen sind und wie wahnsinnig gut er alles im Griff hat. Von sämtlichen, anderen Seiten höre ich dann, dass er kurz davor ist, beruflich am Ende zu sein und manchmal Tage lang sturzbetrunken ist. Und ich? Ich hatte lange Zeit nach der Trennung noch ein beklemmendes Gefühl, hab ihn teilweise immer noch in Schutz genommen und hatte das Bedürfnis, ihm zu helfen, irgend etwas zu tun. Und jetzt? Sollte es mir eigentlich völlig egal sein, aber es schwankt um, das Gefühl. Ich habe inzwischen so eine Art Genugtuung, wenn ich höre, dass er wieder mal irgendwas gegen die Wand gefahren hat. Dann denke ich "selbst Schuld, Du hättest den Weg ja mitgehen können".
Ich hab ihn neulich auf einer öffentlichen Veranstaltung getroffen. Er kam in die Runde, wo ich mit meinen Freunden stand und wollte kurz Hallo sagen. Hat er auch gemacht. Und nebenbei erwähnt, wie toll er in der letzten Zeit alles im Griff hat und dass er ja zu Hause sooooo viel geschafft hätte. Wir haben ihn alle angesehen und dasselbe gedacht. Nämlich, dass er das nur tut, um davon abzulenken, wie es wirklich aussieht. Denn es hatte im Grunde genommen niemand gefragt, wie es ihn so geht und ob alles gut bei ihm läuft. Er hat einfach das Bedürfnis, nach außen zu wirken, als sei alles gut. Das kommt mir bekannt vor. Ich selbst war ja auch so. Und deshalb weiß ich auch, dass es oftmals so ist: Je weiter der Hahn aufgerissen wird, umso weniger steckt dahinter. Lang und breit hat er die kleinsten Sachen ausgebreitet, wie toll es ist und wie gut er das schafft. Und während er so erzählt hat, hab ich seine Alkoholfahne gerochen und ihm angemerkt, dass er schon mächtig einen sitzen hat, obwohl die Veranstaltung gerade erst losgegangen war.
Ich habe mit meinen Kindern meine Wurst gegessen, ne Fanta getrunken und habe mich dann wieder vom Acker gemacht. Als ich dann zu Hause war hatte ich dieses Gefühl, wo ich dachte "Schönes Ding! Du wirst noch sehen, wo Dich das alles hinführt". Aber jetzt, wo ich das schreibe, finde ich mich hässlich in meinen Gedanken und habe wieder Mitleid. Weil er im Grunde genommen ja nichts dafür kann. So tickt man nun einmal, wenn man säuft. Aber anders herum: Er hätte ja mitziehen können.
Warum ich das alles aufgeschrieben habe? Weil mir diese Begegnung einfach noch einmal aufgezeigt hat, wie SEHR ich froh bin, aus dieser Beziehung raus zu sein. Und wie SEHR ich froh bin, nicht mehr diejenige zu sein, die auf einer Dorfveranstaltung schon zu Beginn mit einer Fahne die Leute zudröhnt, wie toll alles läuft.
Ansonsten freue ich mich wahnsinnig auf das Forum-Treffen. Ich muss gleich zur Arbeit und werde erst gegen 20.00 zurück sein. Dann werde ich bereits meinen Koffer packen und alle Taschen für die Kinder (Schlaf- und Sportsachen), damit ich morgen schon den Kopf davon frei habe und direkt nach der Arbeit los kann. Ich freue mich schon auf die Fahrt, bei lauter Musik einfach mal die Gedanken schweifen zu lassen.
Wir werden vom Treffen berichten und bis dahin wünsche ich schon einmal etwas verfrüht, allen ein schönes Wochenende.
Liebe Grüße
Cadda