So, und nun, wo ich gerade so offen und ehrlich bin, möchte ich mich noch einmal zu Wort melden.
Ich schleppe es schon einige Zeit mit mir rum und lese immer wieder Beiträge, was das Thema betrifft, wie man sich am besten in Bezug auf Veranstaltungen verhält, bei denen Alkohol konsumiert wird.
Ich war schon ein paar Mal kurz davor, in entsprechenden Tagebüchern auf das Thema einzugehen. Ich stolpere immer wieder über dieses Thema und da es allgemein ein Thema zu sein scheint, bei dem Unstimmigkeit oder unterschiedliche Handlungsweisen bestehen, habe ich gedacht, ich schreibe einfach mal in meinem eigenen Faden etwas dazu.
Ich hab hier nun schon einige Komplimente geerntet über meine Sichtweisen oder wie ich alles angehe. Darüber freue ich mich natürlicher einerseits, aber ich weiß ins Geheim eigentlich, dass viele auch die Hände über dem Kopf zusammen schlagen würden, wenn sie wüssten, wie ich so mit dem Thema "Orte an denen Alkohol getrunken wird" umgehe.
Ich lese oft gerade von den Leuten hier, die schon lange trocken sind, die sehr entschlossene Meinung, dass man solche Veranstaltungen meiden sollte. Ich habe mir diese Berichte auch ALLE sehr zu Herzen genommen und nehme mir immer sehr viel Zeit, auch nachträglich noch darüber nachzudenken. Ich habe nämlich sehr viel Respekt vor den Leuten, die hier schon so lange trocken sind und es stimmt, an der Vorgehensweise muss ja etwas richtig sein, sonst wären sie ja nicht so lange trocken.
Dieser Satz "einfach nur nichts trinken" reicht nicht. Der sitzt mir auch ganz tief im Kopf. Ich bin mit meinen vier Monaten Nüchternheit hier noch am Anfang und ich kann nicht ausschließen, dass sich meine Meinung zu einigen Dingen noch ändert. Momentan kann ich aber machen, was ich will. Ich kann mich mit dem Gedanken einfach nicht anfreunden, alle Veranstaltungen oder Orte zu meiden, an denen Alkohol konsumiert wird.
Ich handhabe es zur Zeit so, dass ich nicht alle Veranstaltungen meide.
Ich habe sicherlich einiges geändert, aber nicht alles. Wenn ich weiß, dass sich 3 oder 4 meiner Kumpels irgendwo treffen und da einen saufen, dann werde ich dort mit Sicherheit nicht aufschlagen. Ich muss auch ehrlich sagen, dass es gewisse "Kumpels" gibt, mit denen ich mich gar nicht mehr getroffen habe, seit dem ich nichts trinke. Es sind halt keine Freunde, sondern nur Kumpels, die mir gelegen kamen, weil sie immer schön mit gesoffen haben. Dahingehend hat sich etwas verändert. Bekomme ich da eine Nachricht, dass man sich zum Klönen treffen will, weiß ich sofort, dass ich nicht hingehe und das werde ich auch zukünftig nicht tun. Die "Freundschaft" mit den Leuten hat sich quasi eigentlich jetzt schon erledigt.
Wenn ich mich mit meinen Freundinnen VERABREDE, ist ebenfalls klar, dass es keinen Alkohol gibt. Ich habe in meinem Beitrag davor ja schon davon berichtet. Es wird ausschließlich Kaffee getrunken und das wars.
Bei mir zu Hause gibt es generell kein Alkohol mehr, auch nicht für Besucher. Ich möchte keinen Alkohol bei mir haben. Punkt.
Aber jetzt kommt das große Aber: Wenn einer meiner Freunde, und damit meine ich nicht die Kumpels, die eigentlich nur zum Saufen da waren, sondern wenn wirklich einer meiner Freunde oder Freundinnen Geburtstag haben, dann gehe ich hin.
Ich weiß, dass das viele verantwortungslos finden und absolut nicht nachvollziehen können. Deshalb hab ich bisher über das Thema auch wenig geschrieben. Aber ich bin ja nicht hier, um mir oder anderen etwas vorzumachen. Ich mache mir meine Gedanken zu dem Thema und bislang konnte ich für mich einfach nicht entscheiden, solchen Anlässen fern zu bleiben. Ich stehe einfach für MICH nicht hinter dieser Meinung, obwohl ich die Meinung von anderen schon irgendwo nachvollziehen kann. Stichwort Risikominimierung!!
Ich will hier keinesfalls mit dem Kopf durch die Wand und ich möchte nicht behaupten, dass die von mir zur Zeit gewählte Vorgehensweise die Richtige ist. Ich sehe immer gern verschiedene Sichtweisen. Ja, ich weiß, dass es beim Thema Alkohol nur schwarz oder weiß gibt. Alle haben das selbe Problem und sicherlich haben auch alle das gleiche Ziel, nämlich trocken zu bleiben. Ja, die Gedanken an Alkohol hat man zwangsläufig, wenn man Menschen trinken sieht. Ich denke auch nicht "Juhu, jetzt war ich so stark und hab die Situation gemeistert". Mir ist klar, dass auch Tage später noch das Suchtgedächtnis anspringen kann.
Für mich ist es auch ganz wichtig, das Suchtgedächtnis bekämpfen zu können und ich finde es selbst nicht schön, wenn es anspringt. Ja, Trockenheit steht über allem und ist das Wichtigste.
Ich weiß wie gesagt nicht, wie ich in der Zukunft damit umgehen werde. Ob sich meine Sichtweise noch verändert. Ich möchte aber meine Gedanken dazu mitteilen, auch wenn ich die Kritik und Standpunkte von Einigen kenne und nachvollziehen kann.
Ich war neulich beispielsweise auf einer Veranstaltung draussen im Garten bei Freunden. Bei Wind und Wetter mit ganz vielen Feuerkörben, Stehtischen. Mit Erwachsenen und mit Kindern. Mit Grillen in der Kälte. Mit Punsch, mit anderen Getränken. Mit heißer Schokolade, mit Kannen Tee, mit Selter und mit Mix-Getränken. Es gab einige Leute, die haben Alkohol getrunken. Es war - jedenfalls solange ich da war - aber keinem irgendein Suff anzumerken. Viele waren mit dem Auto dort und haben - genau wie ich - Tee oder heiße Schokolade getrunken. Es war so ein wahnsinnig schöner Abend mit guten und tollen Gesprächen. Ich habe Leute getroffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Leute, bei denen Alkohol im Leben nicht so eine große Rolle spielt, wie bei den Leuten, mit denen ich mich sonst getroffen habe.
Zu Saufzeiten war ich zu dieser Veranstaltung, die nur ein Mal im Jahr stattfindet, ebenfalls immer eingeladen und bin in den letzten Jahren nur ein Mal da gewesen. Ansonsten war mir das immer zu langweilig dort. Ich hab lieber mit den "Kumpels" gefeiert, die sich ordentlich abgeschossen haben. Ich habe erst JETZT, wo ich nicht mehr saufe, Lust gehabt, zu dieser Veranstaltung zu gehen und mich mit genau den Leuten zu treffen, die dort sind.
Was ich damit sagen will. Es gibt auch Veranstaltungen, an denen zwar Alkohol konsumiert wird, die aber letztendlich weniger mit Saufen zu tun haben, als die Veranstaltungen, die man vorher besucht hat. Ich habe genau durch diese Treffen, an denen ich jetzt teilnehme und vorher nicht, Menschen besser kennen gelernt. Das sind Menschen, mit denen ich mich jetzt z. B. auch zum Sport treffe. Diese Leute hab ich über die Jahre komplett aus den Augen verloren und durch diese Treffen habe ich die Leute wieder besser kennen gelernt und sie haben auch vermutlich jetzt erst wieder Lust darauf, MICH zu sehen, weil ich eben nicht mehr so sehr neben der Spur bin.
Diese Treffen haben mich letztendlich total glücklich gemacht. Ich war endlich mal wieder unter "normalen" Leuten, die eben nicht nach zwei Stunden schon total hacke sind. Ich hab die Abende so was von genossen, es waren tolle Gespräche. Ich hätte nicht verzichten wollen auf diese Abende, "nur" weil einige Menschen dort Punsch, statt heißer Schokolade getrunken haben.
Auch der Weihnachtsbasar hier im Dorf war für mich ein total toller Tag. Ich bin hingegangen und hatte gute Gespräche und einen ganzen Haufen Spaß. Man hat mal wieder mit Nachbarn geklönt und ist mit anderen Leuten aus dem Dorf zusammen gekommen. Als es dort mehr zur Sache ging, was den Alkohol angeht, bin ich nach Hause gegangen. Für mich war es genug.
Ich weiß nicht, ob ich erklären kann, worum es mir geht. Ich weiß, dass ich auch soziale Kontakte pflegen kann, indem ich mich gezielt verabrede. Aber einige dieser Veranstaltungen, gerade wo man spontan mal mit dem und mal mit dem klönt, fand ich sehr schön.
Ich weiß nicht, wie ich in einigen Wochen darüber denke. Ich habe auch mit meiner Therapeutin darüber gesprochen. Auch unter den Therapeuten scheint es hier ja unterschiedliche Einstellungen zu geben. Für manche ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass das gar nicht geht und manche sagen, es ist völlig in Ordnung, dass jeder das für sich allein entscheidet.
Manche Dinge leuchten mir ein und ich stehe auch total dahinter. Ich würde z. B. nie ein alkoholfreies Bier oder alkoholfreien Sekt (selbst WENN es wirklich alkoholfrei wäre) trinken. Bei mir Zuhause gibt es keinen Alkohol, auch nicht für Besucher.
Bei dem Thema Veranstaltungen entscheide ich das immer vorher neu. Wenn ich mich allerdings entscheide, dass ich zu einer Veranstaltung hingehe, dann verheimliche ich dort nicht, dass ich keinen Alkohol trinke. Ich werde auch gar nicht mehr gefragt, weil mein Umfeld es weiß.
Ich habe es ja nur meiner Familie und meinen engsten Freunden gesagt. Aber inzwischen hat sich das so sehr rumgesprochen, dass mich keiner mehr fragt oder mir unaufgefordert eine Selter in die Hand drückt.
So, es hat zwar niemanden etwas gebracht, dass ich meine Gedanken diesbezüglich nun aufgeschrieben habe, weil auch weiterhin dieses Thema sehr umstritten sein wird. Aber ich wollte meine Gedanken hierzu trotzdem einmal loswerden. Weil ich denke, dass ich nicht hier bin, um meine Vorgehensweise zu verheimlichen.