Resumé meiner Langzeittherapie II
Da stand ich nun mit meinem Köfferchen. 16 Wochen wie eine unüberwindlich hohe Wand vor mir. Die gehen ja NIE rum, dachte ich. Mal sehn…
Die ersten Tage gingen mit medizinischen Untersuchungen, Vorstellung in meiner Bezugsgruppe und Einzelgespräch mit meinem Bezugstherapeuten schnell rum. Dann ging der ‚Alltag’ mit Gruppentherapien, Vorträgen, Sporttherapie, Kunsttherapie und physiotherapeutischen Anwendungen los. Dazwischen immer wieder medizinische Untersuchungen (Blutwerte, Blutzucker, Urin, usw.). Auch wurde immer wieder gruppenweise (Losentscheid) zum allgemeinen Blasen (Atemalkohol) ‚eingeladen’. Dies konnte auch mal passieren, wenn man schon im Bett lag…
Nach 4 Wochen durfte ich das Klinikgelände im Rahmen der Ausgangszeiten verlassen. Diese Ausgangszeiten waren m.E. großzügig bemessen (wochentags 17:30 Uhr bis 22:00 Uhr und Sa/So/FT 8:00 Uhr bis 22:00).
Jetzt ging ich auch in die Indikativgruppen, welche ich zusammen mit meinem Therapeuten für mich aussuchen konnte. Indikativgruppen sind Therapiegruppen mit unterschiedlichen Themeninhalten: Denken, Fühlen, Handeln – Probleme am Arbeitsplatz – Sicherheit im Kontakt – Atemtechnik – Entspannungstechnik – Ernährungslehre – Schwimmen – Kunstgruppe (um nur einige zu nennen).
In den Winterwochen besuchte ich fast jeden Tag die dortige Sauna. Gott sei Dank gab es auch einen, wenn auch langsamen, Internetanschluss, so dass ich fast täglich im Forum lesen konnte.
Nach 9 Wochen hatte ich meinen ersten von insgesamt drei ‚Wochenendurlauben’, d.h. man durfte über Nacht (2 Nächte) heimfahren.
Als dann langsam der Frühling sich zu regen begann, betrachtete ich sein Erwachen aus ganz anderen Augen, als ich noch gesoffen hatte. Es war so schön in den warmen Sonnenstrahlen die ersten Blüten, die frischen Tannensprosse, die Erde regelrecht zu riechen! Dem Vogelgezwitscher aktiv zuzuhören. Den Kröten bei den Paarungsaktivitäten zuzusehen.
(Die Klinik liegt quasi mitten im Wald).
Ich habe Gefühle und Empfindungen erfahren und zulassen können, die mir schon ganz fremd geworden waren. Ich merkte, was ich in den letzten Jahren alles versäumt hatte. So geht es mir jetzt noch mit vielen anderen Dingen.
Um meine letzten Indikativgruppen abschließen zu können (ein Turnus geht immer über 8 Sitzungen/4 Wochen), hatte ich meine Therapiezeit dann sogar noch um eine Woche verlängert.
Am letzten Dienstag, 17.04.07, war dann mein Entlassungstag. Ich muss sagen, ich ging mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich habe die Zeit dort sehr genossen. Es gab nichts, was mich langweilte, oder mir gegen den Strich ging. Ich habe mich allerdings auch absolut vorbehaltlos allem geöffnet, habe mich gegen nichts gewehrt und alles zugelassen. Ich denke (weiß), wenn jemand nur widerwillig, oder gar unter Zwang eine Therapie macht, dann ist die Zeit für denjenigen unendlich und nutzlos. Wobei ich bei zwei meiner Mitpatienten die Erfahrung gemacht habe, dass sich ein solcher anfänglicher Widerwille im Laufe der Therapie auch zu Einsicht und letztendlich auch zu einem erfolgreichen Abschluss der Maßnahme wandeln kann! Daher kann ich jetzt verstehen, dass auch manchmal absolut hoffnungslos erscheinende ‚Fälle’ zur Therapie geschickt werden.
Wie schon die ganzen Tage davor und danach war an meinem Entlassungstag wunderschönes Wetter. Ich verabschiedete mich von meiner Gruppe und von meinem Therapeuten. Wenn in diesem Augenblick jemand gekommen wär, und hätte gesagt: „Herr Pauly, sie müssen noch einen weiteren Monat hierbleiben“, dann hätte ich freudestrahlend zugesagt!
Als ich dann heimfuhr, gingen mir freilich Gedanken wie „Ohje, jetzt bist du wieder auf dich alleine gestellt. Wie wird es jetzt wohl weiter gehen?“ durch den Kopf. Aber ich habe mich dann erst mal wieder gefreut, als ich daheim ankam und ich freudig von meinem Freund und unseren drei Katzen begrüßt wurde.
Am nächsten Morgen ging ich dann auch schon wieder zur Arbeit. Ich wurde zwar oft gefragt, warum ich denn gleich wieder arbeiten wolle und nicht noch ein paar Tage Urlaub nähme, aber ich dachte für mich, was ändert das, wenn ich jetzt erst noch ein paar Tage daheim sitze. Dann lieber gleich.
Ich wurde von meinen Kollegen herzlich in Empfang genommen. Die Kollegen in meiner Abteilung wissen eh, wo ich war.
Heute ist meine Entlassung eine Woche her. Im Büro habe ich mich gut wieder eingelebt. Ich wurde von manchen Kollegen gefragt, wo ich denn so lange gewesen sei. „Ich war auf Kur“, sage ich immer. Aber immer kam auch die Nachfrage „Auf Kur? Auf welcher Kur denn?“ „Ich war auf einer Kur zur Alkoholentwöhnung“ „Achwas, im Ernst?“ „Ja“ „Aha…, aber schön, dass Du wieder da bist.“ So, oder so ähnlich verlief das immer. Genau so in meinem Bekanntenkreis, die noch nicht Bescheid wussten.
Es geht mir sehr gut mit dieser Ehrlichkeit. Natürlich hab ich nicht das berühmte Schild um den Hals, aber, wer fragt, bekommt eine ehrliche Antwort. So einfach ist das!
Ich geh wieder in meine SHG im Nachbarort und natürlich weiterhin hierher ins Forum. Ich nehme immer noch die Antidepressiva (allerdings wurde die Dosierung erheblich reduziert), aber ich bin zuversichtlich, dass ich die zusammen mit meinem Psycho auch bald vollends ausschleichen kann. In der Klinik konnte die Dosierung meiner Beta-Blocker (Bluthochdruck), die ich schon seit vielen Jahren nehmen muss, auch reduziert werden. Seit meiner Entlassung haben wir sie ganz abgesetzt (Absprache Klinikärztin/Hausarzt), unter der Auflage, dass ich täglich messe und nach zwei Wochen mit den Werten wieder bei meinem Hausarzt erscheine. Bis jetzt sind die Blutdruckwerte super! (Toi, toi, toi…)
Morgen ist es auf den Tag ein halbes Jahr her, dass ich das letzte Mal Alkohol getrunken habe und ich fühle mich so wohl und zufrieden wie noch nie (zumindest kann ich mich nicht erinnern)!
Ich möchte jedem Unentschlossenen Mut machen. Ich dachte auch mal, wie kann man ohne Alk fröhlich sein und genießen können? MAN KANN! Und sogar besser, als mit Alk. Man darf mir das ruhig glauben, denn, wie gesagt, ich war auch ein sehr großer Zweifler!
Ich wünsche Euch allen (und mir), dass wir eine zufriedene Trockenheit erreichen, bzw. uns erhalten. Für mein Empfinden ist Zufriedenheit mit das wichtigste im Leben.
Die Vorstufe zum Glück sozusagen…