Hallo Linde und vielen Dank für die freundliche Aufnahme!
Ich glaube, dass alles damit angefangen hat - zumindest für mich - als ich das erste mal Flaschen gefunden habe, wo sie eigentlich nicht hingehören. Im Wäschekorb, im Badezimmerschrank. Bier, Wein. Leer, voll.
Ich weiß nicht, wie alt ich damals war.
Ich habe es nicht verstanden, vielleicht war ich zu jung oder zu gutgläubig.
Meine Mama war früher immer eine sehr gepflegte Frau, immer gut gekleidet, frisiert und ordentlich zurecht gemacht. Jedenfalls habe ich mir nicht allzu große Gedanken gemacht. Meine Eltern waren beide Berufstätig, wir wohnten in einem drei-Familien-Haus. Unten die Eltern von meiner Mutter, oben Onkel und Tante. In der Mitte wir. Ich bin ein Einzelkind und vielleicht wurde ich zu sehr verwöhnt, aber ich denke ich war nie eine Art "Problemkind". Wir hatten eine Katze, die ich über alles geliebt habe.
Ich liebte es, wenn meine Mutter mir die Haare geflochten hat, wenn wir zusammen gekocht haben oder gelesen.
Und dann ist irgendwann mein Opa, ihr Vater, verstorben und alles wurde anders.
Meine Mutter ging nicht mehr regelmäßig arbeiten, war "krank geschrieben" und sie saß hauptsächlich auf der Couch. Ohne Fernsehen, aber rauchend und trinkend. Sie war das jüngste Kind von fünf Kindern insgesamt und hing sehr an meinem Opa.
Vielleicht war das der Zeitpunkt, wo ich bemerkt habe dass etwas nicht stimmt. Aber Alkohol ist ja so schön gesellschaftsfähig und überall erhältlich. Und wenn Mama betrunken auf einem Geburtstag innerhalb der Familie war, dann wurde gelacht und es war okay.
Ich werde nie das Geräusch vergessen, wenn ein Flaschendeckel geöffnet wird.
Ich ging zur Schule, kam nach Hause und habe mich um meinen Kram gekümmert.
Ich weiß nicht, wann es war aber irgendwann ist meine Mama gestürzt in der Dusche und im Krankenhaus kam das Thema Alkohol auf.
Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen daran, aber es gibt ein paar Dinge die ich nie vergessen werde.
Meine Mama haut nachts ab, mein Papa weint. Ich halte Wache, bis sie zurück ist.
Sie wird immer dünner, isst kaum mehr.
Mein Papa versucht zu helfen, aber wie kann man einem Menschen helfen, der keine Hilfe annimmt?
Aus Bier und Wein wird Wodka, Korn und Gin.
Ich weiß, dass mein Papa ihr Alkohol mitgebracht hat und ich wünschte er würde es nicht tun.
Ich erinnere mich an Flaschen hinter den Sofakissen, an nächtliche Schimpftiraden und die Geräusche vom Staubsauger in der Nacht.
An viele Stunden Autofahrt, um meine Mutter im Entzug zu besuchen. Zu viele fruchtlose Versuche, immer die Hoffnung im Herzen es wird besser. Nächste mal wird es anders. Ganz sicher.
Mein Papa zieht aus, ich will mit. Er zieht in die Gartenlaube seiner Eltern und ich bleibe zurück. Ich bin allein in der Wohnung mit ihr und der Katze.
Ich bleibe, weil ich meine Katze liebe und nicht meine Mutter.
Ich fahre mit der Bahn zur Ausbildung, es ist Winter und ich habe mir eine kleine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank mitgenommen. Ich sitze im Wartehäuschen und trinke einen Schluck. Es ist hochprozentiges. Ich würde am liebsten kotzen.
Ich komme aus einem kurzen Urlaub wieder, mein Laptop ist weg. Meine eigene Mutter hat ihn für Alkohol versetzt.
Papa findet eine Wohnung, ich bin erleichtert und ich packe meine Koffer, nachdem mich nichts mehr hält. Meine Katze wurde 12 Jahre alt und ich war frei. Ich gehe zu meinem Papi.
Sturmschellen in der Nacht in der neuen Wohnung, Telefonterror und endlose Vorwürfe.
Mama im Krankenhaus, Intensivstation. Sie sieht schrecklich aus. Dünn, ausgemergelt, gelbliche Haut.
Mein Papa hat sie nicht erkannt und ich wusste nicht, was ich sagen soll.
Ich fühl mich leer.
Ich glaube es war ein Freitag, an dem meine alkoholkranke Mutter gestorben ist. Sie ist 42 Jahre geworden. Ich war 19.
Ich habe es kaum jemanden je erzählt, hoffe immer das niemand mich nach ihr fragt und wenn antworte ich ausweichend. Ich hasse es, hasse sie und mich. Ich wünschte sie wäre stärker gewesen.